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Silicon Valley:Schöner scheitern

An dieser Stelle schreiben jeden Mittwoch Alina Fichter und Ulrich Schäfer im Wechsel. Illustration: SZ

Astro Teller ist Chef von X, dem geheimen Forschungslabor von Google. Um erfolgreich zu sein, feiert er den Misserfolg.

Wann immer Astro Teller kann, predigt er, was angeblich den Ausschlag für Erfolg bei X gibt, das einmal Google X hieß und dessen Chef er ist. X ist eine geheime Forschungsabteilung für das Unmögliche und gehört zum Technologieunternehmen Alphabet, das früher Google hieß. X hat seinen Sitz wenige Kilometer vom Hauptquartier des Mutterkonzerns entfernt in einem unscheinbaren, zweistöckigen Bau in Mountain View. Teller erzählt gerne, wie unfassbar schwierig es für Menschen sei, am laufenden Band zu versagen - und das genau das die Hauptaufgabe bei X sei.

Denn von X sollen die ganz großen Würfe kommen, und auf ein gelungenes Projekt kommen Hunderte gescheiterte. Das meiste, an dem in den Hallen von X getüftelt wird, ist streng geheim. Bekannt ist aber, dass Teller schon versucht hat, mit dem automatisierten, vertikalen Anbau von Kopfsalaten den Hunger auszurotten, was ihm leider misslungen ist. Außerdem wollte er das Internet mithilfe von Riesenballons in die ganze weite Welt hinaus bringen, was bisher nur teilweise geklappt hat.

Damit Tellers Mitarbeiter sich von all den Misserfolgen nicht frustrieren lassen, sondern weiter große Ideen ausbrüten, hat er sich allerlei einfallen lassen, um ihnen das Scheitern zu verschönern. Zum Beispiel bekommen Mitarbeiter Extrazulagen, wenn ihnen ein Projekt misslingt, manche steigen sogar in der Karriereleiter auf. Zudem kommt der Chef dann auch mal persönlich auf ein "high five" bei dem Versager vorbei, für einen anerkennenden Handschlag.

Teller treibt damit ein Klischee des Silicon Valley auf die Spitze: das Mantra, schneller und schöner zu scheitern. Tatsächlich übertreibt er, der gern geflochtenen Pferdeschwanz zum akkurat gestutzten Vollbart trägt, fast alles, was das Tal ausmacht, im Alltag und im Jahresverlauf. Teller gibt seinen Mitarbeitern nicht nur die Erlaubnis zu versagen, er feiert ihre vielen Misserfolge systematisch. So kommt die Botschaft, mutig neue Ideen anzugehen, besser an, findet er.

Für X ließ Teller den Tag der Toten, der in Mexiko mit Umzügen, Tänzen und Musik gefeiert wird, für die eigenen Zwecken anpassen. Einmal im Jahr bekommen die größten Versager eine Bühne beim Tag der toten Projekte von X und erzählen davon, wie es war, ihre Lieblingsidee zu beerdigen. Dazu wird Bier ausgeschenkt, die Mitarbeiter klatschen und johlen. Danach tun sie sich, so die Hoffnung, beim nächsten Mal leichter, sich selbst von einer Idee frühzeitig zu verabschieden, etwa weil sie sehen, dass ihre technologische Vision, wie sie den Welthunger ausknipsen könnten, doch wieder zu abwegig war. So belaufen sich die Kosten für ein wenig erfolgversprechendes Projekt nur auf ein paar Hunderttausend Dollar, bevor es auf den Tech-Friedhof wandert, statt ein paar Millionen.

Die Bilder von Neil Armstrong, der auf dem Mond spaziert, sollen seine Mitarbeiter träumen lassen

Die Welt mit den Tech-Produkten "revolutionieren zu wollen", ist ein weiteres Klischee, das Silicon-Valley-Bewohner gerne vor sich hertragen. Natürlich auch Teller. Drei Voraussetzungen gebe es, um bei X mitmachen zu dürfen, sagt er. Bewerber müssten, erstens, ein Faible für die ganz großen Probleme mitbringen, die Millionen, oder lieber noch: Milliarden Menschen betreffen. Ohne eine Vorliebe für völlig radikale Ansätze bringt man es, zweitens, hier auch nicht weit. Zuletzt fehlt nur noch die total disruptive, also zerstörerische technologische Lösung. Und am Ende könnte, drittens, die Weltrevolution stehen.

Natürlich fährt kein Nerd südlich von San Francisco morgens zur Arbeit, ohne fest daran zu glauben, die Welt mit seinem Code zu einem besseren Ort zu machen, indem er an irgendwelchen Problemen arbeitet, von denen unklar ist, wen sie wirklich kümmern. "Make the world a better place" ist ein geflügeltes Wort im Valley. Aber bei X heißt es gleich, man mache die Welt zu einem radikal besseren Ort, am liebsten für die gesamte Menschheit.

Dabei geht es aber tatsächlich weniger darum, dass sich Tech-Firmen für die Welt aufopfern, auch wenn manche Unternehmenschefs es so klingen lassen. Das Project Loon etwa, die Initiative mit den Riesenballons, wird so verkauft, als wolle X unzählige arme Menschen in entlegenen Regionen endlich ans lang ersehnte Internet anschließen. Gerade so, als hätten Leute in brasilianischen Favelas keine drängenderen Sorgen. Tatsächlich wird die Mutterfirma Alphabet erheblich davon profitieren, wenn auch die andere Hälfte der Weltbevölkerung online geht, die Google-Suche nutzt und dort Werbeanzeigen sieht. Es geht bei X also, genau wie bei anderen Firmen, um neue Kunden und mehr Umsatz.

Aber Silicon-Valley-Bewohner sind Meister darin, banale Dinge schön zu verpacken, und Teller ist ihr Großmeister. Auch der Beiname von X zeigt das. Er ist vor allem: gutes Marketing. "Moonshot Factory" nennt sich das Forschungslabor nämlich. Der Titel sei, lässt Teller wissen, angelehnt an die große Vision des ehemaligen amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy, der 1962 verkündete, schon bald werde er einen Mann auf den Mond schießen lassen, was damals völlig unmöglich erschien, aber 1969 doch Wirklichkeit wurde. Teller sieht sich gewissermaßen als Kennedys Nachfolger. Er will schaffen, was heute unmöglich erscheint, sagt er, da ist er ganz unbescheiden. Und die Bilder von Neil Armstrong, der auf dem Mond spaziert, sollen seine Mitarbeiter zum Träumen bringen - und zum Arbeiten.

Es ist leicht, sich lustig zu machen über leere Sprüche, geflochtene Pferdeschwänze und darüber, dass Ingenieure fröhlich in die Hände klatschen sollen, wenn sie mal wieder einige Hunderttausend versenkt haben. Aber eins muss man den Kaliforniern lassen: Sie schaffen es, für dauernde Aufbruchstimmung zu sorgen.

© SZ vom 04.10.2017

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