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Silicon Valley:Falsches Vorbild

Am Sitz von Google in Mountain View, Kalifornien.

(Foto: Eric Risberg/AP)

Das Silicon Valley als Innovationsstandort ist hierzulande nicht einfach zu kopieren. Zu diesem Ergebnis kommt ein Forschungsprojekt. Doch es gibt andere Wege, um innovative Geschäftsideen zu fördern.

Viele europäische Länder beneiden das Silicon Valley in Kalifornien für seine Gründungskultur, in dem innovative Start-ups florieren. Ein Forschungsprojekt ergab nun, dass es für Deutschland gar nicht sinnvoll ist, diesem Vorbild nachzueifern. Trotzdem gibt es Wege, um hochtechnologische Geschäftsideen zu fördern.

Amazon, Google, Apple, Microsoft, Facebook - die Liste erfolgreicher Tech-Unternehmen aus den USA ist lang. In der deutschen Start-up-Szene sieht es anders aus. Laut dem europäischen Forschungsprojekt "Financial and Institutional Reforms for an Entrepreneurial Society" haben es innovative Unternehmen hierzulande auch schwerer als in den USA. "Alles, was man braucht, um innovativ zu sein, kann man in den Staaten schneller bekommen", sagt Innovationsforscherin Andrea Herrmann. Grund dafür seien vor allem ein deregulierter Arbeits- und Finanzmarkt. "Wenn Sie jemanden einstellen wollen, können Sie das von heute auf morgen tun, weil der von heute auf morgen seinen aktuellen Job kündigen kann. Wenn Sie Geld benötigen, haben Sie mehr Risikokapital", sagt Hermann. Zudem könnten Manager in den USA schneller Entscheidungen treffen und Veränderungen vornehmen, da Aufsichtsräte als zusätzliche Instanzen fehlen. Herrmann ist Associate Professor der Innovation Studies an der Universität Utrecht und Gastwissenschaftlerin am Max-Planck-Institut.

Das ganze System in Deutschland zu deregulieren, damit es innovative Unternehmen leichter haben, hält Herrmann jedoch für keine sinnvolle Option. Die Gründungskultur sei hierzulande aufgrund der sozialen Sicherungssysteme anders und bringe auch andere Unternehmenstypen hervor. Dabei unterscheidet Hermann drei verschiedene Gründungstypen: Die radikalen Innovatoren, die neue Produkte oder Dienstleistungen entwickeln. Die Imitatoren, die etwas anbieten, das sich als Geschäftsmodell bewährt hat und die inkrementellen Innovatoren, die bekannte Technologien verbessern. Im Gegensatz zu den radikalen Innovatoren hätten es Unternehmer, die ein inkrementelles Start-up gründen möchten, in den USA sogar schwerer als in Deutschland. Hier seien die Rahmenbedingungen in Deutschland ideal. "Denn dazu benötigt man Leute, die sehr spezifische Fähigkeiten haben, die lange in einem Unternehmen bleiben, um zu tüfteln, und die Wissen mitbringen, das man nicht unbedingt an der Uni erwirbt, sondern in einem langen Arbeitsprozess in einem Unternehmen", erklärt Herrmann. Diese Leute gibt es in Deutschland etwa aufgrund des strengen Kündigungsschutzes. Ein weiterer Faktor sei, dass es in Deutschland für solche Nischenunternehmen viele Wege gebe, an Kredite zu kommen. "Wenn man kein Risikokapital benötigt, sondern andere Möglichkeiten der Unternehmensfinanzierung, ist das deutsche Bankensystem relativ gut geeignet", meint Herrmann.

Die Gründerkultur ist in den USA anders - auch wegen der Finanzierungsbedingungen

Auch Georg Licht, Gründungsforscher am Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung, glaubt, dass unterschiedliche Finanzierungsbedingungen zu unterschiedlichen Gründerkulturen führen. Die Unternehmensfinanzierung im Silicon Valley sei zwar nicht risikoliebend, aber risikotolerant. "Die Financiers entscheiden dort ähnlich wie bei Wetten, während die in Deutschland eher wollen, dass Gründer etwas vorweisen können." Zudem gebe es im Silicon Valley viele Unternehmen, die sich wiederum als Business Angels engagieren. "Die eine Generation finanziert somit die nächste Generation der Unternehmen. In Deutschland fängt das erst so langsam an. Und hier sind es auch keine frischen Gründer, sondern etablierte Unternehmen", sagt Licht.

Auch Vorbilder spielten eine Rolle: Wo es bereits viele radikal-innovative Start-ups gibt, werden mehr neue gegründet. "In Deutschland gibt es nicht so viele Vorbilder - und wenn, sind sie nicht so stark promotet", sagt Licht. Zuletzt sei die Vernetzung zwischen Finanzierungs- und technologischer Seite im Silicon Valley besonders gut. Wer technologisches Know-how hat und Kontakte im Finanzbereich, hat bessere Startbedingungen als Gründer.

Um in Deutschland innovativere Gründungen zu fördern, sollte laut Georg Licht beispielsweise das Risikokapitalangebot vergrößert werden, etwa mit staatlichen Mechanismen wie dem Hightech-Gründerfonds. "Die Präferenzen der Leute zu verändern, funktioniert nur eingeschränkt - indem man ein positives Bild der Gründer zeichnet, indem man zeigt, dass es beispielsweise nicht an persönlichem Versagen lag, wenn ein Unternehmen gescheitert ist, sondern an anderen Bedingungen", erklärt der Gründungsforscher. Der Deutsche Gründerpreis etwa habe eine solche Wirkung - wenn auch nur eine marginale. Eine Veränderung zu erzielen dauere.

Die andere Möglichkeit geschehe in Deutschland immer wieder: Dass Start-ups selbständig versuchen, das deutsche System zu umgehen. "Beispielsweise stellen sie Leute nur befristet ein. Oder sie holen sich viele Leute aus dem Ausland. Oder suchen Venture Capital aus dem Ausland", erklärt Herrmann. "Cherry Picking im Ausland", auf deutsch "Rosinen picken", nennt sie dies und "aus dem Regulierungswerk ausbrechen".