Silicon Valley:"Die Nerd"

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Das Silicon Valley tut, als sei es tolerant. Aber Frauen in Tech-Unternehmen haben es schwer - es gibt nur wenige. Ausgerechnet Präsident Trump könnte das ändern.

Von Alina Fichter

Das Silicon Valley steckt voller Widersprüche: Das Nachtleben hier entspricht dem eines Vorortes von Fürstenfeldbruck, aber das Verkehrsaufkommen dem von Hongkong. Warnhinweise an Wasserhähnen bewahren den Einzelnen davor, die kalifornische Dürre durch übermäßiges Händewaschen zu verschlimmern, aber Sprinkler dauer-bewässern die Gartenanlagen der Reichen. Und nun sind innerhalb einer Woche zwei Studien über den Zustand der Mitarbeitervielfalt in Tech-Start-ups erschienen, die sich so grundsätzlich widersprechen, dass sie vor allem eins verdeutlichen: Im Valley stimmt etwas nicht mit der Gleichberechtigung.

In der einen Studie halten 83 Prozent der Tech-Mitarbeiter ihr Unternehmen bereits für ausreichend bunt durchmischt, und sogar 94 Prozent finden, die amerikanische Technologiebranche bestehe jeden Diversitäts-Test. Alles super also, kein Grund zur Sorge, so denken die Nerds laut Softwaredienstleister Atlassian.

In der anderen Studie legt der Fahrdienst Uber erstmals offen, wie sich seine 12 000 Mitarbeiter genau zusammensetzen. Unternehmenschef Travis Kalanick hatte sich stets gewehrt, diese Zahlen zu veröffentlichen, aber der Druck nach den jüngsten Sexismus-Vorwürfen einer ehemaligen Mitarbeiterin haben ihn zu mehr Transparenz gezwungen.

Der Uber-Report zeigt, dass ein überwältigender Anteil der Beschäftigten männlich ist und weiß. Gerade mal 36 Prozent sind weiblich, in technischen Jobs sind es sogar nur 15 Prozent. Nun läge die Vermutung nahe, dass sich Uber bei der Suche nach Mitarbeitern von allen Tech-Firmen des Valleys mal wieder am achtlosesten verhält. Kalanick ist nirgends Vorbild: Er pöbelt Uber-Fahrer an und bricht systematisch Gesetze, wenn er seinen Dienst in ein neues Land bringt. Aber dieser Fall liegt anders. Freada Kapor Klein, eine bekannte Anwältin und Kämpferin für mehr Vielfalt im Silicon Valley, kommentierte den Report mit der Feststellung, dass die Anzahl von Frauen in technischen Jobs bei Uber zwar wirklich gar nicht hoch sei. "Aber tatsächlich bekommt es niemand in der Tech-Industrie richtig hin."

Während in anderen Branchen in den USA durchschnittlich knapp die Hälfte der Mitarbeiter Frauen sind, machen sie bei den 75 Top-Unternehmen im Valley nur 30 Prozent aus. Ausnahmen gibt es keine: bei Facebook, Google, Apple ist die Anzahl von Frauen ähnlich niedrig wie bei Uber. Und sie nimmt mit jeder Karrierestufe weiter ab: Nur 22 Prozent der Führungskräfte sind weiblich, im Tech-Bereich sind es sogar nur 11,3 Prozent. Und wenn sie an die Spitze gelangen, verdienen sie deutlich weniger. Auch wenn man mit der scheidenden Yahoo-Chefin und Multimillionärin Marissa Mayer nicht unbedingt Mitleid haben muss: Das Grundgehalt von Thomas McInerney, ihrem männlichen Nachfolger, ist mit zwei Millionen Dollar pro Jahr doppelt so hoch wie ihres - obwohl die Firma nach dem Teilverkauf an Verizon nicht mal mehr halb so groß ist.

All das ist symptomatisch für das nordkalifornische Silicon Valley und Sexismus-Vorwürfe dringen immer häufiger aus den Firmen nach draußen. Nach dem Aufsehen erregenden Fall von Ellen Pao, die Partnerin beim Risikokapitalgeber Kleiner Perkins Caufield & Byers war und ihn 2012 wegen Diskriminierung verklagte, begannen Google, Facebook, Apple, LinkedIn und Twitter, Hunderte Millionen in eine ausgewogenere Zusammensetzung ihrer Belegschaft zu investieren. Die Angst vor schlechter PR war einer der Hauptantreiber. Aber einige Jahre und viele Gendertrainings später hat sich an den miserablen Beschäftigungszahlen kaum etwas geändert.

Die uniforme Armee der Programmierer hält sich selbst für kunterbunt

Die Valley-Firmen nennen das Fehlen von Informatikerinnen als Grund, und tatsächlich sind nur 18 Prozent der Uni-Absolventen Frauen; als das Programmieren in den Achtzigerjahren noch als wenig glamouröser Bürojob galt und nicht als Geniestreich, lag der Anteil bei fast vierzig Prozent. Selbst wenn Top-Firmen im Silicon Valley Absolventinnen anziehen: Sie können sie nicht halten.

In einer Branche, die für sich beansprucht, neben dem Taxifahren auch das Reisen, Kochen, Lieben für alle Menschen auf dem Planeten verändern zu wollen, arbeitet also eine recht einheitliche Programmierarmee, die sich selbst allerdings für kunterbunt hält. Die meisten Tech-Mitarbeiter (von denen wiederum die meisten Männer sind) nahmen die Diversität in der Atlassian-Befragung ja als völlig ausreichend wahr, trotz anderslautender Studien und der vielen Skandale.

Und genau darin liegt das Problem: Während viele Start-ups sich nach außen hin bemüht zeigen, Frauen zu fördern, lautet die nach innen gelebte Haltung oft: Ach Mädels, nun stellt euch doch nicht so an.

So war das auch bei Uber. Als die Mitarbeiterin der Personalabteilung die sexuellen Belästigungen durch ihren Vorgesetzten meldete, hieß es, dieser sei zu gut, um entlassen zu werden. Und es ist wenig hilfreich, dass Investoren ähnlich denken: Kapor Klein, die Diversitäts-Anwältin, gehört zu den frühen Uber-Investorinnen - eine bemerkenswerte Kombination; ihre Anteile an dem mit 70 Milliarden Dollar bewerteten Unternehmen findet sie ebenfalls zu gut, als dass sie sie abstoßen würde.

Vor Kurzem ermahnte Hillary Clinton bei einer ihrer wenigen Reden seit November die Tech-Industrie in San Francisco, sich um mehr Mitarbeiterinnen und weniger um Sexismus zu bemühen. Viele der anwesenden Frauen bedauerten erneut, dass sie nicht Präsidentin geworden sei. Aber tatsächlich scheint Donald Trump ihnen ungewollt zu helfen: In der Atlassian-Studie sagte über die Hälfte der Tech-Mitarbeiter, dass seine Wahl ihr Interesse an Gleichberechtigung am Arbeitsplatz geweckt habe und sie auch schon aktiv geworden seien - aus Protest.

An dieser Stelle schreiben jeden Mittwoch Alina Fichter und Ulrich Schäfer im Wechsel.

© SZ vom 05.04.2017
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