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Pro zu Gabriels Wechsel zur Deutschen Bank:Deutschland braucht mehr Gabriels in der Wirtschaft

Sigmar Gabriel vor einer Fraktionssitzung der SPD in Berlin in Berlin 03 07 2018 Berlin Deutschlan

Am Wechsel von Sigmar Gabriel zur Deutschen Bank gibt es viel Kritik - obwohl seine "Abklingzeit" nach der politischen Karriere schon lange vorbei ist.

(Foto: imago/photothek)

Darf der frühere SPD-Chef Sigmar Gabriel zur Deutschen Bank wechseln? Ja! Unternehmen brauchen den Blick von außen - und von seinen Kenntnissen profitiert nicht nur der Konzern.

Sigmar Gabriel will Aufsichtsrat der Deutschen Bank werden. Kaum wurde dies bekannt, hub ein Sturm an in den sozialen Medien. Nicht jeder schimpft über den früheren SPD-Vorsitzenden und Vizekanzler, aber viele. Herrlich der Dialog auf Twitter: "Sozen rasten aus, als würde er Drogendealer werden" - und die womöglich ernst gemeinte Reaktion darauf: "Dann würde er sich um die sozial Schwachen kümmern."

Womit wir schon beim Thema sind: Darf ein Ex-Spitzenpolitiker, zumal ein Sozialdemokrat, in die große Wirtschaft gehen - oder vernichtet er damit seine Glaubwürdigkeit und schadet der Partei, der er einst diente? Muss ein Sozi noch schnell zur FDP wechseln (auch das ein Tweet), wie es ja tatsächlich der frühere SPD-Wirtschafts- und Arbeitsminister und NRW-Ministerpräsident Wolfgang Clement getan hat? Die Antwort hier lautet: Nein. Gabriel darf zur Deutschen Bank gehen, er sollte es sogar. Es ist gut so. Für ihn persönlich, weil es ein interessanter, hoch bezahlter Job ist, warum sollte man ihm das neiden? Für die Deutsche Bank, weil sie von seiner Erfahrung und Persönlichkeit profitieren wird. Für die Gesellschaft, weil eine funktionierende Großbank gut ist fürs Land.

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Gabriel hat die vorgeschriebene "Abklingzeit" für den Wechsel in die Privatwirtschaft eingehalten und er war nie für die Bank zuständig - rechtlich ist das alles in Ordnung. Der Neue muss auch kein Bankfachmann sein, die Arbeit im Aufsichtsrat setzt das nicht notwendig voraus. Dieses für Aktiengesellschaften gesetzlich vorgeschriebene Gremium soll den Vorstand kontrollieren und beraten. Es braucht Finanzfachleute (sind dabei), Arbeitnehmervertreter (zur Hälfe vertreten) und Menschen mit besonderen Kenntnissen. Zu letzteren wird Gabriel gehören, und er hat der Bank etwas zu bieten.

Der Frankfurter Konzern tut sich gegenwärtig schwer, seine Rolle im Finanzsystem zu finden. Er war einmal die Bank der deutschen Industrie, die Spinne im Netz mit Beziehungen und mit Einfluss in alle Richtungen. Herz und Kopf einer Verflechtung von Politik und Wirtschaft, die man die Deutschland AG nannte. Das ist glücklicherweise vorbei - aufgebrochen übrigens von einem SPD-Kanzler namens Gerhard Schröder (auch er ist heute höchst umstritten). Dessen erste rot-grüne Regierung konzipierte Anfang des Jahrtausends eine Steuerreform, die die Deutsche Bank und andere motivierte, ihre Firmenbeteiligungen zu verkaufen und sich auf das zu konzentrieren, was eine Bank tun sollte: Geldgeschäfte. Das allerdings betrieb sie exzessiv, wollte international an die Spitze. Sie heulte mit den Wölfen von der Wall Street um die Wette, machte im US-dominierten "Alles-geht-Kapitalismus" mit. Die weltweite Gier der Banker, auch der deutschen Banker, mündete in moralisch verwerfliches, häufig auch unrechtmäßiges Verhalten, löste die Finanzkrise mit aus und ist seitdem zurecht diskreditiert. Der Politiker Gabriel hat diese Gier damals gegeißelt, was ihm nun vorgehalten wird. Aber die neue Bank weiß selbst, was schief lief, sie trägt schwer an ihrer Vergangenheit, sie will da raus. Auch wenn das mühsam ist und erst teilweise erfolgt, kann Gabriel darauf verweisen, dass seine Kritik von damals heute nicht mehr trifft.

In dieser Lage ist einer wie er wertvoll, und deshalb sollte er berufen werden und sich berufen lassen. Er weiß, wie Politik funktioniert, er weiß, was gesellschaftlich gefordert ist, wie Theorie und Praxis zusammenpassen; als SPD-Vorsitzender (keiner seit Willy Brandt war das so lange wie er) und als Regierender hat er das über viele Jahre erfahren. Gabriel war ein guter Außenminister und ein ordentlicher Wirtschaftsminister, und übrigens auch einer mit Prinzipien und dem Mut, sie auch in unbequemen Situationen zu äußern.

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Das wird er jetzt wohl einbringen, warum denn nicht? Woher wollen Kritiker eigentlich wissen, dass dieser Mann, den man mögen kann oder nicht, der seine Fehler hat wie andere auch oder sogar mehr davon, dessen politisches Wirken aber offen liegt wie ein Buch, dass dieser Mann seine Seele verkaufen und in Zukunft schweigend kassieren wird? Er wird hoffentlich auch klug und selbstbewusst genug sein, sich nicht auf die Rolle des Türöffners in die Politik reduzieren zu lassen.

Denkt man die Dinge zu Ende, kann man sogar sagen: Dieses Land brauchte viel mehr Gabriels in der Wirtschaft. Die Deutsche Bank muss, wie andere Unternehmen auch, ständig einen Weg suchen zwischen moralisch honorigem Verhalten und pragmatischer Notwendigkeit. Denn die Welt, wie sie ist, ist eben nicht nur schwarz und weiß, sondern vor allem grau. In dieser immer verwirrenderen Welt müssen sich Wirtschaft und Politik bewegen, und dafür hilft der Austausch zwischen beiden Welten.

© SZ vom 27.01.2020/cku
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