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Siemens: Pierers Erbe:Weniger deutsch, weniger weiß, weniger männlich

Siemens-Boss Löscher treibt eine Revolution an: Auf einmal gilt das "Chef-Prinzip". Das Ziel ist, der grünste aller Industriekonzerne zu werden.

Schnee bedeckte den Olympiapark, als Heinrich von Pierer zum letzten Mal als Vorstandschef vor die Siemens-Aktionäre trat. In der Olympiahalle fanden die Anteilseigner an diesem 27.Januar 2005 warme Worte für den Mann, der den Konzern 13 Jahre lang geführt hatte.

Bewegte Zeiten: Die Entwicklung der Siemens-Aktie

"Siemens steht gut da, wir können beruhigt in die Zukunft blicken", sagte Henning Gebhardt, Fondsmanager bei der DWS. Pierer selbst sagte, er gehe mit einem guten Gefühl. Das Gefühl trog. Knapp zwei Jahre später erschütterte der Skandal um Schmiergeld und schwarze Kassen den Konzern. Und manches, was schon damals im Argen lag, verdeckte die Abschiedsstimmung - wie draußen der Schnee den Dreck.

In knapp zwei Wochen tritt wieder ein Siemens-Chef vor die Aktionäre. Peter Löscher wird über einen Konzern Rechenschaft ablegen, der nur noch wenig mit dem zu tun hat, was Pierer im Jahr 2005 als Vorstandschef hinterließ.

An der Oberfläche scheinen Pierers Konzern und Löschers Konzern nicht weit auseinanderzuliegen. Die letzte Bilanz des Heinrich von Pierer wies 61,5 Milliarden Euro Umsatz aus und 3,4 Milliarden Euro Gewinn. Unter dem Neuen hat Siemens zuletzt 76 Milliarden Euro umgesetzt und 4,1 Milliarden Euro verdient. Unter Pierer arbeiteten 430.000 Menschen, unter Löscher sind es heute rund 400.000.

Doch hinter den Zahlen steht ein anderes Siemens, ein radikal gewandelter Konzern. Das gut bestellte Haus, das Siemens für Aktionärsvertreter bei Pierers Abgang war, hatte schon damals Risse.

Radikal gewandelt

Die Kommunikationssparte Com, an die Pierer sich klammerte, häufte Verluste an. Es gab ein Dutzend Geschäftsfelder, jedes zweite erfüllte die Renditeziele nicht. Das Industrie-Konglomerat galt als zu komplex, die Strategie war unscharf, die Organisation diffus. Doch weil sich der Aktienkurs unter Pierer mehr als verdoppelt hatte, sahen die Investoren über manche Schwäche hinweg. Und hatte der Mann aus Erlangen den Koloss nicht modernisiert? Tatsächlich riss Pierer zur Halbzeit seiner Ära ein für ihn schon verlorenes Spiel herum.

1998 verkündete er nach Jahren des Stillstands einen Zehn-Punkte-Plan, der die Finanzmärkte elektrisierte wie Siemens-Turbinen die deutsche Industrie. Der Konzern verkaufte Infineon, Epcos und andere Bereiche. Der Aufschwung der Jahrtausendwende half. Doch schon Pierers Nachfolger Klaus Kleinfeld begann, die Schwächen des Systems Pierer offenzulegen. Der Kapitalmarkt-verliebte Manager erhöhte den Renditedruck und verkaufte die Handysparte an BenQ. Die Trennung endete mit der Insolvenz der Firma. Der Reputationsschaden war enorm, das Verhältnis zu den Arbeitnehmern auf Jahre hinaus belastet. Das erschwerte den weiteren Konzernumbau.

Keine Doppelstruktur mehr

Als Ermittler der Staatsanwaltschaft im November 2006 Gebäude an Siemens-Standorten stürmten, machten sie ungewollt auch den Weg frei für einen tiefergreifenden Wandel. Die Führung zerfiel. Kleinfeld und Aufsichtsratschef Pierer gingen, die Nachfolger Gerhard Cromme und Peter Löscher krempelten Siemens radikal um. Die Korruptionsaffäre hatte gezeigt, dass das alte System dazu einlud, Verantwortung zu delegieren und falsche Entscheidungen abzunicken.

Löscher und Cromme schafften die Doppelstruktur aus Zentral- und Bereichsvorständen ab. Fast 100 Bereichsvorstände und Gebietsleiter mussten sich neue Aufgaben suchen. 17000 Stellen baute Löscher ab und drückte die Kosten um zwei Milliarden Euro. Darauf vor allem gründet der hohe Gewinn der vergangenen beiden Jahre.

Siemens: Pierers Erbe

Macher von einst