Süddeutsche Zeitung

Konzerne:Siemens wird von der Vergangenheit eingeholt

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Das Energiegeschäft hat der Konzern vor zwei Jahren abgespalten, doch nun muss die verbliebene Beteiligung abgeschrieben werden. Das kostet Milliarden - und hat Folgen.

Von Caspar Busse

So hatten sie sich das bei Siemens sicher nicht vorgestellt: Vor fast genau zwei Jahren stimmten die Siemens-Aktionäre der Ausgliederung der Energiesparte in ein eigenes und selbständiges Unternehmen zu. Der Münchner Hightech-Konzern wollte damit unabhängiger vom volatilen Geschäfte mit Turbinen und Kraftwerken werden und sich auf andere Bereiche konzentrieren. Eine Beteiligung von etwa 35 Prozent behielt der Konzern an dem neuen börsennotierten Energieunternehmen - vorerst zumindest. Die Hoffnung war, dass das Thema damit erstmal abgehakt ist. Doch weit gefehlt.

Genau diese Rest-Beteiligung an Siemens Energy wird für Siemens-Chef Roland Busch zu einem ernsten Problem. Die Münchner gaben jetzt bekannt, dass sie die Beteiligung erheblich abschreiben müssen - mit deutlichen Folgen. Hintergrund: Der Kurs von Siemens Energy war auch aufgrund interner Probleme mit der Windkrafttochter Gamesa gefallen. Mit einem Schlusskurs von 14 Euro am Donnerstag liege der Marktwert des 35-prozentigen Anteils von Siemens Energy deutlich unter dem Buchwert, teilte Siemens am Donnerstagabend mit. Dies führe zu einer außerordentlichen Abschreibung, die das Ergebnis im gerade abgelaufenen dritten Quartal des Geschäftsjahres 2021/22 mit rund 2,8 Milliarden Euro belasten werde.

Die Siemens-Aktie steht so tief wie seit zwei Jahren nicht mehr

Damit könnte Siemens in diesem Zeitraum sogar in die roten Zahlen geraten und zudem gezwungen sein, seine Jahresprognose zu stutzen, zum ersten Mal seit neun Jahren. Die Quartalszahlen und "deren Auswirkungen auf den Ausblick für das laufende Geschäftsjahr" werde Siemens am 11. August veröffentlichen, hieß es. An der Börse sorgte das für Enttäuschung. Die Aktien von Siemens fielen zunächst auf 95 Euro, so tief wie seit zwei Jahren nicht mehr. Die Siemens-Aktie hat damit seit Jahresanfang fast ein Drittel ihres Wertes verloren, dabei läuft das Kerngeschäft trotz Corona-Pandemie und Lieferketten-Problemen relativ gut. Die Bahnsparte Siemens Mobility etwa hatte zuletzt große Aufträge unter anderem aus Ägypten gemeldet. Gleichzeitig hatte sich Siemens aus Russland zurückgezogen.

Mitte Mai hatte Siemens Energy weitere schlechte Nachrichten veröffentlicht. Es gibt vor allem zunehmende Verluste bei der spanischen Windkraftsparte Siemens Gamesa, die eigentlich das Zukunftsgeschäft des Unternehmens sein soll. Siemens Energy will Gamesa nun vollständig übernehmen und von der Börse nehmen. Die Transaktion kostet viel Geld, was Siemens Energy nicht unbedingt hat, und soll bis Ende 2022 abgeschlossen sein.

Die Sanierung der spanischen Tochter werde Jahre dauern, hatte Siemens-Energy-Chef Christian Bruch bereits gewarnt. Das Unternehmen leidet auch unter dem Krieg in der Ukraine. Wegen der Sanktionen gegen Russland steckt eine der Turbinen, die für das Funktionieren der Nord-Stream-Gaspipeline wichtig ist, in Kanada fest, wo sie gewartet wurde. Russland machte das für das Herunterfahren seiner Gas-Lieferungen verantwortlich. Joe Kaeser, Vorsitzender des Aufsichtsrats von Siemens Energy, weist die Vorwürfe aber vehement zurück. "Es ist sehr bequem, ein Unternehmen mit reinzuziehen, das in Russland bekannt ist", sagte er im SZ-Interview. "Selbst wenn es so wäre, würde das niemals rechtfertigen, den Gasfluss so stark zu drosseln. Da muss es einfach eine politische Motivation geben, das geht gar nicht anders."

Ein Siemens-Sprecher sagte nun: "Wie wir bereits in der Vergangenheit betont haben, wollen wir unsere Beteiligung an Siemens Energy klar weiter reduzieren." Im Interesse der Aktionäre werde man aber hinsichtlich des Timings "umsichtig" entscheiden.

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