Unternehmen:Siemens will zum Digitalkonzern werden

Biontech startet Impfstoffproduktion in Marburg

Die Impfstoffproduktionsanlage von Biontech in Marburg: Siemens hilft bei der Digitalisierung und Automatisierung.

(Foto: Biontech/dpa)

Nach den großen Abspaltungen war nicht klar, wofür Siemens in Zukunft noch stehen soll. Konzernchef Roland Busch gibt jetzt die Antwort.

Von Thomas Fromm

Was soll man als neuer Konzernchef eigentlich noch machen, wenn der Vorgänger den Laden schon umgebaut hat wie keiner vor ihm? Und was soll man sagen, wenn der Vorgänger immer sehr viel erzählt hat über das eigene Unternehmen, Geopolitik im Allgemeinen und die AfD im Speziellen?

Roland Busch, erst seit Februar Nachfolger an der Spitze des Siemens-Konzerns, hat sich vorgenommen, die Dinge etwas anders zu machen als sein illustrer Vorgänger Joe Kaeser. Bei seinem ersten großen Auftritt vor Investoren verkündet er an diesem Donnerstagvormittag keine großen Umbauten, Siemens soll jetzt erst mal bleiben, wie es ist. Keine großen Abspaltungen und Börsengänge mehr - das hat es schon länger nicht gegeben. Auch die weltpolitische Gesamtlage kommentiert Busch nicht. Aber er spricht sehr viel über Technologien, über künstliche Intelligenz und digitale Zwillinge. Möglich, dass Siemens schon einmal einfacher zu verstehen war. Damals, als man noch Telefone verkaufte.

Aber, und das ist nun die eigentliche Revolution des neuen Chefs: Busch will, dass das Unternehmen in den kommenden Jahren vor allem über Software-Technologien wächst. Siemens soll eine Art Digitalkonzern werden. Kein neues Apple, Google oder SAP und schon gar kein Facebook, aber ein Ausrüster für die Digitalisierung ganzer Industriebranchen. Für einen alten Industriekoloss, der 1847 in einem Berliner Hinterhof gegründet wurde und seitdem so ziemlich alles gemacht hat, von Telegrafen über Gasturbinen bis zu Handys, Straßenbahnen und Computertomografen, ist das ein ziemlich weiter Weg.

Dabei war der Rückzug auf ein digital-industrielles Rest-Siemens lange vorbereitet. Erst im vergangenen Jahr brachte der Konzern seine Energiesparte mit Kraftwerksbau, Turbinen und Windrädern an die Börse und hält seitdem nur noch einen Minderheitsanteil. 91 000 Mitarbeiter, ein Drittel des bisherigen Konzernumsatzes - mit dem Abschied von der Energiesparte kappte Siemens nicht nur einen Teil seiner Wurzeln, sondern wurde auch erheblich kleiner. Schon 2018 wurde die lukrative Medizintechnik-Tochter Healthineers mit ihren Röntgenapparaten und Computertomografen an die Börse entlassen.

Allerdings hält Siemens hier noch einen Mehrheitsanteil von rund 75 Prozent und de facto die Kontrolle. Hätte Kaeser den Konzern in den vergangenen Jahren aber nicht so sehr umgebaut, dann würde Busch hier heute womöglich ein anderes Programm verkünden. Nun aber setzt er auf digitale Angebote. Das Geschäft mit Software brachte zuletzt 5,3 Milliarden Euro ein, ein Zehntel des Umsatzes. Bis 2025 aber soll es um rund zehn Prozent im Jahr wachsen.

Busch weiß, was die Investoren hören wollen

Busch steht beim digitalen Investorentag vor einem dunklen Hintergrund und erzählt die Geschichte eines neuen Siemens. Er trägt dunklen Anzug, hellblaues Hemd, aber keine Krawatte. Und er achtet beim Vortrag auf den gezielten Einsatz von Mimik, Händen und Armen. Dass man als Siemens-Chef im Studio vor einer Kamera steht und eine neue Strategie verkünden muss, gibt es auch nicht jeden Tag. Busch sagt zu Beginn, dass er seit gut 30 Jahren bei Siemens ist, was für die Investoren natürlich ein wichtiger Hinweis sein soll: Der Neue kennt sich aus, er weiß, was Siemens alles war in den letzten Jahrzehnten. Und er weiß, was die Investoren hören wollen. Zum Beispiel eine gute, eine neue Geschichte. Busch hat sie heute mitgebracht.

FILE PHOTO: Siemens fiscal Q1 results

Der neue Siemens-Chef Roland Busch will, dass Siemens in den kommenden Jahren vor allem über Software-Technologien wächst.

(Foto: Reuters)

Er kündigt an, dass der Umsatz vom kommenden Geschäftsjahr 2021/22 an um fünf bis sieben Prozent zulegen soll - mehr als die vier bis fünf Prozent, die bisher auf dem Plan standen. Der Gewinn soll noch mehr wachsen als der Umsatz, um acht bis zehn Prozent. "To do more with less" - mit weniger mehr machen, das ist nun die neue Ansage im Münchner Weltkonzern. Was sonst, Siemens ist ja auch kleiner geworden. Aber Größe, das sagte Vorgänger Kaeser vor einiger Zeit, sei in diesen Zeiten sowieso nicht mehr relevant. Wäre Größe wichtig, dann würden heute ja noch Dinosaurier durch die Wälder streifen, meinte der Ex-Chef.

Ausgerechnet die Corona-Pandemie könnte Siemens nun helfen, seine Ziele zu erreichen: Konjunkturprogramme in Milliardenhöhe überall auf der Welt zielen auf Investitionen in den Ausbau von Infrastrukturen und den klimagerechten Umbau der Industrie hin. Siemens verdient viel Geld in der Verkehrs- und Gebäudetechnik, seine Kunden aus der Industrie müssen jetzt investieren - und Siemens dürfte von diesen Programmen profitieren.

Digitaler und höchst profitabel

Kleiner sein, wendiger, digitaler und höchst profitabel - so sieht sich Siemens heute. Alles, nur kein großer Dinosaurier sein. "Unsere Wachstumsmotoren sind Digitalisierung, Automatisierung und Nachhaltigkeit", sagt Busch. "Dabei verstärken sich unser Kerngeschäft und unser Digitalgeschäft gegenseitig." Oder, wie es die Strategen in München etwas kryptisch formuliert haben: Reale und digitale Welten sollen ineinandergreifen - Industriemaschinen- und Anlagen werden mit Software kombiniert und Fabriken digitalisiert. Bei Mercedes digitalisiert und automatisiert Siemens die Autoproduktion, mit dem Mainzer Biotechnologieunternehmen Biontech hat man in dieser Woche eine strategische Kooperation geschlossen. Siemens liefert hier Automatisierungs- und Digitalisierungstechnik, um die Produktion von Impfstoffen schneller ausbauen zu können. Unter anderem soll ein neues Werk für mRNA-Impfstoffe in Singapur gemeinsam aufgebaut werden.

Für den alten Industriekonzern hat der Wandel einen großen Charme: Mit Software und Industrieautomatisierung lässt sich eine gute Rendite machen und mehr verdienen als zum Beispiel mit dem Bau von Straßenbahnen. Weil das so ist, will Busch sein Software-Geschäft weiter ausbauen und dazukaufen, wie zuletzt den digitalen Marktplatz Supplyframe. "Ergänzende Akquisitionen sind das, woran wir glauben", sagt er. Zuletzt hatte die Medizintechnik-Tochter Healthineers für 14 Milliarden Euro den US-Krebstherapie-Spezialisten Varian gekauft.

Nicht lange, nachdem Siemens damit begonnen hatte, seine Investoren auf die neuen Zeiten einzuschwören, war die Aktie des Unternehmens um über 1,5 Prozent gefallen und lag damit unten im Dax. Einige Investoren hätten gerne noch höhere Gewinnziele gesehen, meinten Börsianer. Andere hätten die neue Strategie bereits eingepreist und würden nun schon wieder verkaufen. Das Geschäftsmodell mit Digitalisierung und Automatisierung mag kompliziert sein. Aber das Geschäft an der Börse ist auch nicht immer leicht verständlich.

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