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Siemens:Plötzlich bangt eine ganze Stadt um ihre Zukunft

Ein Mitarbeiter mit einem roten Shirt der Firma geht in das Werk von Siemens aufgenommen in Goerlit

Ein Mitarbeiter auf dem Firmengelände des Werks in Görlitz - das dortige Turbinenwerk soll laut Siemens 2023 geschlossen werden.

(Foto: imago/photothek)

Für viele Beschäftigte in Görlitz war Siemens nicht nur ein Arbeitgeber, sondern eine Familie. Die zerbricht nun - viele fühlen sich von Siemens "verraten und verkauft".

Wie sie sich fühlen? Andreas Schulze, 41, und Magdalena Schulze, 35, fassen es in drei Wörtern zusammen: "Verraten und verkauft". Das hat auch etwas mit dem Bild zu tun, das an der Küchenwand hängt. Darauf ist das Ehepaar mit den beiden Töchtern zu sehen, im Hintergrund der glänzende Rotor einer Dampfturbine, wie sie Siemens in seinem Werk in Görlitz baut. Das Foto ist Ende September entstanden. Die Werksleitung hatte alle Mitarbeiter und ihre Familien anlässlich eines Jubiläums eingeladen. Für die Kinder gab es eine Hüpfburg, sie durften mit der Hebebühne fahren und sich Süßigkeiten von einer der Turbinen herunter holen. Das Ehepaar Schulze sah darin ein Dankeschön an die Mitarbeiter.

Wochen später der Schock: Siemens will bis zu 6000 Stellen abbauen, drei Werke in Ostdeutschland sollen dicht gemacht werden. Allein in Görlitz könnten laut Betriebsrat 950 Beschäftigte ihre Arbeit verlieren. Gerüchte über die Schließung gab es seit Mitte Oktober. Die Schulzes erfuhren davon aus der Zeitung. Von der Werksleitung hörten sie keinen Mucks. Erst vergangenen Donnerstag erhielten die Mitarbeiter eine offizielle Mail. Die Gerüchte stimmten. Die Art der Kommunikation bezeichnet Andreas Schulze als "unfassbar".

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Siemens - für die Schulzes war das nicht nur ein Unternehmen, sondern eine Familie, auch davon zeugt das Foto an der Küchenwand. Das Ehepaar ist über lange Zeit in diese Familie hineingewachsen: Magdalena Schulze machte im Görlitzer Werk 2000 eine duale Ausbildung. Sie arbeitet seit mehr als zehn Jahren für den Konzern. Ebenso ihr Mann. Ohne Siemens hätten sich die beiden Diplomingenieure vielleicht nie kennengelernt. Zwischen ihnen funkte es 2006 auf einer Konferenz in Köln. Ein Paar wurden sie in Südkorea, wo sie für Siemens ein Kraftwerk bauten. Sie reisten durch die Welt, betreuten Baustellen in Südafrika, Aserbaidschan oder Italien.

2009 ließ sich das Paar in Görlitz nieder. In der sächsischen Stadt, direkt an der polnischen Grenze, wurden Ingenieure gesucht. Sie bauten ein Haus im Süden der Stadt. Der Kredit ist noch nicht abbezahlt. Um sie herum wohnen viele Kollegen, der Freundeskreis besteht fast nur aus Siemensianern, wie sich die Mitarbeiter stolz nennen. Magdalena Schulze ist gerade im achten Monat schwanger. Auch das dritte Kind sollte eigentlich in den betriebseigenen Kindergarten "Turbinchen" gehen. "Wir wollten uns hier eine schöne Zukunft aufbauen - jetzt ist da nur ein schwarzes Bild", sagt Magdalena Schulze. Sie ist derzeit krankgeschrieben. Die vielen schlaflosen Nächte haben ihr die Kraft geraubt.

"Wir haben unseren Soll übererfüllt"

Was die Schulzes und viele Siemensianer nicht verstehen, ist die Erklärung, mit der Siemens die Schließung des Werks begründet: Aufgrund des Trends zu erneuerbaren Energien brauche es kleinere, dezentralere Kraftwerke. Gas- und Dampfturbinen fänden nicht mehr den gewünschten Absatz. In Görlitz lässt Siemens jedoch Industriedampfturbinen bauen, die in den vergangenen Jahren auf die Nachfrage hin angepasst wurden. Ingenieure wie das Ehepaar Schulze entwickelten Turbinen, die auch bei Biomasse-Anlagen sowie in der Solarthermie zum Einsatz kamen. "Wir haben unseren Soll übererfüllt", sagt Andreas Schulze. Die Auftragsbücher seien voll gewesen.

Er vermutet, dass Siemens Werkschließungen im Osten billiger kommen. Zwar zahlt Siemens auch hier nach Tarif, die Gehälter sind jedoch geringer als im Westen. Ähnlich würde es sich mit den Abfindungen verhalten, die Siemens im Zuge der Schließung zahlen müsste. Hinzu kommt, dass Gewerkschaften wie die IG Metall im Osten schlechter vernetzt sind als etwa im Ruhrpott. Siemens rechnete offenbar mit geringerem Widerstand.