Wann genau das eigentlich passiert ist, mit dem neuen Gesicht für Siemens, da ist sich die Dame aus dem Marketing auch nicht ganz sicher. Früher weiße Schrift auf Grünblau, für Computer: Hexadezimalcode #009999, eine Mischung aus null Prozent Rot, 60 Prozent Grün und 60 Prozent Blau. Das wären 120 Prozent Farbe, dafür haben Grafiker sicher eine Erklärung, aber sei’s drum. Siemenstürkis eben. Hier im Besucherzentrum der Gerätefabrik Erlangen jedenfalls gibt es null Prozent Siemensgrün, dafür 100 Prozent gedeckte Blau-, Gelb- und Grüntöne, alles in geschwungenen Formen. Dazu kommt der Gipfel der geschwungenen Formen, das mathematische Zeichen für Unendlichkeit, das aussieht wie eine liegende Acht. Dem Besucher wird dabei ganz schwindlig, aber die Botschaft kommt rüber: Alles fließt jetzt beim Industriegiganten aus München.
Erlangen ist zwar ein bisschen ab vom Schuss, für Siemens aber gerade der Nabel der Welt. Hier nämlich will der Konzern im Rahmen der „Made for Germany“-Initiative 500 Millionen Euro investieren. Es soll eine Art Campus entstehen, mit Universitätsbeteiligung und allem Pipapo. Die Gerätefabrik soll ein Experimentierfeld sein für die Frage, die gerade alle Welt umtreibt. Wie bekomme ich die KI in die Industrie? Die Fabrik in Erlangen ist insofern ein ideales Testobjekt, weil es sie schon lange gibt. „Brownfield“ – nennt man das in der Fachsprache, „Greenfield“, also den Neubau auf der grünen Wiese, das kann ja jeder. Gebaut in den 1970er-Jahren ist die Erlanger Fabrik eine gewisse Transformation gewohnt, aber ist das, was jetzt passieren soll, noch Transformation oder vielleicht eher schon Revolution?
Wer noch nie in einer modernen Fabrik oder einem modernen Logistikzentrum war, der denkt beim Besuch der Vorzeigehalle der Siemensianer wahrscheinlich eher an Revolution. Schon allein wegen der vielen vollautomatischen Mini-Autos, die hier ständig durch die Gänge zuckeln und fertige oder halb fertige Teile von A nach B befördern. Was Elon Musk auf den Straßen gerne hätte, ist in den Fertigungsgassen schon Wirklichkeit. Na ja, zumindest bis die kleinen Gefährte auf mehr Menschen treffen als gewöhnlich. Dann kann es sein, dass sie anfangen, Tänze aufzuführen wie betrunkene Bienen, sodass am Ende ein Wesen aus Fleisch und Blut kommen muss, um sie aus- und wieder anzuschalten.
Aber um die kleinen Roboter geht es gar nicht. Der Siemens Global Head of Manufacturing, also der konzernweite Fertigungschef, Stephan Schlauß will stattdessen zeigen, wie künstliche Intelligenz die Siemens-Fertigung heute schon schlauer und effektiver macht.
Wie kommt die KI in die Industrie?
Dazu hat der Konzern zusammen mit dem Siemens KI-Partner Microsoft in der Halle drei Stationen aufgebaut, an denen Besuchern die Zukunft gezeigt werden soll. Eine zeigt den klassischsten aller Anwendungsfälle der neuen Sprachmodelle: Für den hauseigenen Industrial Copilot hat Siemens die Expertenhandbücher für ihre Roboterarme mit neuen Sprachmodellen wie Chat-GPT4 kombiniert. So können jetzt auch Arbeiter, die nicht speziell geschult sind, Fehler beheben. Das spart Zeit und Geld und macht nebenbei auch die Arbeiter zufriedener, wie Umfragen des Unternehmens zeigen.
An Station zwei erklärt ein Experte, wie Siemens einen Roboterarm mit virtuellen Trainingsdaten füttert, sodass der schnell auch Objekte greifen kann, die er noch nie zuvor gesehen hat. Für Siemens ist das wichtig, weil viele der Frequenzumrichter, die in Erlangen gefertigt werden, Maßanfertigungen sind. Die dritte Station schließlich zeigt die automatische Befüllung von Paketen mit Ware in der Logistik. Die „Königsdisziplin“ hier: den richtigen Karton auswählen. So, dass zwar alles hineinpasst, aber keine Luft verschickt wird. Die Siemensroboter stellen das sogar auf zweierlei Arten sicher. Erst wird eine ohnehin schon realistische Paketgröße gewählt. Ist das Paket gepackt, schneidet ein weiterer Roboter überflüssigen Karton weg. Auch das Bepacken der Pakete übernimmt ein Roboter, der automatisch die Arme wechselt, je nachdem, was er greifen muss, Logistik vollautomatisch, das ist die Zukunft.
Hilfreich sind alle drei Anwendungen, revolutionär keine. Das ist kein Wunder, denn nur eine von ihnen basiert tatsächlich auf Technologie, die erst seit ein paar Jahren existiert und 2022 durch Chat-GPT den KI-Hype auslöste: der Chatbot, der das Handbuch für die Werksmitarbeiter ersetzt. Schon praktisch, aber halt genau das, wozu die große Masse an Menschen KI einsetzt, ein besseres Google, was praktisch ist, insbesondere seit sich immer mehr Menschen über kaum mehr brauchbare Google-Suchergebnisse beschweren.
Die meiste KI in der Fabrik mag vielleicht nicht ganz neu sein, tatsächlich erlebt die Industrieautomatisierung aber gerade einen massiven Schub, nur ist das weniger Revolution als beschleunigte Evolution. Die Technologien hinter dem intelligenten Greifen oder der Verpackungsoptimierung stammen größtenteils aus den Jahren 2016 bis 2019: Computer Vision, Reinforcement Learning, neuronale Netze für die Objekterkennung.
Der Chat-GPT-Hype beschleunigt den Rollout der Industrie-KI
Was sich für große Teile der Industrie-KI durch den Chat-GPT-Moment 2022 geändert hat, ist nicht die Technik selbst, sondern das Tempo ihrer Verbreitung. Der Durchbruch der Sprachmodelle Ende 2022 hat der gesamten KI-Branche einen Narrativ-Boost verpasst, von dem auch die Robotik profitiert. Investoren redeten plötzlich über Physical AI, also KI mit Körper, als das nächste große Ding. Milliarden flossen in Robotik-Startups, Tech-Talente wechselten aus den KI-Labors in die Hardwareentwicklung, und etablierte Konzerne wie Siemens konnten endlich Projekte umsetzen, die vorher in der Schublade lagen. Der Hype finanziert die Industrialisierung.
Und tatsächlich ermöglicht die Technologie hinter Chat-GPT auch wirklich neue Industrie-KI. Beispiel Robotik: Das Münchner Start-up Agile Robots hat kürzlich auf der Automatisierungsmesse Automatica gezeigt, was durch Transformator-Technologie möglich ist. Ein H10-Roboter, ein rollendes Ding mit zwei Armen, tauschte dabei eine Festplatte aus, eine Aufgabe, wie sie in Datenzentren ständig anfällt. Einziger Input dabei der Satz: „Tausche die defekte Festplatte aus.“
Das klingt reichlich trivial, war aber vor Chat-GPT ein Ding der zumindest wirtschaftlichen Unmöglichkeit. Denn im Hintergrund sorgt heute ein Sprachmodell (LLM) dafür, dass der Roboter die Anweisung versteht und ein VLM (eine Art Sprachmodell für Bilder) dafür, dass der Roboter die defekte Festplatte erkennt. Dann tauscht der Roboter die Festplatte aus. Vor Chat-GPT hätten Ingenieure jeden Teilschritt einzeln programmieren müssen, jetzt reicht eine einzelne Anweisung.
Und auch Siemens werkelt eigentlich seit einem guten Jahr an einer echten Revolution in der Industrie-KI. Die Münchner wollen mittelfristig bei ihrem Industrial Copilot das Basissprachmodell mit einem von Siemens trainierten Industriemodell (IFM) anreichern. Im Frühjahr kündigte der Konzern das Modell mit viel Bohei an. Es soll mit Fabrikdaten genauso gut umgehen können, wie Chat-GPT mit Sprache: Zeitreihen, Daten von Fabriksensoren, 2D und 3D-Zeichnungen von Produkten. Die Vision: Ingenieure sollen aus Ideen binnen Minuten produktionsreife Modelle. Klang alles gut. Doch seitdem ist es still geworden um das IFM.
Dass bei der Führung im Siemens-Gerätewerk diese große Vision so gar keine Rolle spielte, zeigt deutlich, dass der Weg der KI in die Industrie vielleicht noch ein bisschen weiter ist, als die Marketingabteilungen einen glauben machen wollen. Dass KI neben der Welt auch die Fabrik von morgen prägen wird, steht wohl außer Frage. Bis es so weit ist, müssen die Industriekonzerne allerdings noch die kleinen Fortschritte feiern.
