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Industrie und Kernkraft:Siemens: Nachdenken über den Ausstieg

Bei Siemens bröckeln alte Gewissheiten. Viele zweifeln nach der Katastrophe von Fukushima an der Kernkraft. Vorstandschef Löscher hat ein dickes Problem. Wird sich der Ex-Atomkonzern wandeln?

Für Mitarbeiter von Siemens sind es schwere Tage. Jeden Tag laufen im Fernsehen gespenstische Bilder aus Japan. Bilder, die das zerstörte Atomkraftwerk Fukushima zeigen. Bilder, die dokumentieren, wie radioaktiv verstrahltes Wasser ins Meer schießt. Und dann gehen die Siemensianer in ihre Büros - und wissen, dass es gerade der eigene Konzern ist, der im Atomgeschäft mitmischt und große Pläne verkündet hat.

siemens

Das Atomgeschäft von Siemens.

Vor zwei Jahren lobte Vorstandschef Peter Löscher, 53, eine Partnerschaft mit der staatlichen russischen Atomfirma Rosatom aus. Sie sollte die Münchner beim Bau von Atomkraftwerken weit nach vorne bringen. Bis zu 400 Nuklearbetriebe mit 1000 Milliarden Euro Investitionsvolumen könnten bis 2030 weltweit entstehen, schätzte Löscher. Von erneuerbaren Energien über Kohle und Gas bis zur Atomkraft, überall wollte Siemens eine führende Rolle spielen.

Doch jetzt, nach Fukushima, bröckeln die alten Gewissheiten. Der CDU-Bundesumweltminister will ganz schnell raus aus der Kernenergie, die Wähler wählen grün, und auch bei Siemens wird heftig um Atom gestritten. Arbeitnehmer und Betriebsräte fragen sich, ob die alte Nuklearstrategie nicht bald entsorgt werden muss. Selbst das Management räsoniert, wo auf Dauer die wirtschaftlichen Perspektiven der Kernkraft liegen. Welchen Sinn macht es, sich wie Siemens als "grüner Industriekonzern" zu profilieren, mit einem eigenen neuen Vorstandsressort für "Green Cities", wenn gleichzeitig Berichte über radioaktive Verwüstungen in Japan das eigene AKW-Geschäft in Misskredit bringen? Angeblich gibt es jetzt alle Optionen im Siemens-Vorstand - auch den Ausstieg.

Entnervt mit den Russen angebändelt

Offiziell gibt der Konzern keinen Kommentar. Siemens müsse erst mal den Ausgang eines Schiedsgerichtsverfahrens mit dem Atomkonzern Areva abwarten. Die Münchner hatten sich 2001 mit den Franzosen liiert. Siemens beteiligte sich mit 34 Prozent an einer Gemeinschaftsfirma, ein Anteil, dessen Wert jüngst auf 1,62 Milliarden Euro taxiert wurde. Löschers Konzern war es aber leid, immer nur Juniorpartner zu sein. Man stritt über Projekte, etwa beim Bau des finnischen AKW Olkiluoto. Entnervt bändelte Manager Löscher mit den Russen an. Am 21. April nun sollen die Richter entscheiden, ob Siemens dabei gegen das Wettbewerbsverbot verstoßen hat.

Inzwischen dürfte Löscher froh darüber sein, dass er mit Rosatom noch nicht weit gekommen ist. Die russische Holding bündelt Staatsbeteiligungen an rund 90 Firmen, die mit Kernkraft zu tun haben. Mit Siemens wollten die Staatsmanager Weltmarktführer werden und die drei Rivalen - General Electric, Toshiba/Westinghouse und Areva - endgültig abhängen. Rosatom hat seit 1990 bereits mit Siemens manches erschaffen, etwa die slowakischen Atommeiler Mochovce und Bohunice. Die Deutschen bieten dabei Leit- und Sicherheitstechnik.