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Führungswechsel bei Siemens:Joe Kaeser spielt Machtkampf herunter

Siemens: Joe Kaeser und Roland Busch

Joe Kaeser (li.) übergibt die Führung von Siemens an Roland Busch.

(Foto: Peter Kneffel/dpa)
  • Roland Busch übernimmt bei Siemens die Konzernleitung von Joe Kaeser.
  • Gleichzeitig wird der Abschied von Michael Sen bekannt gegeben, dem Vorstand von Siemens Energy - ausgerechnet wenige Monate vor dem Börsengang.
  • Trotz Corona-Krise läuft die Arbeit in den Siemens-Werken mit zwei kleineren Ausnahmen weiter.

Von Caspar Busse und Thomas Fromm

Lange war darüber spekuliert worden: Wird Joe Kaeser, 62, seinen Vertrag als Siemens-Vorstandsvorsitzender nochmal verlängern? Oder kann der machtbewusste Manager, der seit 40 Jahren im Konzern arbeitet, loslassen und wird den Konzern verlassen? Kaeser und sein Umfeld ließen das lange offen. Mehr noch: Er kokettierte selbst durchaus damit, noch länger zu bleiben. Die offene Führungsfrage lastete auf Siemens, je länger die Spekulationen andauerten.

Nun kam eine überraschende Mitteilung des Konzerns, die es in sich hat: Joe Kaeser wird nicht nur Anfang kommenden Jahres abtreten und die Verantwortung schon zuvor schrittweise an seinen bisherigen Stellvertreter Roland Busch übergeben. Offenbar hat es im Hintergrund schon seit längeren einen heftigen Machtkampf gegeben, die weit über Kaesers Zukunft hinausweist.

Denn völlig überraschend wirft der Vorstand der Sparte Siemens Energy, Michael Sen, hin. Pikant daran: Es sind nur noch wenige Monate bis zu dem geplanten Börsengang des Bereichs - ein Börsengang, den eigentlich Sen abwickeln sollte. Gleichzeitig wird Kaeser nun den Vorsitz des Aufsichsrats von Siemens Energy übernehmen. "In gegenseitigem Einvernehmen" schieden Michael Sen und dessen Finanzchef Klaus Patzak nun aus dem Unternehmen aus, hieß es. Eine radikale Lösung also. Warum?

Es geht um Macht, und es geht um die Frage, wer sie durchsetzt. Erst Anfang Februar hatten Sen und Kaeser gemeinsam bei einer Pressekonferenz anlässlich der Hauptversammlung des Konzerns an einem Tisch gesessen. Der eine - Kaeser - beantwortete die Fragen der Journalisten. Der andere - Sen - lächelte viel, aber sagte wenig. Schon da war klar: Die beiden sind nicht nur sehr unterschiedlich. Sie haben möglicherweise auch sehr unterschiedliche Vorstellungen davon, wie es mit Siemens und seiner Energiesparte weitergehen soll. "Unterschiedliche Interessenslagen", sagt einer, der nah dran ist. Man könnte auch sagen: Es ging hier um die Macht im künftigen Siemens-Konzern.

Michael Sen
Pressebild Siemens

Auch Michael Sen hatte sich einmal große Hoffnungen auf die Kaeser-Nachfolge gemacht.

(Foto: oh)

"Es ist eine Frage, die an die Wurzeln des Konzerns geht"

Joe Kaeser und Jim Hagemann Snabe, der Vorsitzende des Siemens-Aufsichtsrats, gaben sich am Freitag morgen dann aber alle Mühe, den Konflikt herunter zuspielen. Es gebe keine Meinungsverschiedenheiten, sagte Kaeser in einer Telefonkonferenz.

Man ziehe an einem Strang. Alles gut, soll die Botschaft lauten. Es steht auch viel auf dem Spiel: Führungsquerelen in diesen Corona-Zeiten, das könnte allen schaden. Immerhin: Snabe räumte ein, dass der Wechsel in der Führung von Siemens Energy "nicht ideal" sei. Es sei aber "unumgänglich" gewesen, entschlossen zu handeln. Konkrete Gründe für den Abgang der Siemens-Energy-Führung nannten aber weder Kaeser noch Snabe.

Sen, sagen dagegen Insider, habe für die Zeit nach dem Börsengang ein möglichst eigenständiges Energieunternehmen angestrebt. Immerhin: Faktisch wird Siemens durch die Ausgliederung geteilt. Sen soll ein möglichst eigenständiges Unternehmen nach dem Vorbild des Lichtkonzerns Osram vorgeschwebt haben, von dem sich Siemens 2013 getrennt hatte. Die Forderung dahinter: Je mehr Anteile Siemens von seiner Energiesparte an die Börse gibt, desto unabhängiger das neue, börsennotierte Unternehmen. Und desto unabhängiger Sen. Kaeser und Snabe dagegen sollen ein anderes Modell verfolgt haben: Das der Siemens-Medizintechniksparte Healthineers, wo Siemens mit einem Anteil von 85 Prozent noch immer der beherrschende Mehrheitsaktionär ist. Kaeser betonte aber am Freitag, dass mittelfristig der Anteile von Siemens-Alt an Siemens Energy unter 50 Prozent liegen soll.

"Es ist eine Frage, die an die Wurzeln des Konzerns geht", heißt es in München. Sen und sein Finanzchef Klaus Patzak hatten erst im vergangenen Jahr die Führung von Siemens Energy übernommen und waren mit einer komplizierten Transaktion betraut worden: Sie sollten das gesamte Energiegeschäft aus dem Konzern heraustrennen, es abspalten und an die Börse bringen. Beide galten als Experten; Patzak hatte bereits die Abspaltung der Lichtfirma Osram betreut, Sen hatte für einige Jahre beim Energiekonzern Eon die Aufspaltung in zwei Unternehmen dirigiert. Zwei Manager und ein Plan, der offenbar nicht unbedingt deckungsgleich war mit dem des Mutterkonzerns. Siemens präsentierte am Abend gleich auch einen Nachfolger für Sen: Vom Gaskonzern Linde wird von Anfang Mai an Christian Bruch kommen und die Führung von Siemens Energy übernehmen, um die Finanzen wird sich Maria Ferraro kümmern, die bislang im Siemens-Bereich "Digital Fabrik" arbeitet.

Am Zeitplan des Börsengangs von Siemens Energy werde sich durch den Führungswechsel nichts ändern, hieß es. Bis Ende September soll die Abspaltung stehen, eine außerordentliche Hauptversammlung von Siemens am 9 . Juli soll zuvor den Deal absegnen. Wenn diese stattfinden könne, gebe es keinen Grund, an dem Projekt zu zweifen, sagte Kaeser.

Ach ja, und dann ging es am Freitagmorgen auch noch um die große Coronavirus-Krise. "Ich gehe davon aus, dass wir die Auswirkungen im zweiten Quartal spüren werden", sagte Kaeser. Noch würden alle Siemens-Werke laufen, bis auf zwei kleinere, in denen Infizierungen aufgetreten sind. "Aber das kann sich jeden Tag ändern", so Kaeser. In China hätten die Werke wieder 95 Prozent der Auslastung vor dem Ausbruch dort erreicht. Der werde die Folgen beziffern, sobald der Vorstand sie einschätzen könne. "Wir müssen auf Sicht fahren - aber die Sicht ist im Moment nicht sehr weit", sagte Kaeser.

Zurück zu den Siemens-Personalien: Zu den Gewinnern der Münchner Rochade gehört der Manager Roland Busch, 55. Er soll den Chefposten spätestens zur Hauptversammlung am 3. Februar 2021 von Kaeser übernehmen - auch ein früherer Termin sei möglich. Busch wird im April einen Fünf-Jahresvertrag erhalten. Schon vorher wird Busch aber schrittweise wichtige Zuständigkeiten von Kaeser übernehmen und damit der neue starke Mann bei Siemens. "Roland Busch wird bereits für die Budgetplanung des Geschäftsjahres 2021 und deren Umsetzung verantwortlich sein und ab dem 1. Oktober 2020 alle dazu relevanten Aufgabengebiete im Vorstand übernehmen", betonte Siemens.

Und Kaeser, der ewige Strippenzieher in München? Er ist einer der bekanntesten deutschen Industriemanager, und er äußerte sich zuletzt auch immer wieder zu politischen Themen. Er hat enge Kontakte in die Politik und zu Staatschefs aus vielen Ländern. Schwer vorstellbar, dass er von der Bildfläche verschwinden wird. Im Gegenteil: Der Aufsichtsratsposten bei Siemens Energy könnte erst der Anfang sein für die Zeit danach.

© SZ vom 20.03.2020/bix
Joe Kaeser bei der Siemens-Hauptversammlung

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