Süddeutsche Zeitung

Vorstand:Was der Weggang der Personalchefin über Siemens aussagt

  • Janina Kugel, oberste Personalerin bei Siemens und eine der wenigen Frauen im Vorstand eines Dax-Unternehmens, wird den Vorstand des Konzerns Ende Januar 2020 verlassen.
  • Insidern zufolge war Kugel sich in vielen Punkten uneinig mit Siemens-Chef Joe Kaeser.
  • Kugel musste zuletzt einen massiven Stellenabbau umsetzen.
  • Durch Kaesers Radikalumbau wird Siemens immer kleiner - und damit auch Kugels Personalbereich und damit ihre Machtbasis.

Wer die beiden Menschen in den vergangenen Monaten bei gemeinsamen Auftritten beobachtete, dem konnte nicht entgehen, dass sich da zwei nicht mehr ganz so gut verstanden wie früher. Joe Kaeser und Janina Kugel, der Siemens-Chef und seine oberste Personalerin. Manchmal standen sie nebeneinander vorn auf der Bühne. Er redete, sie schwieg mit vielsagender Mimik, manchmal fielen sie sich ins Wort. Ein anderes Mal standen beide in einem Saal, dazwischen viel Raum. Mit großer Distanz erklärte dann jeder für sich Siemens.

An diesem Wochenende dann die überraschende, vielleicht aber auch nicht allzu überraschende Nachricht: Die 49-jährige Stuttgarterin Kugel, eine der wenigen weiblichen Vorstandsmitglieder in den 30 Dax-Konzernen und seit mehr als vier Jahren die sehr prominente und erfolgreiche Frau im Vorstand dieses alten Münchner Traditionskonzerns, wird ihren Ende Januar 2020 auslaufenden Vertrag nicht verlängern. Aus Konzernkreisen heißt es, sie selbst wolle sich neuen Aufgaben widmen. Einerseits. Andererseits: Zuletzt habe es im Aufsichtsrat immer öfter Kritik an Kugel gegeben. "Man hatte in letzter Zeit das Gefühl, dass es eine Entfremdung gegeben hat", heißt es aus Unternehmenskreisen. Siemens selbst will den Vorgang, über den zuerst das Handelsblatt berichtete, nicht kommentieren.

Bei vielen Themen hätten Kugel und ihre Kollegen zuletzt über Kreuz gelegen, berichten Insider. Dies sei bis hin zu der Frage gegangen, ob die Personalvorständin noch "hinter der Gesamtstrategie" des Konzerns stehe. Unter anderem erwarteten Kollegen und Mitarbeiter der Personalchefin, dass sie über "mehr als über diversity" spreche, heißt es über die Frau, die gerade in den vergangenen Monaten mit einer äußerst brisanten Angelegenheit beschäftigt war: Sie musste für den Konzern einen massiven Stellenabbau in der angeschlagenen Kraftwerkssparte aushandeln und umsetzen. So etwas ist alles andere als ein großes Vergnügen, aber sie macht so etwas relativ geräuschlos. Einige sahen in ihr daher auch diejenige, die all das aufräumen musste, was der oberste Chef ihr mit seiner Radikal-Strategie vor die Tür fegt: Kaeser baut den Konzern massiv um, die Personalchefin muss die Folgen im Detail auffangen.

Nicht wenige im Haus sehen das Ganze nun als einen klassischen Konflikt zweier Menschen: Hier der durchaus nicht wenig selbstbewusste Kaeser, der Siemens gerade mehr als jeder seiner Vorgänger umbaut, indem er ganze Geschäftsbereiche auslagert, an die Börse bringt und das alte Siemens Stück für Stück verkleinert. Der Niederbayer, der seit 1980 bei Siemens arbeitet, ist einer, der gerne die Bühne sucht und durchaus für sich zu nutzen weiß.

Auf der anderen Seite Janina Kugel, die Volkswirtschaft in Mainz und Verona studiert hat: charismatisch, eloquent, und gewiss nicht weniger durchsetzungsstark als der oberste Chef. In so einer Konstellation mag es vielleicht naheliegen, dass der eine keine Lust hat, ständig die Bühne mit der anderen zu teilen. Doch es geht bei dieser Sache wohl um weitaus mehr als um reine Befindlichkeiten. Kaesers Radikalumbau geht an die Substanz von Siemens, Stück für Stück wird der Industriekoloss zerlegt. Das Energiegeschäft mit Kraftwerken und Energienetzen wird abgespalten und soll im nächsten Jahr an der Börse notiert werden. Das große Medizintechnikgeschäft "Healthineers" wurde bereits vor über einem Jahr an die Börse geschickt, sein Windkraftanlagengeschäft legte Kaeser mit dem spanischen Konkurrenten Gamesa zusammen. Anfang des Jahres scheiterte die geplante Bahn-Fusion der Siemens-Zugsparte mit dem französischen Wettbewerber Alstom zwar am Veto der EU-Kommission. Auch hier ist nun aber ein Börsengang wahrscheinlich. Gleichzeitig werden Tausende Jobs in der zentralen Verwaltung abgebaut - Siemens kommt nicht zur Ruhe.

Siemens wird zerlegt. Für eine Personalchefin sind das erst mal keine guten Nachrichten

Kaeser schrumpft das Unternehmen und zerlegt damit den Mischkonzern, weil er überzeugt ist, dass sich die einzelnen, sehr unterschiedlichen Geschäftssparten besser behaupten können, wenn sie alleine auf den Weltmärkten unterwegs sind. Siemens selbst dagegen dürfte sich in den nächsten Jahren in eine Art digitale Technologie-Holding verwandeln, mit einer Reihe von Beteiligungen um sich herum. Nicht mehr der klassische Großkonzern, sondern ein digitaler Rumpf, von dem aus dann die diversen Beteiligungen gemanagt werden. Das Unternehmen wird mit jedem Umbauschritt kleiner, und damit wird auch der Personalbereich Kugels immer schlanker. Wenn man so will: ihre Machtbasis. Wenn aber die Zeiten des großen Mischkonzerns in München allmählich auslaufen, sind das für eine Personalchefin keine guten Nachrichten.

Teilnehmer berichten von einer Mitarbeiterveranstaltung Anfang Mai in der Münchner Zentrale. Alle sollen da gewesen sein, Kaeser sprach im Foyer, nur Kugel sei zu der Veranstaltung nicht erschienen, obwohl sie an jenem Tag im Haus unterwegs war. "Jeder hat sie gesehen", sagt einer. Eine Mitarbeiterversammlung ohne oberste Personalerin - ist das Zufall? Wohl kaum.

Wer Kugel nachfolgt, ist noch nicht klar, dies werde ein Thema für den Herbst werden, sagt man bei Siemens.

So wie es aussieht, steht dem Konzern ein spannender Herbst bevor. Denn nicht nur die Kugel-Nachfolge steht an. Auch die Frage, wie es ganz oben an der Spitze weitergeht, ist offen. Joe Kaesers Vertrag läuft noch bis Januar 2021 - auch, wie es heißt, damit er den von ihm angestoßenen Konzernumbau so weit wie möglich selbst begleiten kann. Selbst im engsten Umfeld aber wird gerätselt: Hört er früher auf? Will er sogar weitermachen? Oder läuft er sich gerade für eine zweite Karriere in der Politik warm? Auf entsprechende Fragen reagiert der Siemens-Boss stets mit einem vielsagenden Lächeln, das dann vieles bedeuten kann. Die zunehmende Häufigkeit, mit der sich der Manager in jüngster Zeit in die Tagespolitik einmischt, spricht zumindest nicht per se gegen einen Wechsel.

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SZ vom 29.07.2019/vwu
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