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Siemens:Abschied ohne Publikum

Alter und neuer Chef: Joe Kaeser (links) mit Roland Busch am Mittwochvormittag in München

(Foto: AP)

Der alte Chef Joe Kaeser ist weg, der neue Chef Roland Busch da: Wie Siemens bei seiner virtuellen Hauptversammlung mit viel Pathos den großen Wechsel inszeniert.

Von Caspar Busse und Thomas Fromm

Zuerst gibt es einen Vorfilm, ein klassischer Industrie-Werbespot. "Ein neues Kapitel hat bei Siemens begonnen", heißt eine der Szenen, dann wird gefragt, wie sich die Welt verändert. "Wir bei Siemens verändern auch." Im Nachgang ein Jimi-Hendrix-mäßiges Gitarrenriff. Veränderung - das Thema ist nun gesetzt, es ist der Grundsound bei dieser virtuellen Hauptversammlung. Und es ist ja auch so, dass sich einiges verändert.

Nach dem Vorfilm wird irgendwann der Hauptfilm eingespielt, er heißt, wie sonst:"Servus Joe". Szenen und Bilder aus dem Leben eines Handelsreisenden. Mal mit der Kanzlerin, mal als Mitarbeiter-Motivator in der Halle. Als der Film aus ist, sagt Joe Kaeser: "Jetzt ist die Geschichte eigentlich schon erzählt." Das ist natürlich nicht so gemeint. Für Kaeser ist eine Geschichte erst dann auserzählt, wenn er sie erzählt hat. Und genau deshalb ist er hier, an diesem letzten Arbeitstag bei Siemens, bevor ihm Roland Busch an der Konzernspitze folgt.

Es ist 10.47 Uhr, als der scheidende Chef zum Pult geht und noch mal die ganze Geschichte erzählt - wie er den Konzern aufgespalten hat, wie es in seiner Zeit mit der Aktie lief, wie Siemens Themen wie Nachhaltigkeit und Klimawandel für sich entdeckte. "Siemens steht heute gut da", sagt er. "Aber das war nicht immer so." November 2006, die Großrazzia im Hause, die schwere Korruptionsaffäre. "Es drohten enorme Schäden", sagt er. Der Konzern hat es überstanden. Kaeser wäre nicht Kaeser, würde er nicht auf die Ergebnisse seiner Arbeit verweisen. Das Energiegeschäft wurde als Siemens Energy abgespalten, die Medizintechniksparte als Siemens Healthineers an die Börse gebracht. "Alle drei Siemens-Bereiche zeigen sich von ihrer besten Seite", sagt Kaeser.

Die Siemens-Aktie stieg am Mittwoch zum Abschied auf über 135 Euro, auf ein neues Hoch. Ohne Sanierungen und Umbauten "würde es unser Unternehmen immer noch geben", sagt der scheidende Chef. "Aber sicher nicht mit 130 Euro pro Aktie. Vielleicht dann zu zehn Euro und mit der Hälfte der Mitarbeiter." Was er den Aktionären sagen will: Seht, so habe ich dieses Unternehmen gerettet.

Kaeser trägt Krawatte, das hatte man schon länger nicht mehr gesehen. Normalerweise wäre das hier die Olympiahalle, normalerweise würden hier viele Hundert Aktionäre sitzen. Heute aber ist hier alles virtuell, der Raum wird zum TV-Studio, Kaeser und eine Handvoll Mensch sitzen an einem langen Tisch und sprechen in die Kamera. Sie sitzen weit auseinander, mit Corona-Sicherheitsabstand. Den Notar, der darauf achten muss, dass hier alles ordnungsgemäß abläuft, haben sie hinten links platziert. Manchmal, wenn jemand gelobt wird - und es wird viel gelobt an diesem Mittwoch - klatschen sie. Was sehr speziell aussieht, denn wenn ein paar Menschen, die an einem langen Tisch sitzen, klatschen, dann ist das ja ganz anders als sonst, wenn Hunderte im Saal klatschen. So klingt es heute, als würden sich da ein paar Leute selbst beklatschen. Was sie im Grunde ja auch tun.

Ein letztes Geschenk zum Abschied: Am Mittwochmorgen erhöhte Siemens die Prognosen für das Geschäftsjahr - und zwar deutlich. Der Gewinn nach Steuern soll trotz der Corona-Krise um mindestens ein Fünftel auf bis zu 5,5 Milliarden Euro steigen, im letzten Geschäftsjahr 2019/20 waren es noch 4,2 Milliarden Euro gewesen. Der Umsatz soll um einen mittleren bis hohen einstelligen Prozentsatz zulegen.

Von diesem Donnerstag an ist Roland Busch (rechts) Siemens-Vorstandsvorsitzender, nicht mehr Joe Kaeser.

(Foto: Matthias Schrader/AP)

Es ist ein Tag, an dem der eine kommt und der andere geht, und die Kunst besteht nun darin, den Abschied mit guten Nachrichten zu verknüpfen und mit dem nötigen Pathos abzurunden. Aufsichtsratschef Jim Hagemann Snabe spricht von einem "emotionalen Moment", er sagt zu Kaeser nichts weniger als das: "Mit Ihrem Abschied geht eine Ära zu Ende." Und dankt für das "Lebenswerk". Für den, um dessen Lebenswerk es hier geht, hat sich die Sache zum ersten Mal nach vielen Jahren grundlegend verändert. Er sitzt zwar noch auf der Bühne, aber er füllt sie nicht mehr alleine aus. Das machen heute auch der Aufsichtsratschef und der Nachfolger. Eine Ära geht zu Ende? Man fühlt es, sogar virtuell.

Roland Busch wollte erst gar nicht zu Siemens, heuerte dann aber doch an

"Wir kommen sicher durch die Pandemie", sagt der Neue, sagt Roland Busch. Die Nachfrage besonders in China nach Siemens-Lösungen, vor allem durch den Wandel hin zu digitalen Produktionen, sei unerwartet hoch, der Marktanteil von Siemens steige. Auch die Automobilindustrie und der Maschinenbau erholten sich. All das mache sich bei Siemens bemerkbar, der Auftragseingang laufe gut. Schon das erste Quartal des neuen Siemens-Geschäftsjahres, das von Oktober bis Dezember 2020 lief, sei überraschend erfreulich gewesen, die Reisekosten sanken pandemiebedingt um fast zwei Drittel. Schon jetzt ist klar: Unter Busch wird vieles anders sein als unter Kaeser. Es fängt damit an, dass Busch nur sehr wenig über sich spricht und mehr über das Unternehmen. Personenkult ist definitiv nicht seine Sache.

"Ich überlasse es Ihnen, zu bewerten, ob die Versprechungen eingehalten wurden", sagt Kaeser zu den Aktionären. Und verabschiedet sich so: "Damit bin ich am Ende. Herr Trapattoni hätte gesagt: ,Ich habe fertig'." Ziemlich gerührt wirkt er da plötzlich, zum ersten Mal.

Dann kommt Roland Busch, der Nachfolger, und hält seine erste Rede als Chef. Bedankt sich höflich bei allen und sagt, dass er eigentlich gar nicht zu Siemens gehen wollte, damals nach der Uni. Weil eh schon jeder in Erlangen bei Siemens arbeitete. Hat er dann doch gemacht - und ist jetzt der Chef hier.

© SZ
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