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Siemens-Hauptversammlung:"Ein historischer Tag"

Siemens HV

Die Zentrale der Siemens AG in München.

(Foto: Matthias Balk/dpa)

Die Siemens-Aktionäre segnen mit großer Mehrheit die Abspaltung der Energie-Sparte ab. Zuvor hatte Konzernchef Joe Kaeser nochmal sehr geworben. Das neue Unternehmen soll aus dem Kohle-Geschäft aussteigen.

Von Caspar Busse

Eigentlich war alles ganz anders geplant: Die Siemens-Aktionäre sollten sich - wie schon seit vielen Jahren - in der Münchner Olympiahalle treffen, um über die geplante Abspaltung der Energiesparte zu entscheiden. Doch die Corona-Pandemie bringt auch hier alles durcheinander, das außerordentliche Aktionärstreffen findet virtuell statt.

In der Konferenzzone in der Siemens-Zentrale sitzen deshalb an diesem Donnerstag nur fünf Herren, hinter ihnen der riesige Schriftzug "Siemens". Alle anderen, vor allem auch die Aktionärinnen und Aktionäre, sind über das Internet zugeschaltet. Das Interesse ist groß, fast zwei Drittel aller Aktien sind vertreten.

Das Ergebnis ist auch eindeutig: Mehr als 99 Prozent der anwesenden Aktionäre stimmen am Ende für die Aufspaltung des mehr als 170 Jahre alten Konzerns. Siemens-Chef Joe Kaeser, Finanzvorstand Ralf Thomas und Chefaufseher Jim Hagemann Snabe haben zuvor noch mal sehr dafür geworben.

Siemens Energy mit 91 000 Mitarbeitern, davon 26 000 in Deutschland, einem Umsatz von 29 Milliarden Euro und einem Auftragsbestand von rund 80 Milliarden Euro soll nun am 28. September als eigenständige Firma an der Börse notiert werden. Der Siemens-Konzern gibt die Mehrheit ab, die derzeitigen Siemens-Aktionäre erhalten für je zwei Siemens-Aktien ein Papier der neuen Siemens Energy.

"Heute ist ein historischer Tag", sagt Kaeser. Snabe spricht von einem "Meilenstein in der Siemens-Geschichte". Und Finanzmann Thomas meint: "Wir gehen davon aus, dass die Bewertungen der zukünftigen Siemens AG und der zukünftigen Siemens Energy AG zusammengenommen höher sein werden als die heutige Bewertung der Siemens AG." Beide zusammen sind heute schon mit 90 Milliarden Euro das drittwertvollste Unternehmen in Deutschland - nach SAP und Linde. Besonders die Siemens-Aktie könnte künftig steigen, glaubt Kaeser.

Die geplante Abspaltung sei "weder ein Schnellschuss noch eine Notlösung, weder eine Zerschlagung noch eine Modeerscheinung", so Kaeser. Stärker fokussierte Unternehmen seien inzwischen gegenüber traditionellen Konglomeraten im Vorteil. "Konglomerate können vieles gut, aber nur weniges, was künftig wichtig ist, wirklich sehr gut", betonte Kaeser. Die größte Gefahr sei dabei die - vermeintlich schützende - Sozialisierung starker und schwacher Geschäfte. "Dieser Kardinalfehler in der Ressourcenallokation hat Industrie-Ikonen dies- und jenseits des Atlantiks in existenzielle Nöte gebracht", sagte Kaeser und spielte dabei auch auf den beispiellosen Absturz des US-Konzerns General Electric (GE) an, einst der härteste Wettbewerber von Siemens.

Siemens wird zum Zeitpunkt der Spaltung 35 Prozent der Aktien an Siemens Energy halten, weitere zehn Prozent liegen beim Siemens-Pensionsfonds, in den nächsten 18 Monaten soll die Beteiligung reduziert werden. Obwohl die beiden Unternehmen also weitgehend unabhängig sind, darf Siemens Energy auch künftig die Marke Siemens weiter nutzen. Es sei ein langfristiger Vertrag geschlossen worden, sagt Finanzvorstand Thomas. Siemens Energy entrichte dafür jährlich eine Lizenzgebühr, die Höhe liege zwischen 0,3 und 1,2 Prozent der markenrelevanten Umsatzerlöse. Für das Geschäftsjahr 2020 falle voraussichtlich ein mittlerer zweistelliger Millionenbetrag an, so Thomas. Winfried Mathes von der Fondsgesellschaft Deka sagt dazu, das erinnere an den "Handel mit Adelstiteln".

Die meisten größeren Investoren und Aktionärsvertreter hatten schon vorab Zustimmung signalisiert. Vera Diehl, Portfoliomanagerin bei Union Investment, teilte mit: "Mit mehr Unabhängigkeit bekommt Siemens Energy die Chance, Rendite und Klimaschutz miteinander zu verbinden." Der Weg zu einem "grünen Unternehmen" sei aber noch sehr weit. Der Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre kritisierte, dass das Gas- und Ölgeschäft nicht infrage gestellt werde. Selbst bei der Erschließung neuer Öl- und Gasquellen wolle man mitverdienen, obwohl dies die Klimaziele unerreichbar mache. Es müsse ein konkretes Ausstiegsdatum für das fossile Energiegeschäft geben.

Kritik an Kaesers Doppelrolle

Kaeser sagt dazu, Siemens Energy werde aus dem Bau von Kohlekraftwerken aussteigen. Bisher wird ein Großteil des Geschäfts noch mit Kohle- und Gas-Kraftwerken gemacht, daneben hält das Unternehmen die Mehrheit am Windkraftanlagen-Bauer Siemens Gamesa. Auf einen Zeitplan legt sich Kaeser aber nicht fest, er sagt nur: "Der Klimawandel ist real. Und Siemens ist Teil der Lösung." Der Kampf gegen den Klimawandel erfordere eine entschlossene Umstellung der Stromerzeugung. Man müsse den stark steigenden Strombedarf der Welt decken und gleichzeitig dem Klimawandel in "wirtschaftlich sinnvoller Weise begegnen".

Kaeser selbst soll die Führung des Aufsichtsrats von Siemens Energy übernehmen. Deka-Mann Mathes kritisierte, das sei aus Corporate-Governance-Sicht "nur schwer verdaulich". Denn Kaeser will noch bis Anfang Februar 2021 gleichzeitig auch Siemens-Chef bleiben, die operative Führung will er aber bereits im Oktober an seinen Nachfolger Roland Busch abgeben. Die Zeit der Doppelaufgabe sei relativ kurz, so Kaeser. Sollte es zu Interessenskonflikten kommen, würde diese offengelegt.

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