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Siemens-Hauptversammlung:Draußen laute Proteste, drinnen leise Klagen

  • Es ist eine Hauptversammlung, die Siemens-Chef Joe Kaeser so schnell nicht vergessen dürfte.
  • Vor der Halle demonstrieren bis zu 150 Umweltaktivisten und fordern einen Ausstieg aus dem Geschäft mit Kohle-, Öl- und Gaskraftwerken.
  • Drinnen erklärt sich der Konzernchef - und findet es "schon fast grotesk", wie sehr Siemens für den Signaltechnik-Auftrag in Australien kritisiert wird.

Ein paar Demonstranten haben sich weiße Arztkittel angezogen. Sie haben Rollstühle dabei, ihre Patienten sind Weltkugeln. Dazu halten sie Schilder hoch: "Kohle schadet dem Klima und Ihrer Gesundheit." Einige Schritte weiter, gleich neben dem Eingang zur Münchner Olympiahalle, haben sich im Halbkreis knapp 100 junge Leute aufgestellt. "Kohlemine stoppen" und "Klima brennt, Uni brennt" steht auf ihren Plakaten. Dann skandieren sie laut: "Wenn Ihr Kohle scheiße findet, dann macht mal Lärm."

Es ist laut an diesem kalten Mittwochmorgen in München. Es ist der Tag der Hauptversammlung von Siemens, eine Menge Polizisten sind da, Sicherheitsleute patrouillieren mit Hunden. Der Halleneingang ist mit Absperrgittern abgeriegelt, nur Aktionäre werden eingelassen. Zwar sind nicht Tausende Demonstranten gekommen, wie manche erwartet haben. Doch die, die da sind, machen sich bemerkbar. Die Klima- und Umweltschützer fordern von Siemens einen vollständigen Rückzug aus dem Geschäft mit Kohle-, Öl- und Gaskraftwerken - und sie kritisieren natürlich die Beteiligung von Siemens an der Logistik für eine umstrittene Kohlemine in Australien.

Natürlich ist es nicht die erste Hauptversammlung von Siemens-Chef Joe Kaeser, immerhin arbeitet er seit fast 40 Jahren für den Konzern. Aber es ist sicherlich eine, an die er sich erinnern wird. Ein Aktionärstreffen mit Protesten, lauter Kritik und schlechten Zahlen.

Unternehmen Alle gegen Siemens
Vor der Hauptversammlung

Alle gegen Siemens

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Um 7.30 Uhr empfängt der Siemens-Chef unten in einem dunklen Raum in den Katakomben des Olympiastadions. Auf einem großen Flachbildschirm zeigt er vier Bilder: Zu sehen sind Donald Trump, Greta Thunberg, Boris Johnson und ein Patient mit Mundschutz - ein Symbolfoto für das Coronavirus. Die Botschaft ist klar: Der Konzern hat gerade ganz schön viele Probleme. "Da kommt in einem Quartal viel zusammen", sagt Kaeser. Denn es ist ja so: Es gibt Momente im Leben eines Managers, da passt mal das eine, mal das andere nicht. Was der 62-Jährige allerdings gerade erlebt, ist besonders: Knapp ein Jahr, bevor sein Vertrag ausläuft, passt plötzlich eine ganze Menge nicht mehr.

Da sind erst einmal die nackten Zahlen. Der operative Gewinn im Industriegeschäft im ersten Quartal: runter um 30 Prozent auf 1,43 Milliarden Euro. Schwächen im Digitalgeschäft, Schwächen im Geschäft mit Kunden aus der Autoindustrie und dem Maschinenbau. Die passenden Bilder vom TV-Flachbildschirm dazu sind Trump und Johnson, sinnbildlich für die vom US-Präsidenten angezettelten Handelsstreitigkeiten und den Brexit des britischen Premiers. Alles Gift für einen Konzern, der in der ganzen Welt Geschäfte macht. Das allein würde wohl schon reichen, um einen Kaeser-Tag so richtig zu vermiesen.

Aber da sind auch noch die Klimaaktivisten: Greta Thunberg, Luisa Neubauer, die Fridays-for-Future-Demonstranten, Greenpeace und all jene, die Kaeser vorwerfen, Nachhaltigkeit zu predigen, in Wahrheit aber vor allem seine eigenen Geschäftsinteressen zu verfolgen. Und es gibt auch Kritik von Investoren. "Der Fall Adani war ein kommunikatives Desaster für Siemens", sagt Portfoliomanagerin Vera Diehl von Union Investment auf der Hauptversammlung. "Bei einer sorgfältigen Prüfung aller Umwelt- und Reputationsrisiken hätte Siemens diesen Auftrag niemals unterzeichnen dürfen."

Kaeser, der Unverstandene

In jenem "Fall Adani" geht es um die Lieferung von Signaltechnik für eine Bahnstrecke in Australien, über die der indische Energiekonzern Adani Millionen Tonnen Kohle von einem gigantischen neuen Bergwerk zum Hafen transportieren will. Später soll sie dann in indischen Kraftwerken verheizt werden. Schon seit Wochen sind Kaeser und Siemens daher im Visier der Klimaschützer. Und es ist nicht so, dass der Konzernchef diesen Auftrag nicht bereuen würde: Schon mehrfach hat er mittlerweile eingestanden, dass er die Unterschrift unter den Vertrag bereue. Auch an diesem Mittwoch sagt er: "Wären wir noch einmal in einer Situation, frei entscheiden zu können, sähe die Sache sicherlich anders aus." Aber wie es nun mal so ist: Einmal unterschriebene Verträge wieder aufzulösen, kann teuer werden, besonders wenn - wie hier - die Haftungsgrenze bei einem Ausstieg aus dem Projekt nach oben hin offen ist.

Am Tag der Hauptversammlung reagiert Kaeser dann weniger diplomatisch: Es mute "schon fast grotesk an, dass wir durch ein Signaltechnik-Projekt in Australien zur Zielscheibe zahlreicher Umweltaktivisten geworden sind", sagt er. Grotesk? "Grotesk bezieht sich auf die Verhältnismäßigkeit", sagt Kaeser. "Vor fünf Jahren gab es noch keine Freitagsdemonstrationen, da haben wir schon gesagt, 2030 werden wir klimaneutral sein." Kaeser, der Unverstandene.

Um kurz nach zehn eröffnet dann Jim Hagemann Snabe die Hauptversammlung. Und auch der frühere Chef des Softwarekonzerns SAP kommt bald - nach einer quälend langen Einführung mit den Formalien - auf die Proteste und den umstrittenen Australien-Auftrag zu sprechen. Er beklagt, dass die Debatte sich immer weiter von den eigentlichen Kernthemen entferne. Nämlich "der Frage, wie wir Siemens insgesamt nachhaltiger machen". Und wie Siemens den Kunden helfen könne, nachhaltiger zu werden. Da applaudieren die Tausenden Aktionäre das erste Mal. Und Snabe fügt an: "Wenn die Diskussion etwas Gutes hat, dann sicher das: Wir sehen uns angespornt, den Wandel von Siemens in Richtung Nachhaltigkeit zu beschleunigen."

Die Demonstranten draußen vor der Halle hören das nicht. Sie harren in der Kälte aus.

© SZ.de/vit, ds
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