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Siemens greift durch:Schlechte Aktien für Pierer

Erst das Büro, jetzt das Geld: Siemens will Millionenvermögen von Ex-Vorständen einbehalten und mit Schadenersatzforderungen verrechnen.

Wichtige Ämter hat Heinrich von Pierer bei Siemens schon seit gut eineinhalb Jahren nicht mehr. Kontakt gibt es zwar nach wie vor, doch die Korrespondenz zwischen dem Industriekonzern und seinem ehemaligen Vorstands- und Aufsichtsratschef hat meist einen unschönen Inhalt.

Siemens
(Foto: Foto: dpa)

Das ist eine Spätfolge des Korruptionsskandals bei Siemens, der sich vor allem in Pierers Amtszeit zutrug und der das Unternehmen heute mehrere Milliarden Euro kostet. Zuerst nahm die neue Konzernspitze dem Ex-Chef sein Zimmer in der Münchner Zentrale weg und verbannte ihn zusammen mit anderen ehemaligen Führungskräften in ein Gemeinschaftsbüro. Nun geht das Unternehmen noch drastischer vor. Pierer und anderen einst hoch gehandelten Granden des Traditionskonzerns soll es an den Geldbeutel gehen.

Nach Angaben aus Konzernkreisen hat das Präsidium des Aufsichtsrats beschlossen, Aktienvermögen einzubehalten, das Pierer und anderen Ex-Vorständen vertraglich zustünde. Es geht insgesamt um mehrere Millionen Euro, die mit Schadenersatzforderungen von Siemens gegen das frühere Management verrechnet werden sollen.

Das Unternehmen wirft Pierer und anderen ehemaligen Vorständen vor, ihre Dienstpflichten verletzt zu haben. Sie hätten nicht genau genug hingeschaut, was im Konzern so geschehe, und so die kriminellen Verfehlungen ermöglicht, die Siemens heute viel Geld kosten. Pierer weist die Anschuldigungen zurück.

Der frühere Vorstandschef und mehrere seiner damaligen Kollegen verfügen über sogenannte Aktienoptionen, die vor etlichen Jahren vereinbart worden waren und heutzutage eingelöst werden könnten.

Es soll um jeweils mehrere hunderttausend Euro gehen. Solche Programme sind in vielen Firmen üblich; sie sichern den Führungskräften neben ihren Gehältern hohe Zusatzerlöse, oft auch noch nach Ausscheiden aus ihren Ämtern. Vorausgesetzt, die Manager können dann auf die für sie reservierten Aktien zugreifen und sie im vertraglich vereinbarten Zeitraum verkaufen.

Genau das wollen die vier Aufsichtsräte bei Siemens, die das Präsidium des Kontrollgremiums bilden, aber verhindern, und so offenbar den Druck auf Pierer & Co. erhöhen.

Dem Präsidium gehören Gerhard Cromme vom Stahlkonzern ThyssenKrupp, Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, der IG-Metall-Vorsitzende Berthold Huber und der bisherigen Siemens-Gesamtbetriebsratschef Ralf Heckmann an. Sie haben nach Angaben aus Unternehmenskreisen beschlossen, die Aktienoptionen von Pierer und weiteren Ex-Vorständen einzufrieden. Der frühere Vorstandschef und dessen einstige Kollegen sollen darüber bereits informiert worden sein.

Pierers Kölner Anwalt Winfried Seibert teilte auf Anfrage mit, man nehme dazu derzeit nicht Stellung. So äußerten sich auch die Rechtsvertreter anderer ehemaliger Vorstände.

Siemens wiederum verweist auf den Geschäftsbericht 2008. Darin ist erwähnt, das Aufsichtsratspräsidium habe am 12. November beschlossen, bei drei namentlich genannten ehemaligen Managern bestimmte Zahlungen zurückzuhalten. Pierers Name ist nicht darunter. Dass seine Aktienoptionen eingefroren werden, soll das Aufsichtsratspräsidium in der nächsten Sitzung Ende November beschlossen haben.

Das zurückgehaltene Vermögen deckt indes nur einen kleinen Teil des Schadens. Die Korruptionsaffäre hat die Siemens AG bislang 2,5 Milliarden Euro gekostet.