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Siemens: Gert-René Polli:Welcher Schaden Siemens droht

Der ungeheuerliche Verdacht, diese brisanten Informationen seien in der iranischen Botschaft gelandet, wurde nie geklärt. Amerikaner und Briten kündigten die Zusammenarbeit mit dem obersten österreichischen Terrorismusbekämpfer auf. Die Russen reagierten zugeknöpft. Bei der Besetzung einschlägiger Kommissionen wurde Polli gezielt übergangen. Nach seiner Demission beim BVT heuerte der Staatsschützer bei dem privaten Sicherheitsdienst Group4 an, ehe Siemens ihn engagierte.

Aktuell liegt Wien ein Rechtshilfeersuchen aus Deutschland vor, in dem undurchsichtige iranische Aktivitäten aufgehellt werden sollen, die aus Pollis Amtszeit datieren, ohne dass ausdrücklich gegen ihn ermittelt würde. Doch unter anderem daher dürfte der raue Wind wehen, den Polli bei Siemens zuletzt verspürte.

Furcht vor politischer Kampagne

In Konzernkreisen heißt es, der Sicherheitschef habe eine politische Kampagne gegen sich gefürchtet. Vor allem die USA sollen ein Problem mit Pollis undurchsichtigen Beziehungen zu Iran gehabt haben. Wenngleich er sich zu unrecht angegriffen fühle, so heißt es weiter, habe Polli das Gespräch über eine Auflösung seines Vertrages gesucht, um Schaden von Siemens abzuhalten. Ein Nachfolger wird noch gesucht; dass Pollis Vorgänger Wolf zurückkehrt, gilt in Konzernkreisen als unwahrscheinlich.

Der mögliche Schaden für Siemens muss auch Löscher spätestens in den vergangenen Wochen klar geworden sein. Anfang Oktober ist dem Konzern in Los Angeles einen Großauftrag für Hochgeschwindigkeitsbahnen entgangen. Der Bürgermeister der Stadt begründete die Entscheidung auch mit Geschäftsbeziehungen der Münchner nach Iran. Das Joint Venture Nokia Siemens Networks liefert eine Überwachungstechnologie dorthin. Verboten sind solche Geschäfte nicht, den Amerikanern aber sind sie ein Dorn im Auge - zumal Siemens seit der Schmiergeldaffäre in den USA besondere Aufmerksamkeit genießt.

Österreichs Öffentlichkeit elektrisiert das Thema Iran immer wieder. Schon zu Zeiten des Irak-Iran-Krieges gab es unerlaubte Lieferungen schwerer Artillerie aus Österreich in die Region, mit schmerzlichen gerichtlichen Folgen für österreichische Politiker und Manager. Vor mehr als zwanzig Jahren wurden vier Kurdenführer von Iranern in Wien ermordet. Eine Tat, in die sogar der heutige iranische Präsident Ahmadinedschad als Mitglied der Revolutionsgarden verwickelt gewesen sein soll. All das gibt dem Fall Polli eine flackernde Aura, deren Schlaglichter den nachmaligen Siemens-Mann in der Tradition der österreichischen Verschwörungstheorien aber vielleicht auch greller beleuchten, als er es verdient hätte.