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Siemens:Für den Abschied noch zu früh

Abgang? Nein, noch nicht. Siemens-Chef Joe Kaeser (r.) setzt auf einen geordneten Wechsel an der Spitze. Links neben ihm: Finanzchef Ralf Thomas.

(Foto: Matthias Schrader/AP)

Siemens-Chef Kaeser lobt bei einer Pressekonferenz vor allem sich selbst. Was aber nicht heißt, dass er schon geht.

Joe Kaeser ist nicht dafür bekannt, dass er bei Pressekonferenzen kühl und mechanisch Zahlentabellen herunterbetet. Ein bisschen Politik, Philosophie und Pathos sind immer dabei. Mindestens.

Diesmal ist Joe Kaeser, 62, der politischste unter den deutschen Vorstandschefs, erstaunlich wenig politisch. Bei der Jahrespressekonferenz an diesem Donnerstag hatte er sich dafür entschieden, etwas mehr auf Pathos zu setzen.

Auch wenn sich die Abschwächung der Weltwirtschaft im Laufe des Jahres 2019 immer mehr beschleunigt habe - das vierte Siemens-Quartal sei "fulminant" gewesen. Allein der Umsatz stieg um rund fünf Prozent auf 86,8 Milliarden Euro; die Aktionäre sollen eine um zehn Cent auf 3,90 Euro erhöhte Dividende bekommen. Während andere Wettbewerber in der schwächelnden Weltkonjunktur Mühe haben mitzuhalten, "konnten wir unsere Versprechen halten". Der Chef spricht von Stolz, von Emotionen, von Geschlossenheit und Teamleistungen. Von "gewaltigen Leistungen" sogar. Er sagt Sätze wie: "Dafür möchte ich mich an dieser Stelle bei unseren über 385 000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern weltweit herzlich bedanken." Das alles klingt nach mehr als einer routinierten Jahresbilanz. Es klingt wie eine Abschiedsrede, das Vermächtnis eines Vorstandsvorsitzenden. Jenes Mannes, der 1980 als Josef Käser bei Siemens anfing und der sich irgendwann im Laufe der Jahre selbst in Joe Kaeser umbenannte.

Ein Vorstandschef, dessen Vertrag Anfang 2021 ausläuft, schon jetzt auf vorgezogener Abschiedstournee? Oder geht es einfach darum, dass sich alle gut fühlen sollen? Denn dies ist ja nicht irgendeine Siemens-Jahrespressekonferenz. Es ist die letzte dieser Art: Beim nächsten Mal wird der Konzern, der gerade komplett umgebaut wird, ein anderer sein. "Sie sehen heute einen gelassenen und zufriedenen Finanzvorstand", sagt Kaeser über seinen Vorstandskollegen Ralf Thomas. Siemens sei "sehr gut für die Zukunft aufgestellt".

Ein gutes Stichwort. Die Zukunft von Siemens, was soll das eigentlich genau sein?

Der Chef zerlegt ein historisch gewachsenes Konglomerat gerade in seine Einzelteile

Nach über 170 Jahren wird der Konzern aufgespalten, am Ende sollen drei große börsennotierte Siemens-Gesellschaften stehen: Die heutige Siemens AG mit der Industrie-Automatisierung, den Digitalen Industrien und der Bahntechnik, die Medizintechniksparte Healthineers und das Energiegeschäft Siemens Energy. Der Riesenbrocken, der aus der heutigen Sparte Gas and Power sowie der Mehrheitsbeteiligung am Windenergieausrüster Siemens Gamesa besteht, soll im Frühjahr nächsten Jahres abgespalten sein und dann auf jeden Fall im Herbst an die Börse gehen. "Wir sind nicht abhängig davon, ob die Börse gut gelaunt ist", sagt Finanzchef Ralf Thomas. Wo das neue Unternehmen dann seinen Sitz hat, ist noch nicht entschieden. Möglich wären Standorte wie München oder Erlangen.

Umbau und Ausgliederungen halten gerade den kompletten Konzern auf Trab. Healthineers ist bereits an die Börse gebracht worden, das Geschäft mit Zügen und Bahnen sollte eigentlich mit dem französischen Konkurrenten Alstom zusammengelegt werden, dies scheiterte allerdings am Veto Brüssels - und so bleibt das Geschäft mit der Mobilität erst einmal noch im Hause. Ein historisch gewachsenes Riesen-Konglomerat zerlegt Kaeser damit in kürzester Zeit in seine Einzelteile, um diese dann - so sagt er - effizienter und schneller zu machen. Wenn das am Ende funktioniert, hätte Kaeser gewonnen. Sollte sich aber herausstellen, dass einzelne Sparten durch ihren Alleingang auf die Dauer eher geschwächt würden, wäre das fatal.

Die Welt insgesamt mag in Zeiten von Handelskriegen, Konjunktursorgen, Kriegen und unendlicher Brexit-Debatte schwieriger geworden sein. Aber Siemens ist es definitiv auch.

Und damit wäre man bei der Frage nach demjenigen, der das hier alles angestoßen hat: Kaeser. Der Niederbayer selbst spricht von einer "langfristigen geordneten Nachfolgeplanung", lässt aber gleichzeitig offen, ob er nach seinem Vertragsende Anfang 2021 geht, noch weitermacht - oder sich sogar schon vorher zurückzieht. Ein Thema, sagt Kaeser, das man sich im nächsten Jahr anschauen werde.

Und so bleibt den Nachfolgekandidaten nichts anderes übrig, als abzuwarten. Allen voran: Roland Busch. Der 54-jährige Technikvorstand Busch ist vor kurzem auch zum Stellvertreter Kaesers ernannt worden - ob er den Top-Job dann am Ende auch bekommt, weiß auch er nicht. Busch ist nun derjenige, der gerade den ziemlich komplizierten Umbau mit umsetzen muss, und man könnte schon sagen: Sein Job als Vize ist auch eine Art Bewährungsprobe für den Chefsessel, was vielleicht etwas ungewöhnlich ist, denn immerhin ist der Mann ja auch schon seit gut 25 Jahren im Hause Siemens unterwegs. Bewährungsprobe für einen Altgedienten? Herr Busch, fühlen Sie sich denn schon bewährt? "Ja", antwortet der. Übersetzt heißt das vielleicht auch: Ja, wer Stellvertreter kann, der kann wohl auch Chef.

Bis der Aufsichtsrat über seine Zukunft und die Kaesers entscheidet, könnte es noch dauern - bis zum nächsten Sommer. Bis dahin müssen die beiden warten, jeder auf seinem Posten. Nur eines ist klar, sagt Kaeser: "In fünf Jahren bin ich nicht mehr hier, dass können Sie schon mal als Neuigkeit mitnehmen." Und noch etwas will er loswerden. "Ich hatte nicht vor, eine Abschiedsrede zu schreiben", sagt Kaeser am Ende auf Nachfrage. Eine solche Abschiedsrede würde dann auch "anders aussehen".

Mit anderen Worten: Da kommt noch was.