Klima-Dialog:Luisa Neubauer und Joe Kaeser im Streitgespräch

Nachhaltigkeitsgipfel

Die Klimawandel-Prävention verpasst, die Diagnose klar, aber wie soll nun die Therapie aussehen? Luisa Neubauer und Joe Kaeser im SZ-Gespräch.

(Foto: Friedrich Bungert/SZ)

Klimawandel, Diagnose und Therapie: Ex-Siemens-Chef Joe Kaeser und die Klimaschutzaktivistin Luisa Neubauer diskutieren, duzen sich und liegen gar nicht so weit auseinander. Was nicht heißt, dass sie einer Meinung sind.

Von Thomas Fromm, München

Die erste Frage wäre gleich mal diese hier: Können Joe Kaeser und Luisa Neubauer, der langjährige Siemens-Chef und die junge Klimaaktivistin eigentlich miteinander? Der eine wurde 1957 im niederbayerischen Arnbruck geboren und hat jahrelang einen der größten Konzerne Europas geführt. Einen Industriekoloss, der nicht nur Medizintechnik an Krankenhäuser und ICEs an die Bahn verkauft, sondern natürlich auch schon die eine oder andere Gasturbine ausgeliefert und jahrelang fleißig Kohlekraftwerke gebaut hat. Die andere, 1996 in Hamburg geboren, ist eine enge Weggefährtin von Greta Thunberg, Mit-Initiatorin der Schulstreik-Bewegung Fridays for Future und fordert einen Kohleausstieg bis 2030 sowie eine strenge Einhaltung des Pariser Klimaabkommens.

Gibt es da eine Gesprächsbasis? "Ich denke schon", sagt Kaeser. "Denn das Ziel ist das gleiche. Der Weg dahin muss eigentlich auch der Gleiche sein." Müsste, klar, aber so einfach ist das nicht mit dem Weg.

Kaeser, der heute Aufsichtsratschef des ausgegliederten Energietechnikkonzerns Siemens Energy ist, kennt sich mit Röntgengeräten und Computertomographen ganz gut aus, und deswegen mag er diese Analogien zur Medizin. Klimaschützer seien stark darin, Diagnosen zu stellen, aber: "Mit der Diagnose wird noch kein Mensch gesund." Die Diagnose könnten ja alle unterschreiben, und die Prävention habe man eh verpasst in den vergangenen Jahrzehnten. Die eigentliche Frage sei nun: "Was ist die Therapie?"

Aber ist es wirklich so, dass alle schon die Diagnose begriffen haben? Man könne sich da gar nicht so sicher sein, dass wirklich jeder das Problem verstanden hat, sagt Neubauer. Warum sonst werde mit Nord-Stream-2 eigentlich eine "Megapipeline durch die Ostsee" gebaut, um russisches Erdgas aus arktischen Feldern nach Mitteleuropa zu transportieren? Und auch Siemens stehe es "doch völlig offen, keine neuen Gaskraftwerke zu bauen". Ganz so einfach ist es also nicht. Aber immerhin freue sie sich, dass man doch so schnell "zum Konfliktteil gekommen" sei.

Wäre ja sonst auch langweilig.

Immerhin ist diese Kaeser-und-Neubauer-diskutieren-Klimawandel-Runde ein Versuch, und die Versuchsanordnung sieht so aus: Kaeser sitzt auf der Bühne in München, beige Hose, weißes Hemd, blaues Sakko, insgesamt mehr Freizeitausflug als Business dress. Luisa Neubauer sitzt in Berlin vor einer hellen Wand mit Heizung. Sie sagt zum Einstieg: "Guten Tag, hallo." Ist das hier eigentlich das erste längere öffentliche Gespräch? Kaeser sagt: "Das könnte sein".

Dass sich der langjährige Siemens-Chef mit Chauffeur und Millionengehalt und die junge Klimaaktivistin in diesen 45 Minuten duzen, könnte man durchaus als ein Indiz für Nähe deuten. Allerdings duzen sich die beiden auf sehr unterschiedliche Weise. Er sagt zwar: "Du hast gerade gesagt", und sie sagt "das betonst Du ja". Er nennt sie aber oft Luisa, er sagt "Luisa und Fridays for Future", nicht "Frau Neubauer und Fridays for Future". Sie dagegen verzichtet darauf, ihn ständig Joe zu nennen. Hey Joe? Nein, so weit geht es dann auch wieder nicht zwischen dem 64-jährigen Kaeser und der 25-jährigen Neubauer.

Dafür sind sie am Ende vielleicht doch zu weit entfernt, die klar argumentierende Klimaaktivistin Neubauer und der rhetorisch sehr umtriebige Kaeser. "Im Kern ist noch nicht begriffen worden, wo wir stehen", sagt er. Der Kampf gegen den Klimawandel, der Umbau der Industrie, die vielen Arbeitsplätze. "Wichtig ist, dass der soziale Frieden nicht in Gefahr gerät." Was ist mit den Renten, dem Sozialstaat, dem sozialen Frieden? Marktwirtschaft auf der einen, Klimaschutz auf der anderen Seite? Wenn Neubauer hier heute eines nicht zulassen will, dann, dass ein Gegensatz aufgemacht wird zwischen jung und alt, Klimaschutz und Wohlstand. "Die Klimakrise" betreffe ja vor allem auch "die Schwachen", sagt sie. Und "das betrifft meine Großmutter und ihre Freunde und Freundinnen." Klimawandel betrifft alle, da kann Kaeser natürlich nur schwer widersprechen.

Man muss wissen, wie und wann sich die beiden näher kennengelernt haben. Das war Anfang 2020, als Fridays for Future gegen einen Siemens-Auftrag beim Bau einer großen Kohlemine in Australien protestierte. Es ging bei dem Deal zwar nicht um die schmutzige Kohle selbst, aber immerhin um die Lieferung von Signalanlagen für Züge, die die Kohle von der Mine wegtransportieren. Kaeser bot Neubauer daraufhin einen Sitz in einem Aufsichtsgremium der Siemens-Energie-Tochter an, die aber schlug aus. "Luisa konnte ja nicht", sagt Kaeser heute verständnisvoll. Sie könne ja nicht Klimaaktivistin sein und "Bestandteil des Systems."

Bestandteil des Systems? Jetzt klingt der Alt-Manager fast wie ein Kritiker jenes Systems, dessen Teil er in den vergangenen vier Jahrzehnten war, aber vielleicht ist das ja gerade der Kniff. Irgendwann spricht Neubauer von den Bildern aus den Überschwemmungsgebieten der letzten Tage, von den Laschets und Söders, die in hohen Gummistiefeln durch zerstörte Straßen waten. "Das sind doch alles Menschen, die in Regierungsverantwortung stehen", sagt sie. "Zynisch" sei das. Kaeser wäre nicht Kaeser, würde er die Sache nicht dankbar aufnehmen und weiterdrehen: Schade, dass gerade kein Politiker mit auf der Bühne wäre. Was er damit wohl sagen will, ist: Die Politiker sollte man mal nach ihrer Verantwortung fragen.

Da wiederum kann Neubauer nur schwer widersprechen, und zu all dem passt ganz gut, wie er das Image-Desaster von Australien heute sieht. "Wir hätten das Projekt niemals machen dürfen", sagt er. 18 Millionen australische Dollar - natürlich hat sich dieser sinnlose PR-Gau nicht gelohnt. "Wir haben, und Luisa weiß das, alles versucht, da rauszukommen", sagt Kaeser. Aber man sei eben vertragsmäßig verpflichtet gewesen, es hätten Milliardenklagen gedroht. Okay, dann vielleicht doch lieber Stress mit Luisa Neubauer und Fridays for Future. "Es ist ein probates Mittel, dass man miteinander und nicht übereinander spricht", sagt Kaeser am Anfang der Runde. Und das ist ja auch schon was.

© SZ
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