Russland:Machtspiel um eine Turbine

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Russland: Geht die Gas-Pipeline Nord Stream 1 an diesem Donnerstag wieder an den Start? Eine Gasturbine von Siemens Energy könnte die Antwort geben.

Geht die Gas-Pipeline Nord Stream 1 an diesem Donnerstag wieder an den Start? Eine Gasturbine von Siemens Energy könnte die Antwort geben.

(Foto: Siemens Energy; Siemens AG)

Ob bald wieder Gas durch Nord Stream 1 fließt, soll auch von einer 20 Tonnen schweren Gasturbine aus Deutschland abhängen. Nur wo steckt dieses Teil eigentlich gerade?

Von Thomas Fromm

Einige glauben, die nächsten Tage werden ein Wettlauf mit der Zeit. Klappt alles, dann fließt vielleicht sogar wieder Gas. Andere dagegen sind sich ziemlich sicher, dass die Sache nicht mehr ist als ein politisches Spielchen, orchestriert vom großen Kreml-Strippenzieher Wladimir Putin. Eine Machtdemonstration.

Jede Version wäre für sich schon ein ziemlich guter Fiction-Filmstoff - nur dass diese Geschichte hier eben echt ist, aber keiner so genau weiß, wer hier eigentlich für das Drehbuch verantwortlich ist und was im nächsten Kapitel steht. Nur eben, dass der Ausgang des Plots in den kommenden Wochen und Monaten über die Gasversorgung in Deutschland und Europa entscheiden könnte.

Eine Turbine als Symbol

Die Gasturbine aus deutscher Produktion ist inzwischen zu einem Symbol der aufziehenden Energiekrise in Europa geworden. Die Frage, ob an diesem Donnerstag, wenn die Wartungsarbeiten an der Ostsee-Pipeline Nord Stream 1 offiziell abgeschlossen sind, wieder russisches Gas nach Deutschland fließt, hängt nach Darstellung des russischen Gazprom-Konzerns vor allem von dieser fehlenden Gasturbine ab. Die Maschine aus dem Hause Siemens Energy wurde vor dem Krieg zu Wartungsarbeiten in ein Siemens-Energy-Werk nach Kanada geschickt, blieb wegen der Sanktionen im Zuge des Ukraine-Krieges dort hängen und ist auf Drängen Deutschlands gerade wieder auf dem Weg von Kanada nach Russland. Über Deutschland, wo die Turbine noch einmal getestet werden soll, bevor sie Gazprom überreicht wird. Dort soll sie - theoretisch - dann wieder in die Kompressorstation Portowaja eingebaut werden, die wiederum für den Betrieb von Nord Stream 1 zuständig ist, so Gazprom. In diesem Fall wäre es einfach: Dann müsste die Turbine einfach bis zum 21. Juli wieder vor Ort und im Einsatz sein. Dann könnte es wieder losgehen.

Nur eine Ersatzturbine? Und wo wäre dann die Hauptturbine?

Vielleicht aber geht die Geschichte auch etwas anders, zum Beispiel so, wie es viele Kritiker glauben: Dass Moskau die fehlende Turbine nur vorgeschoben hatte, um die Gaslieferungen zu kappen. Kalter Gasentzug als Krieg mit anderen Mitteln sozusagen, und an die vorderste Front geschoben: eine Turbine von Siemens Energy. Dazu passt, was das Bundeswirtschaftsministerium an diesem Montag mitteilte. Es handele sich hierbei lediglich "um eine Ersatzturbine für den Einsatz im September", sagte eine Sprecherin in Berlin. Wenn dies nur eine Ersatzturbine ist, die wegen dringender Wartungsarbeiten nach Kanada gebracht wurde - wo ist dann die Hauptturbine? Also war alles von Anfang an nur ein Vorwand Moskaus, um die Gaslieferungen über Nord Stream 1 zu drosseln? Wenn das so ist, dann könnte es am Ende keinen Unterschied machen, ob diese Ersatzturbine nun in Russland, Deutschland, Montreal oder sonstwo liegt.

Und damit zur nächsten Frage: Wo ist sie überhaupt, die Gasturbine? Siemens Energy will darüber kein Wort verlieren, das Thema ist hochbrisant und politisch. Die russische Zeitung Kommersant will gehört haben, dass die Turbine inzwischen repariert und von Kanada am Sonntag mit dem Flugzeug nach Deutschland gebracht wurde. Vorausgesetzt, dass es keine größeren Probleme mit der Logistik oder dem Zoll gebe, werde es dann noch einmal weitere fünf bis sieben Tage dauern, bis die Turbine am Einsatzort ankomme. Zu spät jedenfalls für eine pünktliche Wiedereröffnung der Pipeline - wenn es überhaupt jemals so weit kommt.

Am Montag machte Gazprom übrigens höhere Gewalt ("Force Majeure") für geringere Lieferungen an den Düsseldorfer Gashändler Uniper verantwortlich. Uniper habe ein Schreiben aus Russland bekommen, "in dem das Unternehmen rückwirkend Force Majeure für die bisherigen und aktuellen Fehlmengen bei den Gaslieferungen geltend macht", teilte das Unternehmen mit.

Force Majeure - so kann man das natürlich auch nennen.

Tatsächlich können Unternehmen versuchen, sich mit einem solchen Verweis auf höhere Gewalt vor juristischen Klagen von Kunden zu schützen. Uniper wies dies aber formell zurück.

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