Energiewende:Siemens Energy bekommt Milliarden-Garantien und macht weiter hohe Verluste

Energiewende: Zwei Offshore-Windturbinen von Siemens Gamesa stehen vor der Küste von Virginia.

Zwei Offshore-Windturbinen von Siemens Gamesa stehen vor der Küste von Virginia.

(Foto: Steve Helber/dpa)

Die Milliardenhilfen vom Bund retten den Konzern vorerst. Doch die Krise im Windgeschäft dürfte weiter gehen - mindestens noch zwei Jahre.

Von Michael Bauchmüller und Thomas Fromm

Der Siemens-Energy-Chef spricht schon mehr als zehn Minuten, bevor er zum eigentlichen Thema kommt, auf das an diesem Mittwoch alle warten. Solche Minuten können ziemlich lang sein. Christian Bruch lobt erst einmal seine 90 000 Mitarbeiter, die Arbeit der großen Geschäftsbereiche, die Erfolge in der Kraftwerksparte und bei Stromnetzen. Er hebt die Milliardenumsätze und den milliardenschweren Auftragseingang hervor, insgesamt hat der Konzern Aufträge im Umfang von 110 Milliarden Euro in der Pipeline.

Bruch spricht von einer "Erfolgsgeschichte", was schon eine Ansage ist für den Chef eines Energietechnikunternehmens, der dann nur kurze Zeit später erklären muss, wie dem Konzern mit Milliarden-Garantien geholfen werden muss, damit es überhaupt noch weitergeht. So unproblematisch ist das also alles doch nicht.

Es ist dann 8.45 Uhr, als Bruch sagt: "Die Schwierigkeiten beim Wind stellen die exzellenten Ergebnisse in den anderen Bereichen in den Schatten." Es seien "die anderen Geschäfte von Siemens Energy, die das Überleben von Siemens Gamesa sicherstellen". Und, nicht zu vergessen an dieser Stelle, es sind Garantien in Höhe von 15 Milliarden Euro, an denen sich der Bund maßgeblich beteiligt. Weil ausgerechnet jene Windkraftsparte Siemens Gamesa, die ja eigentlich als Zukunftsgeschäft in der Energiewende gilt, seit Jahren in Summe Milliarden verbrennt.

Die Zahlen sprechen für sich. Im abgelaufenen Geschäftsjahr 2022/23 hat Siemens Gamesa den Konzern noch tiefer in die roten Zahlen gedrückt: 4,6 Milliarden Euro. Grund: seit Langem andauernde, gravierende Qualitätsmängel bei Windkraftanlagen an Land (Onshore) und Anlaufschwierigkeiten bei Windrädern auf offener See (Offshore).

Bund, Banken, Siemens - alle müssen mit ran

Damit Siemens Energy seine anderen Geschäfte mit großen Energieinfrastrukturprojekten überhaupt noch weiter verfolgen kann, braucht es diese Milliarden-Garantien - und die sind nun beschlossene Sache. Am Dienstag hatte die Bundesregierung nach wochenlangen Verhandlungen die Hilfen offiziell gemacht. Danach steigt der Bund mit einer Bürgschaft von 7,5 Milliarden Euro in die Rettung des Unternehmens ein. Nicht direkt, sondern: Berlin sichert mit einer Bundesbürgschaft teilweise Garantiehilfen der Banken in Höhe von zwölf Milliarden Euro ab. Eine nicht unumstrittene Lösung, die nicht zuletzt auch vom Chef des Ifo-Instituts, Clemens Fuest, kritisiert wird. Andererseits: Die Hilfe soll verhindern, dass einer der letzten großen hiesigen Anbieter von Technologie rund um die Energiewende untergeht. Denn Siemens Energy ist nicht nur beim Bau von On- und Offshore-Windfarmen aktiv, sondern auch rund um Stromnetze und Gasturbinen, wie sie künftig zunehmend mit Wasserstoff laufen sollen.

Erst vorige Woche hatte das Unternehmen im Beisein von Kanzler Olaf Scholz und Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) eine "Gigafactory" in Berlin eingeweiht: Sie soll künftig im großen Maßstab Elektrolyseure herstellen, die aus erneuerbarem Strom grünen Wasserstoff erzeugen können. Aus Sicht der Ampelkoalition hat Siemens Energy damit auch strategische Bedeutung für die Stromversorgung des Landes.

Allerdings will der Bund nicht der Einzige sein, der für die Probleme des Unternehmens geradesteht. Auch die frühere Konzernmutter Siemens, die noch immer 25,1 Prozent an dem Energietechnikunternehmen hält, muss mit ran. So gibt Siemens Energy 18 Prozent seiner Anteile an der gemeinsamen Landesgesellschaft in Indien an den Großaktionär ab, um auf diese Weise 2,1 Milliarden Euro einzunehmen. Und: Nach der Milliardenbürgschaft der Bundesregierung spricht nun auch Spanien mit Banken über Hilfen für die Windkraft-Tochter Siemens Gamesa, die ihren Stammsitz dort hat. Theoretisch könnten sogar Bundesländer einspringen. Aber soweit soll es nicht kommen. Ohnehin dürfte das Management allen Grund haben, die staatliche Bürgschaft so schnell wie möglich hinter sich zu lassen. Besonders günstig ist sie nämlich nicht, und dann gibt es auch diese Hilfe nicht bedingungslos: Weder darf Siemens Energy Dividenden zahlen, noch kann der Vorstand Boni einstreichen, solange die Staatshilfe andauert.

Noch zwei Jahre im Minus

"Dankenswerterweise", sagt Bruch, hätten die Banken, der Bund und Siemens geholfen. Die Debatten der vergangenen Wochen, die herben Einbrüche am Aktienmarkt - all das hat Spuren hinterlassen, auch beim Chef. "Wenn der Windbereich voll erfolgreich wäre, hätten wir diese Diskussion nicht gebraucht", sagt er. Und dass "keiner von uns" dieses "Instrument überstrapazieren" möchte. Er betont: Es gehe hier um eine "Bürgschaft, die extrem wertvoll ist". Bürgschaft, keine Beihilfe. Das ist ihm wichtig.

In der kommenden Woche will Bruch erklären, was er für die Garantien tun will. Also die Frage beantworten: Wie soll es im Windkraft-Geschäft nun weitergehen?

Wie es mit den Zahlen weitergeht, darauf gab er am Mittwoch schon einen kleinen Ausblick: Zumindest in den nächsten zwei Jahren soll das Windkraft-Geschäft noch Verluste schreiben. Zwei Jahre ohne gute Nachrichten also, erst im Geschäftsjahr 2025/26 sollen dann Gewinne gemacht werden. Um das zu schaffen, "wird derzeit der Umfang der Geschäftsaktivitäten von Siemens Gamesa überprüft", so der Konzern. Es sollen also Firmenanteile verkauft werden. Welche? Und wann?

Zumindest eines schließt der Siemens-Energy-Chef derzeit aus: einen Rückzug aus dem Geschäft mit Windkraftanlagen an Land. "Wir können nicht sagen, das machen wir nicht mehr", sagte er, daher sei mit einem "Knalleffekt" in der kommenden Woche, wenn es neue Details zur Zukunft gibt, nicht zu rechnen. "Es muss unsere Aufgabe sein, das erst einmal zu fixen."

Erst einmal fixen. Um dafür die Zeit zu haben, bekommt der Konzern nun staatliche Garantien. Das wird dem Konzern etwas Luft verschaffen. Aber lösen muss der Konzerne seine Probleme am Ende wohl selbst. Und Berlin wird genau hinschauen.

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