Siemens Das Wunder von Cuxhaven

Ob die Zukunft in Cuxhaven so strahlt wie das Turbinenhaus aus dem Siemens-Werk?

(Foto: Rex/Shutterstock)

Aus der Stadt hatte sich die Hoffnung verabschiedet. Bis Siemens kam. Jetzt kennt Cuxhaven nur noch einen Gedanken: Der Heilsbringer muss bleiben.

Von Thomas Hahn und Angelika Slavik

Am Tag, als der Messias offiziell empfangen wird, knallt die Sonne auf Cuxhaven, als wollte sie der ganzen Festgesellschaft den Garaus machen. Trotzdem sind alle gekommen: der Bürgermeister, der Ministerpräsident, der Staatssekretär. Es ist eine große Sache. Es gibt ein Festzelt und ein Buffet. Eine Bühne und riesige Leinwände daneben. Musik, natürlich. Die Stimmung ist feierlich. Heute ist der Tag.

"Siemens-Gamesa-Werk für Offshore-Maschinenhäuser Cuxhaven Nacelle Factory" steht auf einer Leinwand. Der Heilsbringer hat einen recht umständlichen Namen.

Es gibt viele Geschichten, die vom Abstieg einer Region erzählen, wenn der wichtigste Arbeitgeber dichtmacht. Davon, was das mit einer Stadt macht und mit ihren Menschen. Wenn die Hoffnung verschwindet und die jungen Leute wegziehen. Das hier aber ist die Geschichte von Cuxhaven. Einer strukturschwachen Gegend an der deutschen Küste, aus der sich die Hoffnung längst verabschiedet hatte. Bis die Fabrik kam. Der Messias. Was macht das mit einer Stadt und ihren Menschen? Wenn es plötzlich wieder Hoffnung gibt?

Es ist die erste Produktionsstätte seit 20 Jahren, die Siemens in Deutschland eröffnet

Stephan Weil, grauer Anzug, rote Krawatte, ist jetzt dran. Vermutlich ist er der einzige Ministerpräsident Deutschlands, der immer pünktlich ist. Er federt auf die Bühne. "Moin", sagt er und strahlt. Weil kennt sich schon auf dem neuen Fabrikgelände aus, er hat die Baustelle besichtigt, er war bei der Inbetriebnahme dabei. Jetzt also die Eröffnungsfeier. "Es ist nicht so, dass jede Fabrik drei Mal vom Ministerpräsidenten heimgesucht wird", sagt er.

Aber das ist ja auch nicht irgendeine Fabrik. Das ist die erste Fabrik seit 20 Jahren, die Siemens in Deutschland eröffnet. Ein Widerspruch zu den geltenden Regeln kapitalistischer Effizienzrechnung. Fast möchte man sagen: ein Wunder.

Weil sagt, Cuxhaven habe "weiß Gott schwere Jahre" hinter sich. "Viele Enttäuschungen, auch viele Verluste." Nun aber werde es aufwärts gehen. Die Arbeitslosenquote sei bereits in den vergangenen drei Jahren um 17 Prozent gesunken, seit die Entscheidung für die Fabrik in Cuxhaven gefallen ist. 850 Jobs entstehen direkt im Werk, Hunderte weitere bei Zulieferern in der Region.

"Ich bin sicher, diese Entwicklung hat noch kein Ende", sagt Weil. Er lobt die Siemensleute für ihren Mut, hierher an die Küste zu kommen. Er dankt ihnen. Er redet eine ganze Weile darüber, wie super Siemens ist. "Möge dieser Erfolg nicht der letzte sein bei der Wiederauferstehung von Cuxhaven und dem Cuxland!"

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Wiederauferstehung also. Cuxhaven ist plötzlich ein Beispiel dafür, was Industriepolitik bewirken kann. Wenn sie gelingt.

Es ist nicht so, dass man den Aufstieg schon an jeder Ecke sehen könnte. Cuxhaven ist immer noch eine dieser Städte, die mit Anspruch und Wirklichkeit kämpft. Die größte Attraktion ist die "Alte Liebe", ein knapp 300 Jahre alter Anleger, der heute als hölzerne Aussichtsplattform dient. Heinrich Heine soll hier mal ein Gedicht geschrieben haben.

Leider ist das Gedicht verschwunden. Im Souvenirladen daneben wird Sanddornlikör verkauft, auf dem "Danke für's Blumengießen" steht. Es gibt auch "Danke für's Haus hüten", in Dutzenden verschiedenen Sorten. Alle mit diesem Rechtschreibfehler, dem falschen Apostroph. Daneben ist eine Sonnenblume aufgemalt, mit einem lachenden Gesicht.

Im Stadtzentrum gibt es eine Sparkasse, die lokale Zeitungsredaktion, die üblichen Modeketten und ein paar asiatische Nudel-Restaurants. Die asiatischen Restaurants werben im Internet damit, dass es hier "Essen bis spätabends" gibt. Wenn man um neun Uhr kommt, kriegt man in dem einen gar nichts mehr und im zweiten nur noch was zum Mitnehmen.

Trotzdem ist jetzt alles anders. Eine neue Zuversicht. Cuxhaven mit seinen wenigen Einwohnern (knapp 50 000) auf vielen Quadratkilometern (knapp 162) hat eine neue Ausstrahlung bekommen. Liegt das nur an dem neuen Werk? "Doch, doch", sagt Cuxhavens Oberbürgermeister Ulrich Getsch, "da ist so ein richtiger Ruck durch die Stadt gegangen."