Sieben Millionen Autos zurückgerufen:Seuchenalarm bei Toyota

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Für Toyota ist es die größtmögliche Katastrophe, 7,5 Millionen Autos muss der Konzern zurückrufen. Der weltgrößte Autobauer verzweifelt an Fußmatten und klemmenden Pedalen. Das ist grotesk, kann aber allen anderen Autobauern genauso passieren. Denn sie produzieren vor allem Masse - und sparen dabei, wo es nur geht.

Thomas Fromm

Vor zwei Jahren, als Toyota Millionen Autos in die Werkstätten zurückrufen musste, erzählte man sich auf den Fluren des japanischen Autokonzerns einen Witz: Irgendwann werde man wohl so weit sein, dass man alle Autos weltweit zurückrufen müsse. Denn die Kunden könnten ja früher oder später mit leerem Tank auf der Straße liegen bleiben - und dann den Konzern verklagen, weil er sie nicht zeitig über dieses Risiko informiert hatte. Das war Galgenhumor.

Ausgerechnet der Hersteller, der mehr als alle anderen jahrelang die Qualität seiner Autos ins Zentrum der Werbung gerückt hatte, kämpfte nun um sein Image. Wegen rutschender Fußmatten und klemmender Gaspedale. Für Toyota war das die größtmögliche Katastrophe.

Erst vor ein paar Wochen hatten Toyota-Manager bei der Pariser Automesse erklärt, dass man sich allmählich von dem Imageschaden der letzten Jahre erholt habe. Doch nun geht es wieder von vorn los: 7,5 Millionen Autos muss der Konzern weltweit zurückrufen; diesmal sind es elektrische Fensterheber, bei denen zu wenig Schmiermittel aufgetragen wurde.

Der weltgrößte Autobauer, der einen Jahresabsatz von acht Millionen Autos und mehr anpeilt und mit seinen effizienten Produktionsmethoden seit Jahrzehnten die Lehrbücher für angehende Autoingenieure füllt, verzweifelt an Fußmatten, klemmenden Pedalen und Schmiermitteln in Fensterhebern.

Toyota ist nicht unschuldig

Das klingt nicht nur grotesk. Es ist auch grotesk. Toyota ist daran nicht unschuldig: immer größer, immer mehr Produkte in immer kürzeren Abständen, immer mehr gleiche Teile in Millionen Autos. So breitet sich ein kleines, fehlerhaftes Teil wie eine Seuche epidemisch über einen Konzern aus. Es spielt keine Rolle, ob der Autohersteller seine Fahrzeuge nur aus reiner Vorsicht zurückruft und sich die Probleme am Ende als harmlose Bagatelle erweisen wie schon in einigen Fällen zuvor. Ein Rückruf ist ein Rückruf, und ein Sieben-Millionen-Rückruf ist ein gigantischer Rückruf.

Auch wenn die Manager ihre Aktion in beruhigende Worte packen und von einem "freiwilligen Rückruf zur Qualitätssicherung" sprechen - das Image leidet, schon wieder mal. Denn viele Kunden fragen sich zu Recht, ob ihre Autos wirklich schon in der Fabrik auf Qualität und Sicherheit geprüft werden, oder ob dies erst nach dem Verkauf auf der Straße geschieht - mit den Käufern als unfreiwilligen Testfahrern sozusagen.

Es ist kein Zufall, dass bei den großen Toyota-Rückrufaktionen der vergangenen Jahre keiner der Wettbewerber die Schwäche der Japaner aufgegriffen und für eigene Werbekampagnen genutzt hat. Stattdessen haben alle ihre eigenen Fabrikhallen durchleuchtet - auf der Suche nach möglichen Schwachstellen. Denn was Toyota passiert, kann allen anderen genauso passieren, ob sie nun Volkswagen oder Ford heißen. Sie alle produzieren vor allem eins: Masse. Und sparen dabei, wo es nur geht.

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