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Sicherung im Alter:Hilflos bei Altersarmut

Die Deutsche Rentenversicherung hält nichts von den Plänen der Regierung, kleine Renten aufzustocken.

Von Thomas Öchsner, Berlin

Sie sind mindestens 65 Jahre alt, waren vorher oft lange arbeitslos und wechseln häufig von einem Fürsorgesystem ins nächste: In Deutschland beziehen gut eine halbe Million Menschen die staatliche Grundsicherung im Alter, das sind drei Prozent der über 65-Jährigen. 87 Prozent von ihnen erhielten 2014 gar keine oder eine Rente von unter 600 Euro. Dies geht aus einer Studie des Ökonomen Bruno Kaltenborn für die Deutsche Rentenversicherung (DRV) hervor. Im Durchschnitt bekamen sie 397 Euro Hilfe vom Staat. Ihnen durch eine Aufwertung ihrer Renten den Weg zum Sozialamt zu ersparen, dürfte schwierig werden.

Bei diesen Menschen seien im Leben "viele Katastrophen passiert", sagte Brigitte Loose, Leiterin des Forschungsnetzwerks Alterssicherung bei der DRV. Im Durchschnitt kämen die Empfänger der Grundsicherung im Alter auf nicht einmal 15 Jahre Erwerbsarbeit. Entsprechend gering sind ihre Rentenansprüche. Daher sei es schwierig, eine Lösung zu finden, "sodass aus fast nichts hinreichend viel wird". Arbeitnehmer, die lange Jahre Rentenbeiträge gezahlt hätten, aber trotzdem nur eine Minirente haben, seien hingegen eher selten.

Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) lässt derzeit Details einer solidarischen Lebensleistungsrente ausarbeiten. Damit will die Bundesregierung die Rentenansprüche von Geringverdienern aufstocken, die mindestens 30 Jahre Beiträge gezahlt haben, und so die Altersarmut bekämpfen. Die Fachleute der DRV halten davon aber wenig. Der Forschungsleiter der Rentenversicherung, Reinhold Thiede, sprach von keiner guten Idee. Studienautor Kaltenborn sagte, die geplante Aufstockung kleiner Renten gegen Altersarmut hätte wohl "große Streuverluste".

So zeigt seine Studie auch: Wer eine Mini-Rente bekommt, ist nicht automatisch arm im Alter. Demnach sind nur 6,1 Prozent der Menschen mit einer Altersrente von weniger als 600 Euro im Monat überhaupt auf die Grundsicherung angewiesen. Die Gründe für diesen geringen Anteil sind verschieden: Wer eine Mini-Rente bezieht, war vielleicht erst Angestellter und ist dann selbständig oder Beamter geworden. Viele leben mit einem Partner zusammen und sind dadurch abgesichert. Für Thiede ist jedenfalls klar: "Zur Bekämpfung von Altersarmut sind Maßnahmen innerhalb der Rentenversicherung nicht sehr zielgenau."

Kaltenborn sieht dies genauso: Es sei schwierig, durch Reformen bei der Rente den Anspruch auf Grundsicherung zu vermeiden. Dieser sei regional sehr unterschiedlich und könne je nach Wohnkosten bei 900 oder 600 Euro im Monat liegen. Es gebe aber Menschen, die aus Scham nicht zum Sozialamt gehen. "Die Dunkelziffer ist ein Problem, da sollte man etwas tun."

© SZ vom 16.07.2016
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