Shell Wie der niedrige Ölpreis der Umwelt hilft

Die Tiere der Polarregion und die Folgen der Ölförderung: ein Eisbär auf dem Sprung auf eine Eisscholle, eine Shell-Bohrinsel auf dem Weg in die Arktis, gefährdete Weißwale und eine Landschaft in Kanada, in der Ölsande ausgebeutet werden.

(Foto: AP (2), Reuters (2))
  • Der Ölkonzern Shell hat seine Bohrrechte in der Arktis an eine Umweltorganisation abgegeben.
  • Der Schritt hat zwar wirtschaftliche Gründe - aber gerade in ökologisch sensiblen Regionen profitiert auch die Natur vom niedrigen Ölpreis.
Von Jan Willmroth

Sie wussten um das Risiko, aber das Öl war teuer genug, um es noch einmal zu versuchen. Nach zähen Verhandlungen erlaubte das amerikanische Innenministerium dem britisch-niederländischen Ölkonzern Royal Dutch Shell wieder, in der Tschuktschensee nach Öl zu suchen, 240 Kilometer vor der Küste Alaskas. Shell war einst der erste westliche Konzern, der sich so weit nach Norden vorgewagt hatte, um nach Erdöl zu suchen.

Es war eines der ambitioniertesten Vorhaben der Ölindustrie überhaupt, und ein ähnliches hätte vor Jahren beinahe zu einer Katastrophe geführt. Als Schlepper die Bohrinsel Kulluk im Sommer 2012 aus der eisigen Region zurück nach Seattle zogen, geriet die Plattform in einem Wintersturm außer Kontrolle und lief auf Grund. Shell ließ nicht locker, erhielt die neue Genehmigung - und kündigte nur einen guten Monat später an, sich aus dem Gebiet zurückzuziehen. Die erste Bohrung habe ein "enttäuschendes Ergebnis" gebracht, so formulierte es der Konzern damals.

Es war also keine Gewissensentscheidung, sondern knallhartes wirtschaftliches Kalkül. Der Ölpreis hatte sich mehr als halbiert, Shell hatte aber bereits etwa sieben Milliarden Dollar in die Öl- und Gasförderung in der Arktis investiert, und das Projekt in der Tschuktschensee lohnte sich schlicht nicht mehr. Man darf annehmen, dass auch die Entscheidung, 30 Bohrlizenzen im Lancastersund in Kanada an eine Umweltorganisation zu übergeben, nicht allein von Sorgen um die Umwelt getrieben war.

Shell gibt Bohrrechte in der Arktis auf

In der Region leben Eisbären, Wale und Seehunde: Weil der Öl-Konzern verzichtet, kann in Kanada nun ein Schutzgebiet entstehen. Doch der Schritt hat auch wirtschaftliche Gründe. mehr ...

Ein höher Ölpreis machte komplizierte Methoden wirtschaftlich - bislang

Shells Hin und Her steht für ein Phänomen, das weltweit zu beobachten war, als der Preis für ein Fass Rohöl (etwa 159 Liter) noch um die 100 Dollar lag und sich damit Experimente lohnten. Die staatlichen und privaten Konzerne, die den Öldurst der Welt stillen, müssen mit der Zeit immer größere Umweltrisiken eingehen, um noch neue Quellen zu erschließen. Ölplattformen in der Arktis und vor der Küste Brasiliens, Förderprojekte im sibirischen Permafrost oder kilometertiefe Bohrungen mittels Fracking sind die Symptome dieser Entwicklung. Nahezu alle einfach - und vor allem kostengünstig - zu erschließenden Quellen dürften inzwischen bekannt sein. Kompliziertere Vorhaben macht der technische Fortschritt erreichbar, ein hoher Ölpreis macht sie wirtschaftlich. Genau das hat sich jedoch mittlerweile gedreht, zugunsten der Umwelt. Zumindest zum Teil.

Mehr als zehn Jahre lang hatte die Weltwirtschaft Zeit gehabt, sich an hohe Ölpreise zu gewöhnen. In jeder Sekunde verbraucht die Menschheit mehr als 1000 Liter Erdöl, mit steigender Tendenz. Es ist der wichtigste Rohstoff der Welt, sein Preis hat Einfluss auf Kraftstoffe, Zwischenprodukte und damit auf das Leben nahezu aller Menschen weltweit. Verbraucher reagieren auf hohe Preise, indem sie mit der Zeit spritsparende Autos kaufen; Industriebetriebe, Frachtfirmen und Airlines senken ihren Kraftstoffbedarf, ganze Staaten verbrauchen weniger Öl.

(Foto: )

Diese Dynamik aus steigender Produktion und nachlassender Nachfrage führte von Sommer 2014 an zu einem Verfall der Preise. Im vergangenen Januar kostete ein Fass Öl weniger als 30 Dollar, nach mehr als 115 Dollar gut eineinhalb Jahre zuvor. Das Überangebot auf dem weltweiten Ölmarkt hält bis heute an, erst allmählich geraten Nachfrage und Angebot wieder in ein Gleichgewicht. Zuletzt sind die Ölpreise wieder deutlich gestiegen.

Das hat auch mit Shell zu tun und mit den Konkurrenten des Konzerns, denn die müssen sparen. Die Unternehmen der Ölindustrie haben im vergangenen Jahr ein Viertel weniger investiert als noch 2014, in diesem Jahr haben sie bereits 330 Milliarden Dollar an Investitionen eingespart, schätzt die Internationale Energieagentur. Die Zahl aktiver Fördertürme ist im Zuge des Ölpreisverfalls weltweit gesunken, auf zuletzt nur noch 1405 aktive Bohrungen, wie aus einer Statistik des US-Öldienstleisters Baker Hughes hervorgeht (siehe Grafik). 2016 wird erstmals seit Jahren weniger Öl aus neuen Quellen fließen, als die Fördermenge aus älteren Quellen sinkt; es wird also netto weniger produziert.

Die Havarie der "Deepwater Horizon" zeigte, wie riskant Tiefseebohrungen sind

Dabei sind es gerade die jüngeren Projekte mit gravierenden Risiken für die Umwelt, die im Zuge des Preisverfalls stillgelegt werden. Die Ölförderung mit der umstrittenen Fracking-Methode in den USA, bei der Gestein in mehreren Kilometern Tiefe mittels Wasser, Sand und Chemikalien aufgesprengt wird, sinkt bereits seit einem guten Jahr. Der besonders klimaschädliche Abbau von Teersanden in der kanadischen Provinz Alberta lohnt sich vielerorts nicht mehr, weil der aktuelle Ölpreis die Kosten der Produzenten nicht mehr deckt. Wie riskant Tiefseebohrungen sind, zeigte die Havarie der Bohrplattform Deepwater Horizon im Golf von Mexiko im Jahr 2010. Etwa 800 Millionen Liter Öl strömten damals ins Meer, elf Arbeiter starben. Solche Vorhaben, die mehrere Milliarden kosten, bevor das erste Öl fließt, werden gerade reihenweise stillgelegt.

Das ist die eine, für die lokale Umwelt gute Seite der niedrigen Preise. Die andere Seite, das sind etwa die Autofahrer in den USA oder Indien, die in diesem Jahr ein Rekord-Wachstum beim Spritverbrauch verursachen werden. Das ist die steigende, klimaschädliche Nachfrage nach Öl, die noch schneller zunimmt, solange der Rohstoff günstig bleibt. Diese andere Seite wird dazu führen, dass die Umwelt nun vielleicht vor der Küste Alaskas eine Verschnaufpause bekommt. Langfristig aber dürfte auch das arktische Öl in großem Stil ausgebeutet werden, sobald das wieder wirtschaftlich wird. Allen Risiken zum Trotz.

Warum die Ölstaaten streiten und streiten

Die meisten Förderländer leiden unter den Mini-Ölpreisen - trotzdem können sie sich nicht zusammenraufen. Die Gründe sind vielfältig. Analyse von Vivien Timmler und Jakob Schulz mehr ...