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Klimaschutz:Schwarze Woche für das schwarze Gold

Enbridge Says Great Lakes Oil Pipeline Will Keep Running

Erstmals hat ein Gericht in den Niederlanden einen Konzern dazu verurteilt, seine klimaschädlichen Emissionen zu mindern: den Ölkonzern Shell.

(Foto: Cole Burston/Bloomberg)

Gerichte und Aktionäre zwingen Ölmultis wie Shell und Exxon zum Kurswechsel im Kampf gegen die Erderwärmung. Aber wird deshalb auch weniger Öl gefördert?

Von Michael Bauchmüller, Berlin

Europa staunte noch über ein Urteil gegen den Ölmulti Shell, da schufen die Aktionäre von Exxon Mobil selber Fakten. Sie wählten in den Vorstand des amerikanischen Ölkonzerns zwei Kandidaten des Hedgefonds "Engine No. 1" - eines Aktivisten-Fonds, der nur 0,02 Prozent an Exxon Mobil hält. "Die Zeit des Wandels" hat Engine No. 1 ausgerufen, hin zu mehr Klimaschutz. Und Investoren wie Blackrock haben sich am Mittwoch dahintergestellt, gegen den erbitterten Widerstand von Vorstandschef Darren Woods. "Das ist ein unmissverständliches Signal", sagt Fred Krupp, Chef der Umweltstiftung Environmental Defense Fund. "Klimaschutz ist ein Imperativ der Finanzwelt, und führende Investoren wissen das."

Am gleichen Tag wussten das auch die Investoren bei einem anderen US-Ölkonzern, Chevron. Mit einer satten Mehrheit von 61 Prozent nahmen sie einen Antrag an, der das Unternehmen beim Klimaschutz stärker in die Pflicht nehmen soll; Chevron selbst hatte empfohlen, diesen Antrag abzulehnen. Demnach soll der Konzern auch die sogenannten Scope-3-Emissionen senken. Das sind jene Emissionen, die nicht bei der Förderung von Öl und Gas anfallen, sondern auch bei deren Verbrennung. Die Verantwortung des Konzerns erstreckt sich damit nicht mehr nur darauf, wie er an seine Rohstoffe kommt, sondern auch darauf, was andere mit diesen Rohstoffen anstellen.

Genau das verlangen nun auch niederländische Richter vom europäischen Shell-Konzern. Bis 2030, so befand ein Gericht in Den Haag, muss der Konzern seine Emissionen um 45 Prozent senken, verglichen mit 2019. Und das auch bezogen auf die Zulieferer und Abnehmer der Rohstoffe. Ein historisches Urteil, finden Umweltschützer. "Zum ersten Mal in der Geschichte wurde ein Konzern verpflichtet, seiner Verantwortung für die Klimakrise gerecht zu werden und seine Emissionen radikal zu reduzieren", sagt Olaf Bandt, Chef des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Der Konzern selbst verweist auf seine vielen Anstrengungen für den Klimaschutz und will in Berufung gehen. Das Urteil sei "enttäuschend". Tatsächlich aber ist er, wie viele seiner Konkurrenten, in der Klimadefensive.

Für das schwarze Gold ist es eine schwarze Woche. Begonnen hatte sie vor Tagen mit einem Report der Internationalen Energieagentur (IEA). In der Vergangenheit hatte sie sich wenig um die ökologischen Folgen der Verbrennung von Öl und Gas geschert, sondern vielmehr darum, welche ökonomischen Folgen deren Verknappung haben könnte. Die Pariser Organisation wollte keine Unabhängigkeit vom Öl, sondern Unabhängigkeit von einigen wenigen Lieferländern. Doch dann legte sie vorige Woche einen Bericht über das Ende des fossilen Zeitalters vor, zu erreichen bis 2050. "Wir müssen die Nutzung fossiler Energie substanziell vermindern", sagte IEA-Chef Fatih Birol. "Und das wird nur durch Investitionen gehen." In neue Projekte für die Versorgung mit Öl, Gas und Kohle hingegen sollte künftig kein Geld mehr fließen, empfahl die IEA. Für eine Organisation mit ihrer Geschichte ist allein das eine Revolution.

Über den Preis ließe sich die Nachfrage steuern

Ob sich kurzfristig viel am globalen Öl-Geschäft ändert, bezweifeln Experten jedoch. Shell etwa könnte seine Emissionen mindern, indem der Konzern sich von einzelnen Förderprojekten trennt. "Wenn wir hier in Europa Unternehmen an die kurze Leine nehmen, heißt das noch nicht, dass das Öl im Boden bleibt", sagt Susanne Dröge, die an der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik zur internationalen Energie- und Klimapolitik forscht.

Hinzu kommt, dass in anderen Ländern der Welt auch Staatskonzerne Öl und Gas fördern, und das meist fernab jeglicher Klimaauflagen. Zu den drei größten Ölkonzernen der Welt zählt schon länger keiner mehr aus Europa oder den USA. Es sind die chinesischen Konzerne Petrochina und Sinopec sowie Saudi-Arabiens Saudi Aramco. Am Ende, sagt Dröge, sei der Preis die entscheidende Größe, um die Nachfrage zu steuern: "Das Problem ist, dass sich immer noch zu viel davon zu günstig fördern lässt." Abhilfe könne ein CO₂-Preis schaffen, der fossile Energie verteuere.

Zuletzt hatten viele große Ölkonzerne Selbstverpflichtungen zum Klimaschutz abgegeben, bis hin zu dem Versprechen, bis 2050 klimaneutral zu werden, also netto keine Emissionen mehr zu verursachen. Doch eine Studie, die der Londoner Thinktank Carbon Tracker am Donnerstag veröffentlichte, sieht eine eklatante Lücke zwischen schönen Zielen und realen Projekten. Einzig Italiens Eni schnitt gut ab, mit Abstrichen auch Total und BP. "Netto null allein reicht nicht", sagt Mike Coffin, der Autor der Studie. "Es ist der Pfad, auf den es ankommt." In welchen Etappen die Konzerne konkret klimafreundlich werden wollen, bleibe in den meisten Fällen offen. Bisher jedenfalls.

© SZ/vit
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