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Raffinerien:Wie Shell im Rheinland das Klima schützen will

Shell launches REFHYNE hydrogen electrolysis plant in Wesseling

Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet nimmt die neue Wasserstoff-Elektrolyse-Anlage symbolisch in Betrieb.

(Foto: Thilo Schmuelgen/Reuters)

Mehr Elektroautos, strengere Klimaziele: Ölkonzerne stehen vor tiefen Einschnitten. Nun soll Wasserstoff die CO₂-Bilanz von Shell verbessern, auch in Deutschlands größter Raffinerie bei Köln.

Von Benedikt Müller-Arnold, Wesseling

Fabian Ziegler zieht derart unrühmlich Bilanz, dass man sich fragt: Plagt ihn manchmal das schlechte Gewissen? Ziegler ist Chef von Shell in Deutschland, allein seine Fabriken stehen für ein Prozent aller CO₂-Emissionen bundesweit. Und rechnet man ein, wie viele Fahrzeuge und Flieger Sprit der Firma verbrennen, wie viele Fabriken und Heizungen deren Produkte verfeuern, dann verursache Shell ein Zehntel aller Treibhausgase Deutschlands. Kein Wunder, dass Ölkonzerne zu den größten Feindbildern der Klimabewegung zählen.

Doch Ziegler deutet das Unheil um: Shell könne einen großen Beitrag zur Energiewende leisten, sagt der 54-jährige Schweizer. Damit nicht genug: Die große Raffinerie in Wesseling bei Köln solle ein "Herzstück des neuen Unternehmens Shell" werden, sagt Ziegler. Das aber ist meistens schwierig: sich erneuern, wenn man so ein alter und erfolgsverwöhnter Laden ist.

Royal Dutch Shell, entstanden 1907, zählt zu den "Big Oil"-Konzernen. Die britisch-niederländische Gruppe fördert Erdöl, verarbeitet es zu Kraft- und Schmierstoffen, die sie dann in Tankstellen, an Flughäfen oder die Industrie verkauft. Shell zählt gut 80 000 Beschäftigte weltweit, Tendenz freilich sinkend. Shell weiß mittlerweile: So kann es nicht weitergehen. Deutschland will bis 2045 klimaneutral werden. Dafür muss man fast alle Prozesse ersetzen, bei denen fossile Rohstoffe verbrannt werden: Elektroautos ersetzen den Benzinmotor, Solarzellen und Wärmepumpen verdrängen die Ölheizung. Und so weiter.

Shell spürt das auch in der Heimat. Ein niederländisches Gericht hat im Mai - nach Klagen von Umweltverbänden - entschieden, dass der Konzern seinen CO₂-Ausstoß stärker senken muss als geplant. Es war das erste Mal, dass ein Gericht eine Firma dazu verurteilt hat, die Pariser Klimaziele einzuhalten. "Das fossile Zeitalter neigt sich dem Ende zu", jubelte Olaf Bandt, Chef des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland. Mal abgesehen von Shell, blickt die Branche auf ein fürchterliches Wochenende zurück: In Rumänien kam es am Freitag zu einer Explosion in einer Ölraffinerie, im Golf von Mexiko verursachte ein Leck in einer Ölpipeline einen Brand auf dem Meer.

Künftig will Shell nur noch fünf statt 13 Raffinerien weltweit betreiben

Shell hat zwar angekündigt, Berufung gegen das Urteil von Den Haag einzulegen. Konzernvorstand Huibert Vigeveno sagt aber auch: "Wir wollen uns dieser Herausforderung stellen." Das bedeutet zum einen: Einschnitte. Shell will künftig nur fünf statt bislang 13 Raffinerien weltweit betreiben; Deutschlands größte Raffinerie im Rheinland soll erhalten bleiben. So wird die Produktion zurückgehen. Auch will das Unternehmen bis zu 9000 Arbeitsplätze weltweit abbauen.

Zum anderen sind da Hoffnungswerte. Beispielsweise baut Shell wie auch Aral mehr und mehr Schnellladesäulen für Elektroautos. Aber manche Prozesse lassen sich nicht leicht elektrifizieren: Flugzeuge oder Schiffe etwa, die mit viel Masse auf langen Strecken unterwegs sind, bräuchten - Stand jetzt - viel zu große Batterien. Auch Stahlwerke und Chemiefabriken benötigen bislang noch viele fossile Rohstoffe.

Shell nimmt Wasserstoff-Elektrolyseanlage in Betrieb

Ziemlich kompliziert: Blick auf die neue Wasserstoff-Elektrolyseanlage des Energiekonzerns Shell in Wesseling.

(Foto: Rolf Vennenbernd/dpa)

Die Hoffnung schlummert daher fast versteckt in jener Raffinerie am Rhein, einem Labyrinth aus Anlagen und Rohren, Kesselwägen und Tanks, mit Querstraßen und eigener Feuerwehr. Shell bezieht hier Erdöl aus einer Pipeline via Rotterdam, verarbeitet es zu Diesel oder Flugbenzin, zu Schmierölen oder Chemikalien.

Binnen von zwei Jahren hat der Konzern nun einen Elektrolyseur hochziehen lassen, getarnt in einem grauen Klotz aus Beton und Stahl, überdacht von einem futuristischen Gewölbe. Die Zufahrt riecht noch nach brandneuem Asphalt. Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet nimmt die Anlage symbolisch in Betrieb. "Das ist der Start zum klimaneutralen Industrieland", ruft der Kanzlerkandidat der Union in die Kameras, als er den grauen Hebel samt roten Pommel betätigt. "Wasserstoff Marsch!"

Wasserstoff-Tankstellen, Flugbenzin aus Holzresten: Der Konzern sucht Alternativen zum Ölgeschäft

Dazu muss man wissen, dass Raffinerien schon heute viel Wasserstoff benötigen - beispielsweise, um Kraftstoffe zu entschwefeln. Bislang gewinnen sie das Element aus Erdgas; es ist einer der klimaschädlichsten Prozesse einer jeden Raffinerie. Doch Wasserstoff kann eben auch "grün" erzeugt werden, aus Wasser mit viel Ökostrom. Diesen bezieht Shell über Abnahmeverträge.

Der Elektrolyseur hat eine Kapazität von zehn Megawatt, das entspricht der Leistung eines großen Windrads auf hoher See. Das genügt, um etwa 1300 Tonnen Wasserstoff pro Jahr zu gewinnen, rechnet die Firma vor. Damit zählt die Anlage zwar zu den größten bislang installierten Elektrolyseuren der Welt. Dennoch kann das "nur der erste Schritt" sein, wie Shell-Manager Jens Müller-Belau einräumt: Alleine seine Rheinland-Raffinerie brauche etwa 180 000 Tonnen Wasserstoff jährlich. Noch hält sich die CO₂-Ersparnis also in Grenzen.

Doch das Unternehmen erwäge bereits, einen weiteren Elektrolyseur in Wesseling zu bauen, sagt Deutschlandchef Ziegler, mit zehnfacher Kapazität. "Wir werden weitere Unterstützung brauchen", deutet der Manager an und nennt eine Reihe von Ideen. Beispielsweise plane Shell gemeinsam mit Partnern Wasserstoff-Tankstellen für Lkw, Busse oder Schiffe. Stahlherstellern könne seine Firma "grünen" Wasserstoff liefern. Und für die Luftfahrtindustrie plane man klimaschonende Kraftstoffe, hergestellt mit Holzabfällen und Ökostrom.

Wer "grünen" Wasserstoff braucht, müsse auch die erneuerbaren Energien ausbauen, kritisiert die SPD

CDU-Mann Laschet passt das genau in seine Agenda: Ja, die Bundesrepublik müsse klimaneutral werden, sie solle aber auch ein Industrieland bleiben, wirbt der Kanzlerkandidat. "Klimaneutralität bedeutet nicht: Wir dürfen nicht mehr fliegen", sagt Laschet. Statt um Verbote müsse es darum gehen, Treibstoffe CO₂-neutral zu machen. Die neue Anlage von Shell sei da beispielgebend.

"Klimaneutralität bedeutet nicht: Wir dürfen nicht mehr fliegen", sagt Armin Laschet. Der CDU-Kanzlerkandidat spricht sich gegen Verbote und für CO₂-neutrale Kraftstoffe aus.

(Foto: Ina Fassbender/AFP)

Bei aller Euphorie nutzt Jens Geier die Gelegenheit, an die notwendige Bedingung all der Neuheiten zu erinnern: Wer viel "grünen" Wasserstoff braucht, der müsse unbedingt erneuerbare Energien ausbauen, mahnt der SPD-Abgeordnete im Europäischen Parlament. "Ich weiß nicht, ob Ihre Abstandsregel da so hilft, Herr Laschet", kritisiert Geier den Ministerpräsidenten. Der nordrhein-westfälische Landtag hat vorige Woche ein Gesetz beschlossen, wonach neue Windräder grundsätzlich mindestens einen Kilometer von Wohnsiedlungen entfernt stehen müssen. Nach Ansicht von Kritikern schränkt das Land damit das Potenzial für zusätzliche Windanlagen sträflich ein. Dabei ist grüne Energie doch die Ressource, die nun selbst Ölkonzerne dringend benötigen.

Und das zeigt sich nicht nur am Beispiel Shell, sondern etwa auch beim Rivalen BP. Der Mutterkonzern der Aral-Kette plant beispielsweise einen Elektrolyseur mit einer Kapazität von 50 Megawatt an seiner Raffinerie im niedersächsischen Lingen an der Ems. Den nötigen Ökostrom will BP von einem Windpark auf hoher See beziehen. Und zuletzt haben kritische Investoren auch die US-Konzerne ExxonMobil und Chevron zu mehr Investitionen in Klimaschutz gedrängt. Der Wandel der westlichen Ölmultis scheint nicht mehr aufzuhalten.

© SZ
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