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Erotikunternehmen:Bizarre Ermittlungen im Fall Beate Uhse

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Mehrere Jahre ermittelte die Staatsanwaltschaft Kiel im Fall Beate Uhse.

(Foto: dpa/dpaweb)
  • Mehrere Jahre liefen Ermittlungen gegen frühere Spitzenkräfte des größten deutschen Sexkonzerns Beate Uhse. Jetzt scheint das Verfahren gescheitert zu sein.
  • Das Gericht wirft den Ermittlern schwere Fehler vor, sie hätten einem zweifelhaften Zeugen vertraut.

Von Uwe Ritzer, Nürnberg

Als die Lufthansa-Maschine aus Los Angeles in München landet, wartet die Polizei bereits auf Richard Orthmann. Der Flensburger Geschäftsmann hat mit seinem Sohn in den USA ein Golfturnier gespielt. Von München aus will er an diesem 5. August 2011 weiter in seine Villa am Schweizer Bodenseeufer reisen. Stattdessen landet Orthmann für 62 Tage in Untersuchungshaft. Fast zeitgleich verhaften Fahnder andernorts einen seiner Mitarbeiter. Sie werfen beiden "Beihilfe zur Untreue in einem besonders schweren Fall" vor.

Spitzname: "Richie Rich"

Die Verhaftungen schlagen hohe Wellen. Schließlich stehen sie in Zusammenhang mit dem spektakulären Niedergang des größten deutschen Sexkonzerns Beate Uhse. Von "Klüngel im Küstennebel" ist in den folgenden Monaten zu lesen, von einem der "größten und komplexesten Betrugsfälle" in der Geschichte Schleswig-Holsteins und vom "missglückten Millionenspiel". Die Fahnder verdächtigen den früheren Beate-Uhse-Hauptaktionär und Aufsichtsratsvorsitzenden Orthmann (Spitzname: "Richie Rich"), das Gehirn hinter ebenso raffinierten wie illegalen Aktiengeschäften zu sein, die um ein Haar die Sparkasse Flensburg ruiniert hätten.

Knapp vier Jahre später scheint das aufwendige Strafverfahren in sich zusammenzufallen. Und zum Fiasko für die Kieler Staatsanwaltschaft zu werden.

Denn das Landgericht Kiel lehnte es vor wenigen Tagen ab, den Fall überhaupt zu verhandeln. Das Hauptverfahren werde "teils aus tatsächlichen, teils aus rechtlichen Gründen" nicht eröffnet, heißt es in einem 42-seitigen Beschluss der 5. Strafkammer, welcher der Süddeutschen Zeitung vorliegt. Die Richter sprechen Orthmann und dessen Mitarbeiter für die U-Haft Entschädigung zu und brummen die Verfahrenskosten der Staatskasse auf.

Der Sprecher der Kieler Staatsanwaltschaft kündigte an, "umgehend Beschwerde gegen die Entscheidung beim schleswig-holsteinischen Oberlandesgericht (OLG)" einzulegen. Das ist kein Wunder, geht es doch auch um den Ruf der Ankläger. Denn in ihrem Beschluss teilen die Richter kräftig aus - vor allem gegen die Staatsanwaltschaft und deren Ermittlungsmethoden. Sollte das OLG die Dinge ähnlich sehen, wäre die Anklagebehörde blamiert.

Die Anklage stützt sich auf "offensichtliche Falschaussagen"

Insgesamt sechs Beschuldigte klagte die Staatsanwaltschaft Anfang 2012 wegen besonders schwerer Untreue und Beihilfe dazu sowie wegen Betrugs an. Angeklagt wurden neben Richard Orthmann, 61, und dessen Mitarbeiter auch: der Sohn von Firmengründerin Beate Uhse, Ulrich Rotermund, 66; ein Schweizer Porno-Unternehmer; der frühere, langjährige Flensburger Sparkassen-Chef Frerich Eilts, 65; und dessen einstiger Vorstandskollege Frank K.

Allerdings stützt sich die Anklage auf einen fragwürdigen, ja bizarren Belastungszeugen: einen Buchhalter, der früher für Orthmann arbeitete und ihn schwer belastete. Das Gericht hält die Angaben des Mannes jedoch in weiten Teilen für "frei erfunden" und hat nach eingehender Prüfung "offensichtliche Falschaussagen" gefunden. Wobei nicht klar sei, so die Strafkammer, ob die falschen Angaben auf die psychische Erkrankung des Zeugen oder dessen Streit um Geld mit seinem Ex-Arbeitgeber Orthmann zurückzuführen seien.

Aus den Akten geht hervor, dass die Kieler Ermittler von beidem frühzeitig Kenntnis hatten - und trotzdem nicht stutzig wurden. Sie stuften den offenbar wegen manischer Depressionen zeitweise in Fachkliniken untergebrachten Mann auch dann noch als glaubwürdig ein, als dieser auf skurrile Weise auffällig wurde. 2009 vererbte der damals 39-Jährige in einem notariell beglaubigten Testament Immobilien, Wertpapiere, Oldtimer und Firmenanteile, "welche ich noch erwerben werde". Ein Millionenvermögen also, das nur in seinen Zukunftsträumen existierte.

Auch handwerklich ging den Anklägern offenkundig einiges gehörig daneben. Verwundert registrierten die Kieler Richter, dass wesentliche Vorwürfe der Anklage längst verjährt seien. "Trotz eines Warnhinweises des Landeskriminalamts vom 12. April 2010" habe die Staatsanwaltschaft während ihrer Ermittlungen nichts unternommen, um diese Verjährung rechtlich zu verhindern, so das Landgericht.

Gar verrechnet hätten sich die Ankläger, als sie den Gesamtschaden aus den angeblich fragwürdigen Aktien- und Kreditgeschäften auf 45 Millionen Euro bezifferten. "Wie die Staatsanwaltschaft auf diesen Wert gekommen ist, bleibt im Dunkeln", schreiben die Richter im Einstellungsbeschluss.

Auch für einen zwischenzeitlichen Korruptionsverdacht der Staatsanwaltschaft gegen die beiden Flensburger Sparkassen-Vorstände habe es nie eine Grundlage gegeben. So lägen "keinerlei Hinweise" vor, dass Ex-Sparkassenchef Eilts "einen Vorteil erhalten oder auch nur gefordert hat". Und gegen die internen Richtlinien hätten er und dessen damaliger Vorstandskollege Frank K. bei ihren Kreditvergaben auch nicht verstoßen, so die Richter. Was allerdings nichts daran ändert, dass die Geschäfte mit Beate Uhse die Sparkasse Flensburg in gehörige Schieflage brachten. In einer Notfusion ging diese schließlich in der Nord-Ostsee-Sparkasse (Nospa) auf.

Die Sparkasse Flensburg geriet wegen Krediten an die Firma in eine drastische Schieflage

Über Jahre hinweg hatte die Flensburger Sparkasse nicht nur an Beate Uhse großzügig Darlehen vergeben, sondern auch an Orthmann und dessen Geschäftspartner samt deren Firmen. Die Kredite waren mit Beate-Uhse-Aktien abgesichert, die jedoch ab 2004 stetig an Wert verloren. Als die Erotikfirma Ende Mai 1999 an die Börse ging, lag der Emissionspreis bei 7,20 Euro pro Aktie. Am dritten Handelstag wurde sie gar mit 28,20 Euro gehandelt. Wenige Jahre später war einer der mit spärlich bekleideten Frauen verzierten Anteilsscheine nur 33 Cent wert. Die Sparkasse musste später mehrere Millionen Euro abschreiben, Eilts und K. mussten gehen.

Die Talfahrt der Aktie hatte mehrere Gründe. Der wohl wichtigste war das Internet. Warum sollte die Kundschaft weiter für Pornofilme bezahlen, die es auf einschlägigen Portalen kostenlos bekam?

Sowohl für die Sparkasse als auch für Orthmann und dessen Geschäftspartner wurde das zum Problem. Denn je wertloser die Aktien wurde, desto weniger taugten sie als Sicherheiten für die Kredite. Also drängten die Banker auf Nachsicherungen. So begannen im Frühjahr 2005 jene Transaktionen, deretwegen die Staatsanwaltschaft Orthmann, Rotermund und Co. gerne auf der Anklagebank gesehen hätte.

Mithilfe von Scheinfirmen mit hübschen Namen wie Mojacar, Indalo oder Velez sowie Strohmännern sollen sie Börsenkurse manipuliert haben. Ziel sei es gewesen, den Kurs künstlich hoch zu halten, auch um die wahren Probleme von Beate Uhse zu verschleiern, glauben die Ermittler. Die besagten Orthmann/Rotermund-Firmen kauften den Privatleuten Orthmann/Rotermund Beate-Uhse-Aktien ab. Das Geld hätten ihnen Sparkassenvorstände unzulässigerweise über Kredite zugeschanzt, sagen die Ermittler.

Doch wie auch immer - alles längst verjährt, so das Gericht. Es ist sehr fraglich geworden, ob von den Vorwürfen überhaupt etwas übrig bleiben wird. Gerüchten zufolge soll die Nospa in einem vertraulichen, außergerichtlichen Vergleich Frerich Eilts gegenüber bereits eingestanden haben, dass dieser keine Untreue begangen habe. Strafrechtlich spricht das OLG das letzte Wort. Die Staatsanwaltschaft will ihrem Sprecher zufolge das Beschwerdeverfahren auch nutzen, auf die Kritik des Landgerichtes einzugehen. "Vorher sagen wir dazu öffentlich nichts", so der Sprecher.

© SZ vom 11.06.2015
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