bedeckt München 10°

Serie: Finanzfrauen:Die Chefin

Ellen Schneider-Lenné war die erste Frau im Vorstand der Deutschen Bank. Sie war entscheidungsstark, selbstbewusst und witzig, und sie übernahm Verantwortung für ihre Mitarbeiter.

Von Meike Schreiber

Einmal, da haben sie im Vorstand der Deutschen Bank wieder heftig gestritten. Um was es genau ging, ist nicht überliefert, nur dass sich eines der Alphatierchen quergestellt hat. Irgendwann Anfang der Neunzigerjahre muss das gewesen sein. Für Ellen Schneider-Lenné war der Fall klar: "Gebt ihm eins zwischen die Hörner und dann entscheiden wir das."

So wurde es gemacht. Ellen Schneider-Lenné war damals Mitglied im Vorstand der Deutschen Bank, als erste und bis dahin einzige Frau. Auf Fotos aus dieser Zeit trug sie meist eine brave Achtzigerjahre-Schluppenbluse, Föhnfrisur, damenhafte Brille. Doch nach allem, was Weggefährten über sie berichten, täuscht der Eindruck. Demnach war sie entscheidungsstark, äußert selbstbewusst und obendrein noch witzig, eine geborene Führungsfigur. "Sie war einfach unser bester Mann im Vorstand", sagt Hilmar Kopper, Vorstandssprecher von 1989 bis 1997, heute über Ellen Schneider-Lenné, damals respektvoll "Ess-Ell" genannt.

Es ist seltsam: Über all den Debatten, wann endlich eine Frau in den heutigen Bankvorstand eintritt, ist fast ein wenig in Vergessenheit geraten, dass Deutschlands größtes Kreditinstitut dieses Ziel schon einmal erreicht hat. Von 1988 bis 1996 war das, und alle, die mit Schneider-Lenné zusammengearbeitet haben, sagen, es war eine gute Zeit für die Bank. "Sie war eine unglaublich starke Persönlichkeit, sie war glaubwürdig, fleißig, sehr strukturiert und sehr entscheidungsfähig. Und: Sie hat sich sehr um ihre Mitarbeiter gekümmert. Wir, ihr Team, wir waren damals wie eine Familie. Sie hat uns unheimlich viel zugetraut und sehr viel mehr Verantwortung gegeben, als das heute üblich wäre", sagt ihre damalige Sekretärin Martina Lauermann über die Chefin.

Diese Anteilnahme war keine Einbahnstraße: Als Schneider-Lenné schwer krank wurde, brachte ihr Lauermann regelmäßig Essen ins Krankenhaus, hat sich um alles gekümmert. Noch am 18. Dezember 1996 nahm Schneider-Lenné an einer Vorstandssitzung teil, am ersten Weihnachtsfeiertag verstarb sie mit nur 54 Jahren.

"In jener vorweihnachtlichen Sitzung gab sie uns deutlich zu verstehen, dass sie unser Tun kritisch begleiten und uns ihre Meinung wissen lassen werde - sie hing an der Bank, an Einsatz übertraf sie niemand", sagte Kopper kurz darauf in seiner Trauerrede auf der Beerdigung.

Ellen Schneider-Lenné fing 1967 bei der Deutschen Bank an und arbeitete sich im Eiltempo nach oben. Familie hatte sie keine - aber sie liebte schnelle Autos.

(Foto: Deutsche Bank)

Doch wie kam es zu dieser Karriere, in der Nachkriegszeit, in der das Bankgeschäft noch männerdominierter war als heute? In einer Zeit, als in Vorstandssitzungen noch Zigarre geraucht, die Unterlagen zu Kreditakten nicht per E-Mail, sondern per Rohrpost von einem Deutsche-Bank-Turm in den anderen geschickt wurden. Eine Zeit, in der das Institut die größte Bank der Welt war und die Vorstände als Inbegriff der Deutschland AG in Aufsichtsräten von zahlreichen Unternehmen saßen und damit gleichsam das Land regierten.

"Meiner Meinung nach sollte ausschließlich die Qualifikation entscheiden."

In Berlin geboren, in Westfalen aufgewachsen, die Eltern Unternehmer, sie studierte Betriebswirtschaft in München und Köln. 1967 fing sie bei der Deutschen Bank in Düsseldorf - damals der zweite Hauptsitz der Bank - und Hamm als Sachbearbeiterin im Kreditgeschäft an. Schnell erhielt sie Handlungsvollmacht, für die Deutsche Bank ging sie bereits 1971 nach New York. Mitte der Siebzigerjahre wurde sie Assistentin von Franz Heinrich Ulrich, damals Vorstandssprecher. Danach wechselte sie für fünf Jahre in die Londoner Filiale.

Zwei Dinge waren entscheidend in dieser Zeit: Wer wie sie bei dem anspruchsvollen Ulrich bestand, konnte dies fortan als Auszeichnung vorweisen. Außerdem sammelte sie Auslandserfahrung, auch das sollte ihr später helfen. Nach weiteren Zwischenstationen in Düsseldorf kam sie 1985 in die Frankfurter Zentrale als Dezernentin für das Ressort Internationale Handelsfinanzierung. Als ihr 1988 schließlich Alfred Herrhausen, der später von der RAF ermordete Vorstandschef, antrug, als erste Frau in den Vorstand zu kommen, sagte sie laut Zeitzeugen schmunzelnd: "Sind Sie wirklich schon so weit?"

Diese Frauen haben die Finanzwelt bewegt. SZ-Serie, Teil 27.

Natürlich schlug sie ein, auch wenn sie mit 45 Jahren noch recht jung war. Es war ein Job im Zentrum der Macht: Nach einer Probephase verantwortete sie das gesamte weltweite Kreditrisikomanagement der Bank sowie die Beziehungen zu anderen Banken. Anfangs verdiente sie 300 000 Mark im Jahr, später 500 000 Mark, genauso viel wie die anderen Vorstände, inklusive Vorstandssprecher. Boni gab es noch nicht, daher auch noch kein Vergütungsstreit im Management. Die Verantwortung war gleichwohl groß. "Das war ein Bombenjob, die internationale Kreditvergabe war ja Kernthema der Bank", sagt einer, der heute noch in der Deutschen Bank arbeitet und daher nicht genannt werden will. "Natürlich hat sich damals der ein oder andere erzählt, der Herrhausen hat sie nur zum Vorstand gemacht, weil sie eine Frau ist, und weil das gut rüberkommt. Aber das legte sich schnell. Es war für mich eine völlig natürliche Situation, dass sie die Chefin wurde", sagt ihr ehemaliger Mitarbeiter. Das entscheidende Argument für ihre Berufung: ihre internationale Erfahrung.

Von einer Frauenquote hielt sie derweil wenig. "Ich kenne dieses Quotendenken aus meiner Zeit in Amerika, aber meiner Meinung nach sollte ausschließlich die Qualifikation entscheiden", sagte sie 1988 in einem ihrer seltenen Interviews. Frauen und Männer würden bei der Deutschen Bank seit Mitte der Siebzigerjahre doch gleichermaßen gefördert, war sie überzeugt. Auf eine Familie verzichtete Schneider-Lenné, weil "es sich einfach nicht ergeben hat".

Dafür hatte sie Hobbys, liebte zum Beispiel schnelle Autos. "Sie las alles über Autos, kannte jeden Testbericht, ich musste ihr immer berichten, was am neuen Benz dran ist", erzählt Kopper, der später Aufsichtsratschef bei Daimler wurde und sich auskannte. "Gesellig ist sie gewesen und sogar trinkfest, geziert damenhaft war sie nicht", sagt Kopper. "Im Gegenteil, sie machte immer hinreißend den westfälischen Dialekt nach."

Als Schneider-Lenné ihre Sekretärin einmal erwischte, wie diese ausgerechnet in ihrem Büro einen neuen Skianzug anprobierte, ging sie darüber weg, als sei dies nichts Ungewöhnliches. Erst beim Herausgehen, am Abend, sagte sie schmunzelnd zur ihr: "Wissen Sie, dieser Skianzug, der steht Ihnen aber gar nicht, Sie sollten einen anderen kaufen."

© SZ vom 02.05.2015
Zur SZ-Startseite