Serie: Denk doch, wie du willst Europäer mit Leidenschaft

Schon mit 17 Jahren war Henrik Enderlein tief beeindruckt von der Idee einer gemeinsamen Währung. Sie treibt ihn noch immer um.

Von Cerstin Gammelin

Maastricht. Es ist ein kalter Wintertag im Februar 1992, an dem Henrik Enderlein in der französischen Zeitung Le Monde der Name der niederländischen Metropole ins Auge fällt. Mit einem Wörterbuch versucht der 17-jährige deutsche Austauschschüler in Paris den Text zu verstehen. Er ist fasziniert von der Idee. "Da stand: Es soll eine gemeinsame Währung in Europa geben. Ich war unglaublich beeindruckt."

Ein knappes Vierteljahrhundert später ist Enderlein nach Stationen in Paris, New York, am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln, bei der Europäischen Zentralbank in Frankfurt und an der Freien Universität Berlin in seinem aktuellen Job angekommen: Er lehrt als Professor für Politische Ökonomie an der Hertie School of Governance. Das Französische begleitet ihn auch in der deutschen Kapitale. Weil er eine französische Literaturübersetzerin geheiratet hat, mit der er im Süden der Stadt, nahe der Krummen Lanke, drei Kinder großzieht; das Vierte ist unterwegs. Und auch, weil er parallel zu seiner Professur eine deutsch-französische Denkfabrik über Europa leitet - das auf Initiative des langjährigen Präsidenten der Europäischen Kommission gegründete und gleichnamige Jacques-Delors-Institut.

Enderlein, mittelgroß, agil, stets elegant gekleidet, hat sich angewandter Wirtschaftspolitik gewidmet, internationalen Wirtschafts- und Finanzbeziehungen - und der europäischen Währungsunion. Seine Grundüberzeugung beschreibt das SPD-Mitglied als "sozialliberal". Gelegentlich nimmt ihn Parteichef Sigmar Gabriel mit nach Paris, wo er dank der parteifamiliären Verbindung zur sozialistischen Regierung an deutsch-französischen Konzepten für mehr Wachstum oder zur Stärkung der Währungsunion mitschreibt. Staatspräsident François Hollande hat er persönlich getroffen, Bundeskanzlerin Angela Merkel, das räumt er mit sichtbarem Bedauern ein, hat ihn noch nicht eingeladen.

Aber was begeistert ihn an der Europäischen Union, die viele Bürger schon gefühlsmäßig abstößt? "Europa ist das spannendste politische Projekt des 20. und 21. Jahrhunderts", sagt er. "Dass Nationalstaaten sich zusammenschließen, um gemeinsam Probleme zu lösen, das ist eine ökonomische und politische Aufgabe gleichermaßen und in der Währungsunion treffen sich diese beiden Dimensionen." Außerdem: Er sei als Europäer groß geworden, Generation Erasmus. "In der 11. Klasse war ich in Paris. Dann kam die Frage, was ich studiere. In Deutschland hätte ich wohl Jura studiert, aber in Frankreich gab es diesen interdisziplinären Studiengang am Institut d'Études Politiques, ich habe mich beworben - und war einer von drei Ausländern, damals 1995 war das eine kleine Sensation." Sein Studienbeginn fällt in die Zeit, in der der damalige Premierminister Alain Juppé Reformen ankündigt, auf die Gewerkschaften mit einem dreiwöchigen Streik reagieren. "Ich kam in Paris an und musste mir erst einmal Rollerblades kaufen, um von meiner Wohnung zur Uni zu kommen", sagt Enderlein.

In Berlin ist das Jacques-Delors-Institut unter angemessener Adresse zu finden: Pariser Platz 6, direkt daneben steht die Botschaft der Republik Frankreich, schräg gegenüber das Brandenburger Tor. Deutsch-französischer geht's nicht, jedenfalls nicht beim Blick aus dem Fenster. Die Inneneinrichtung ist karg, ein schmaler Raum mit aufgeräumtem Schreibtisch, einem Besprechungstisch, einem Regal, dessen weiße Flächen noch viel Platz für weitere Bücher bieten.

Die Währungsunion sei ein logischer Schritt in der Kausalkette der europäischen Einigung, sagt Henrik Enderlein. Einen "idealen Euro" gebe es allerdings nicht - und deswegen auch keine Patentlösung.

(Foto: Regina Schmeken)

Enderlein zeigt erstaunliches Talent, wirtschaftspolitische Grundsätze anhand der charmanten Vorurteile zu erklären, die der Nicht-Schwabe gegenüber dem Schwaben gemeinhin hegt. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble werde ja oft als Sparmeister mit einer schwäbischen Hausfrau verglichen. Was in die Irre führe, lächelt er. "Schauen sie sich Schulen, Straßen, Energienetz und Breitbandausbau an. Entspricht das etwa dem Bild einer führenden Industrienation? - Eine schwäbische Hausfrau würde das Haus niemals aus Spargründen verfallen lassen, sondern ständig investieren und erneuern. Schwäbische Familien halten ihr Haus tadellos in Schuss und übergeben es picobello an die nachfolgende Generation." Enderlein spricht mit der Überzeugungskraft eines Eingeborenen: Er stammt aus Tübingen, Jahrgang 1974.

Ganz beiläufig poliert er den sozialdemokratischen Sachverstand auf. In Deutschland werde nicht nur zu wenig investiert, sondern auch zu wenig reformiert. "Deutschland hat seit den Hartz-IV-Reformen von SPD-Kanzler Schröder keine wirkliche strukturelle Reform mehr durchgezogen. Das Land steht langfristig vor der größten Herausforderung - vor allem wegen der demografischen Entwicklung." Auch die letzte echte fiskalische Maßnahme habe unter SPD-Regie stattgefunden, nämlich unter der des damaligen Finanzministers Peer Steinbrück, "der hat Abgaben auf Arbeit senken lassen und das mit höherer Mehrwertsteuer ausgeglichen - eine klassische fiskalische Abwertung, die Deutschland damals dringend brauchte."

"Die Währungsunion braucht nicht den europäischen Superstaat."

Zurück nach Maastricht, zur Währungsunion, die in der Krise steckt. Wie sähe das Konstrukt idealerweise aus? "Es gibt keinen idealen Euro." Der Euro sei ein logischer Schritt in einer schlichten Kausalkette: "Wir haben gesagt in Europa, wir wollen Frieden. Dafür brauchen wir Handel. Für Handel brauchen wir einen Binnenmarkt. In dem Binnenmarkt müssen wir dafür sorgen, dass es keine unangemessenen Wettbewerbsvorteile für einzelne Länder gibt. Deshalb schaffen wir eine Wettbewerbsbehörde. Aber jedes Land kann sich ja durch die Abwertung der Währung immer wieder einen zwanzigprozentigen Preisvorteil schaffen. Also, nächster logischer Schritt, wir machen die Währungsunion. Den Euro. Jetzt stellen wir fest, die Währungsunion funktioniert nicht so richtig. Es ist der letzte Schritt in dieser funktionalistischen Reihe, der uns am meisten Probleme bereitet."

Zweiter Teil der privaten Vorlesung: Was muss getan werden? "Die Währungsunion braucht nicht den europäischen Superstaat. Sie braucht einen vertieften Binnenmarkt. Jetzt haben wir 28 nationale Ökonomien, die viel zu wenig miteinander handeln." Nur zwanzig Prozent der Dienstleistungen seien europäisch handelbar. Das führe dazu, dass sich Preissignale nicht ausreichend übertragen.

Und das ist alles? "Nein. Ohne Souveränität und Risiko zu teilen, kann die Währungsunion nicht funktionieren." Frankreich müsse mehr Souveränität aufgeben, Deutschland mehr ins Risiko gehen. Man habe in einer Währungsunion keine echte nationale Wirtschaftspolitik mehr und keine echte Haushaltsautonomie. Man müsse sich unterordnen, und das sei etwas, was die allermeisten Länder nicht akzeptieren wollten.

Dullien ist einer der 36 Ökonomen, den die SZ in ihrem Buch „Denk doch, wie du willst“ vorgestellt hat. Erhältlich im Handel, unter sz-shop.de oder Telefon: 089/21 83 18 10.

(Foto: )

Aber ist Deutschland nicht schon ins Risiko gegangen, das No-Bailout-Verbot ist aufgeweicht, die Gemeinschaftshaftung über die Europäische Zentralbank eingeführt? "Meine große Sorge ist, dass diese Schnellschüsse bei der Risikoteilung politisch nicht begleitet sind. Deshalb haben wir heute die schlechteste aller Welten, eine faktische Haftungsgemeinschaft, die politisch nicht untermauert und demokratisch nicht legitimiert ist." Was jetzt zu tun ist? "Kommissionschef Jean-Claude Juncker muss es schaffen, die Währungsunion weiter zu treiben, in der Flüchtlingsfrage Klartext zu reden und er muss die Frage beantworten, ob die Europäische Union aus 28 oder aus 19 Staaten besteht. Immer alles für alle zu machen, entspricht nicht mehr der politischen Realität."

Enderlein verbringt viel Zeit mit der Krise des Euro und seinen Therapie-Vorschlägen. Kommt er trotzdem dazu, abzuschalten? Sicher. Er trainiere für den Marathon, werde erstmals in diesem Jahr mitlaufen. Und, ja er lese gern und viel, "französisch, englisch oder deutsch". Wolfgang Herrndorf zum Beispiel, über dessen Texte zu Hause auch mal gestritten wurde. "Meine

Frau hat ihn ins Französische übersetzt", sagt Enderlein. Und dann natürlich den großen Franzosen Albert Camus.

Enderlein setzt an zur Vorlesung, Teil drei: Was treibt die Entwicklung voran? "Sehen Sie, ein Triple-A bewertetes Papier hat in den Modellen ein Ausfallrisiko von ein Mal in 1267 Jahren. Bis zur großen Finanzmarktkrise!" Das zeige, wie absurd statistische Wahrscheinlichkeitsmodelle sind. Der Statistiker Nassim Nicholas Taleb hat dafür den Begriff "Schwarzer Schwan" geprägt. Die Ökonomie sei schlecht darin, Dinge zu erkennen, die im normalen Umfeld noch funktionieren, aber jede Menge Ärger machen, sobald es eine kleine Veränderung gibt.

Die Debatten-Kultur im deutschen Wissenschaftsbetrieb beschreibt Enderlein als ideologisiert. "Wir erleben in Deutschland immer mehr Ökonomen, die sich hinter dem Kostüm des Ökonomen als Politiker betätigen", sagt er. "Ich erwarte von einem Ökonomen, dass er Zusammenhänge von Ursache und Wirkung beschreibt, aber nicht bewertet." Er darf also erklären, was passiert, wenn Griechenland aus dem Euro geht. Aber er darf nicht sagen, ob Griechenland gehen sollte. Also ein Sprechverbot für Ökonomen? Nein, keineswegs. "Ich finde es nicht falsch, sich als Ökonom politisch zu äußern, aber man muss es mit politischer Überzeugung tun und nicht mit richtig oder falsch." Hans-Werner Sinn beispielsweise argumentiere mit Grundüberzeugungen, die politisch getrieben seien. "Er ist nicht neutral, aber er wäre ein großartiger Politiker."

ZWEI LIEBLINGSBÜCHER

Unter den neueren Büchern hat Henrik Enderlein den Roman "Freedom" von Jonathan Franzen besonders gern gelesen, es sei ein außergewöhnliches Buch. "Franzen polarisiert und hat einen großartigen Blick auf die USA." Hervorragend fand er auch "Der Schwarze Schwan" von Nassim Nicholas Taleb. "Eine große Lektion für Wissenschaftler, die zeigt, dass alles, was mit Normalverteilung zu tun hat, historisch gesehen Mumpitz ist". Taleb zeige, dass es immer unvorhergesehene Brüche sind, die gesellschaftliche Veränderungen in der Welt vorantreiben.