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Serie: Anders leben:Hopp, hopp zur Muße

Wirtschaftsstudium, perfekte Noten - Gerrit von Jorck entspricht in vielerlei Hinsicht dem Ideal der großen Konzerne. Über einen Mann, der für einen Vollzeitjob leider keine Zeit hat.

Gerrit von Jorck guckt schnell mal auf seinem Smartphone nach der Zeit, er hat heute noch eine Menge Termine. Das ist, zugegeben, schon ein bisschen lustig, wenn man bedenkt, dass es ihm doch vor allem darum geht, nicht immer so im Stress zu sein.

"Nee, passt noch. Erst zwanzig nach elf", sagt von Jorck und klappt die Hülle des Telefons wieder zu. Das Smartphone hat er sich nicht selbst gekauft. "Wer kauft sich denn bitte ein Telefon?", fragt er. Es ist eine rhetorische Frage, natürlich, jeden Tag kaufen Millionen Menschen Telefone. Aber von Jorck, 29 Jahre alt, hat dabei einen Gesichtsausdruck, der tatsächlich von völligem Unverständnis zeugt. "Es hat doch wirklich andauernd irgendjemand eines übrig. Ein Telefon ist doch wirklich nichts, das man sich kaufen muss." Was soll man darauf antworten?

"Wie soll ich das alles machen, wenn ich dauernd mit Geldverdienen beschäftigt bin?"

Gerrit von Jorck könnte ein Leben führen, in dem er sich aus ganz anderen Gründen kein Smartphone kaufen müsste. Weil sein Arbeitgeber das für ihn machen würde, zum Beispiel. Sein Arbeitgeber könnte eine Beratungsgesellschaft sein oder ein großer Konzern. Gerrit von Jorck hat drei Studienabschlüsse, darunter einen in Volkswirtschaftslehre. Diplomarbeit mit 1,0. Er war im Ausland, er spricht mehrere Fremdsprachen, darunter Russisch und Türkisch und sogar ein bisschen Ungarisch. Beratungsgesellschaften und Großkonzerne lieben Leute wie ihn. Im Unternehmersprech würde man sagen: Gerrit von Jorck, wuschelige Haare, wacher Blick, ist allerbestes Humankapital.

Illustration: Stefan Dimitrov

Allerdings hat das Humankapital keinen Bock auf so ein Leben.

Von Jorck nippt an seinem Tee. "Es ist jetzt nicht so, dass ich etwas gegen das Geldverdienen habe", sagt er. "Ich habe bloß nie die Entscheidung getroffen, dem einen so großen Stellenwert in meinem Leben einzuräumen." Stattdessen legt er Wert darauf, dass in seinem Leben Zeit ist für andere Dinge. Für die Familie, für Freunde, für politisches und gesellschaftliches Engagement. Von Jorck arbeitet bei der globalisierungskritischen Organisation Attac mit. Sie organisieren Vorträge, Seminare und Veranstaltungen. Manchmal braucht er ein bisschen Zeit für sich alleine. Und wenn einer seiner Freunde umzieht, will er Zeit haben zum Kisten schleppen. Von Jorck sagt: "Wie sollte das gehen, wenn ich 40 Stunden in der Woche nur mit Geldverdienen beschäftigt bin?"

Die Frage, wie man alles zusammenkriegt, was in ein Leben so reinpassen soll, treibt viele Menschen um, vielleicht sogar die meisten. Allerdings machen die meisten Menschen die Abstriche dann nicht bei ihrer Arbeitszeit, schon gar nicht in einem so extremen Ausmaß wie von Jorck. Das geht ja auch gar nicht, man muss ja irgendwie die Rechnungen bezahlen. Nicht nur Rechnungen für schicke Smartphones, auch banale Rechnungen. Die Miete, den Strom, die Lebensmittel. Gerrit von Jorck hat diese Ausgaben auch, allerdings fallen sie wohl geringer aus als bei den meisten anderen. Müssen sie auch, sonst geht die Kalkulation nicht auf. Denn Gerrit von Jorck arbeitet 13 Stunden pro Woche am Institut für ökologische Wirtschaftsforschung in Berlin. Damit verdient er, Trommelwirbel bitte, 550 Euro netto im Monat. Manchmal hat er zusätzlich noch selbständige Einkünfte, wenn er einen Vortrag hält zum Beispiel. 550 Euro. Wie kann das funktionieren?

Spricht unter anderem Russisch und Türkisch, aber versilbern will er diese Kenntnisse nicht: Gerrit von Jorck.

(Foto: oh)

Von Jorck sagt, die meisten Menschen würden nach dem Studium ihren Lebensstil hochfahren, "auch dann, wenn sie bis dahin glücklich waren. Aber warum soll man etwas ändern, mit dem man glücklich ist?" Von Jorck wohnt in einer Wohngemeinschaft in Berlin-Neukölln, drei Leute insgesamt, die Mitbewohner bekommen demnächst ein Baby. Die Miete für sein WG-Zimmer beträgt 280 Euro. Bleiben also noch: 270 Euro. Für Essen, Klamotten, Kino und für das Smartphone natürlich. Von Jorck sagt, das sei mehr als genug, da könne er sogar noch etwas sparen. Essen in Berlin sei ohnehin billig, er gehe mit seiner Freundin auch oft auswärts essen. Das Smartphone? "Prepaid. Vom Discounter." Von Jorck lacht. "Das kostet auch fast nichts." Und mit der Kleidung, da ist es wie mit dem Telefon. Wer, bitte, kauft sich denn Klamotten? Von Jorck blickt an sich herunter: Die Hose sei von seinem Vater, sagt er. "Die ist ihm zu klein geworden." Pullover von irgendeiner Ex-Freundin. T-Shirt auch. Man kann nicht behaupten, dass es so zusammengewürfelt aussieht, wie es klingt. Alles Ton in Ton. Olivgrün.

Trotzdem drängt sich natürlich die Frage auf, ob das antikapitalistische Leben des Gerrit von Jorck nicht nur deshalb möglich ist, weil die anderen, die Konsumverblendeten, es subventionieren. Weil sie ihm ihre Smartphones überlassen und ihre Pullover. Von Jorck lächelt und sagt, dass gerade die "intensiv Konsumierenden" ihre alten Kleider meist wegwerfen würden, statt sie zu spenden. Initiativen wie Kleiderzirkel oder der "Umsonst-Laden", in dem Secondhand-Kleidung kostenlos zu haben ist, würden eher von Menschen beliefert, die ohnehin versuchten, mit Ressourcen sorgsamer umzugehen. Aber natürlich, sagt er, wäre die Lage anders, würde er noch in seiner Heimat, dem Ruhrgebiet, leben. "In Berlin gibt es viele Menschen, die ähnlich leben und denken wie ich. Im Ruhrgebiet dagegen arbeiten alle Vollzeit, dort würde ich es genauso machen. Ich hätte ja dort gar nichts zu tun den ganzen Tag."

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Mit diesem Beitrag endet die sechsteilige SZ-Serie "Anders leben".

Sein Lebensstil ist auch sein wichtigstes wissenschaftliches Thema. Von Jorck beschäftigt sich mit "Zeitwohlstand" und der Frage, wie die Menschen mehr von dem bekommen könnten, was zum "knappsten Gut unserer Gesellschaft" geworden sei. Er organisiert auch eine Sommerakademie zu dem Thema. Von Jorck selbst findet das Konzept "kurze Vollzeit" gut - 30 Stunden Wochenarbeitszeit wären eine volle Stelle. "Daran würde unsere Wirtschaft nicht zerbrechen", glaubt er, und im Gegenzug gäbe es viele neue Initiativen und Impulse. "Weil die Menschen ja dann die Zeit dafür hätten."