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Serie 25 Jahre Währungsunion:Von einem, der Halt geben will

Jonathan Geffen war ein Jahr alt, als die Mauer fiel. In den Osten kam er nur zufällig, aber nun will er nicht mehr weg.

Es war seine Mutter, die die Idee hatte, im Osten Deutschlands nach einem Studienplatz zu suchen. Dort sind die Hochschulen nicht so überlaufen. Dort sind sie auch besser ausgestattet. Jonathan Geffen, damals 18 Jahre alt war, fand den Gedanken trotzdem sonderbar. Was sollte er denn bitteschön im Osten?

Als die Mauer fiel, war Geffen gerade einmal ein Jahr alt. Und er war ziemlich weit weg: Er ist in einem Münchner Vorort groß geworden. Der Vater, geboren in Südafrika, ist Softwareentwickler, die Mutter Grafikerin; sie ist als Tochter eines Fernsehkorrespondenten viel herumgekommen. Die beiden haben sich in Israel kennengelernt. Die Urlaube verbringt die Familie später in Amerika, in Spanien und in Ägypten. Als Jonathan Geffen 15 Jahre alt ist, ziehen sie ins Rheinland. Seine Eltern haben ihm beigebracht, dass ihm die ganze Welt offen steht. Aber der Teil Deutschlands, der kurz nach seiner Geburt gewissermaßen an seine Heimat angedockt wurde, blieb ihm fremd. Es war eine Gegend, auf die er nicht einmal neugierig war. "Als Bayer kann man es sich ja kaum vorstellen, Bayern zu verlassen. Und im Rheinland fühlt man sich Frankreich und den Niederlanden einfach näher."

Es war purer Zufall, dass Jonathan Geffen in Leipzig gelandet ist. Nun will er gar nicht mehr weg. Denn er hat durch diesen Zufall nicht nur eine Region entdeckt, in der er sich besonders wohl fühlt, sondern auch eine neue Art der Zusammenarbeit.

Geffen wollte Industriedesign studieren, ein Fach also, in dem man nur mit einer Prüfung einen Platz ergattert. Auf seiner Deutschlandtour zu den Hochschulen war der erste Stopp in Halle an der Saale. Die Burg Giebichenstein war einfach die erste, die zur Eignungsprüfung lud. Bereits in den Zwanzigerjahren war dort eine Kunstgewerbeschule entstanden, die eng mit dem Bauhaus im nahen Dessau zusammenarbeitete; auch in der DDR war es eine der renommiertesten Kunsthochschulen. Die imposante Kulisse, umgeben von viel Grün. "Das war alles so irrsinnig schön, dass ich sofort gedacht habe: Hier muss ich studieren", erinnert sich Geffen.

Freunde aus Studientagen und Gründer der Design-Firma Mormor (von links): Benjamin Hein, Kirstin Overbeck, Willi Mölller und Jonathan Geffen.

(Foto: Phillip Hiersemann)

Als er im Herbst 2009 sein Studium in Halle beginnt, entdeckt er jenseits des idyllischen Campus: Graffiti und Fassaden mit abgeklopftem Stuck. Und er hat das Gefühl, dass das Stadtbild auch die Stimmung widerspiegelte. "Im Osten habe ich gespürt, dass ich selbst noch etwas reißen kann." München sei sehr imposant, aber eben auch: ein bisschen von oben herab. "In München ist alles komplett, in Halle brodelt's."

Stadion, Einkaufszentrum und eine gute Anbindung an die Autobahn - kurzum: all das, womit Städte einst um neue Einwohner und um die Ansiedlung von Unternehmen geworben haben, taugen kaum dazu, Kreative anzulocken. Menschen, die neue Ideen einbringen und so zum wirtschaftlichen Wohl einer Region beitragen, suchen eine gewisse Vielfalt. Und die gibt es in Halle.

An der Burg Giebichenstein wird wert darauf gelegt, dass nicht nur die Professoren dozieren, sondern Studenten auch voneinander lernen. "Es gab kein Konkurrenzdenken", erinnert sich Geffen. "Jeder liefert das, was er kann - und keiner schaut komisch oder versucht, sich darüber zu stellen." So hat er sich ein Netzwerk aufgebaut, von dem er noch heute zehrt. Als Unternehmer.

Mit drei Studienfreunden hat Geffen, der inzwischen 26 Jahre alt ist, das Unternehmen Mormor gegründet. Gemeinsam entwerfen sie Möbel, die alten Menschen das Leben leichter machen - und trotzdem schön sind. Ein Stuhl etwa, dessen Sitzfläche nach vorn kippt, wenn man sich auf die Lehne stützt, so dass man leichter hoch kommt. Oder ein Lauf an der Wand entlang, der sich mit seinem hellen Holz kaum von Schränken und Regalen abhebt, aber wertvollen Halt geben kann.

Das Team von Mormor entwirft Möbel, die alten Menschen das Leben leichter machen sollen. Zum Beispiel einen Stuhl, aus dem man besser hoch kommt.

(Foto: PR)

Das erste Büro in Halle vermitteln ihnen Freunde, die sie aus Studienprojekten kennen - und im Büro nebenan sitzen. Mit einem davon, einem Fotograf, arbeiten sie auch jetzt noch zusammen, obwohl sie im vergangenen Jahr nach Leipzig gezogen sind. Ebenso wie mit vielen Handwerkern. Im Studium haben sie schließlich auch gelernt, wo sie größere Objekte lackieren lassen können und wer ihnen auch mal kurzfristig Rohre biegt. Geffen glaubt, dass das mehr als Sympathiepunkte und eingespielte Teams sind: "Der Verlass auf ein bestehendes Netzwerk ist ein Wert an sich, den man im Osten hoch hält. Man sucht nicht so schnell anderswo, nur weil's billiger ist."

Zwischenzeitlich hatten sie damit geliebäugelt, die Firma in Kopenhagen hochzuziehen. Sie fühlen sich der skandinavischen Designschule, der Arbeit mit Holz, verbunden. Aber:"Dort hätten wir nie so schnell Fuß fassen können. Und das wäre auch zu kostspielig geworden." Die Mieten in Leipzig steigen zwar, aber sie sind im europaweiten Vergleich noch immer niedrig.

Seit November sind Geffen und sein Team auf der Suche nach einem Darlehen. Es ist eine extrem schwierige Suche, sagt der Gründer. "Weil wir etwas Handfestes machen und sich alles auf Digitales stürzt." Aber wohl auch, weil es von den traditionellen Unternehmern, die über viele Jahrzehnte nicht nur zu Wohlstand gelangt sind, sondern auch zu der Überzeugung, dass damit eine gesellschaftliche Verpflichtung zur Wohltätigkeit verbunden ist, im Osten Deutschlands noch immer deutlich weniger gibt als im Westen. 40 Jahre DDR und damit auch die Enteignung von Unternehmen, das lasse sich nicht so leicht ungeschehen machen, betonte kürzlich beispielsweise Lutz Goebel, Präsident des Familienunternehmerverbands. "Der unternehmerische Geist ist bei vielen verloren gegangen. Es fehlt die langjährige marktwirtschaftliche Tradition. Da müssen wir noch viel dafür tun, dass sich die Gründerkultur besser als bisher entwickelt."

25 Jahre Wirtschafts- und Währungsunion Eine SZ-Serie, Teil 20 und Schluss

Dabei passt die Idee von Mormor gut in den Osten, in eine Gegend, aus der die Jungen nach wie vor weggehen und der Anteil der Alten schneller wächst als im Westen. Schon in 20 Jahren könnte in einigen Kreisen mehr als jeder zweite Einwohner 60 Jahre und älter sein, so steht es in einer Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung.

"Keiner von uns drei konnte sich vorstellen, in die Altenpflege zu gehen. Aber wir finden, dass es unsere Verantwortung ist, mit unserem Metier einen kleinen Beitrag zu leisten. Der Gesellschaft etwas Gutes tun, mit dem, was wir lieben", sagt Geffen. Er ist mit dieser Einstellung nicht allein in Leipzig, wo sich gerade eine rege Gründerszene entwickelt. Während es den meisten, die in Berlin ihr Glück versuchen, ums große Geld geht, haben in Leipzig viele einen sozialen Anspruch. In der Stadt gebe es noch immer einen sehr solidarischen Geist, hat Geffen beobachtet. "Vielleicht wird Leipzig irgendwann das Silicon Valley für Sozial-Start-ups", sagt er. "Das Social Valley könnte man es nennen. Anstrebenswert wäre das in jedem Fall."

© SZ vom 22.08.2015
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