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Report:Willkommen im Land der vielen Schönheitsoperationen

Vorbild für Millionen: Viele junge Südkoreanerinnen orientieren sich am Schönheitsideal von K-Pop-Künstlerinnen wie der Sängerin Hong Eun-ji.

(Foto: Jung Yeon-Je/AFP)

In Südkorea sind Schönheitsoperationen bei jungen Frauen Alltag, allein in Seoul gibt es mehr als 500 Kliniken. Doch nicht alle sind bereit, sich dem gesellschaftlich verordneten Schönheitsideal unterzuordnen.

Von Thomas Hahn, Seoul

Kim Geum-hee sucht jeden Tag die Schönheit. Sie ist Fotografin. Sie arbeitet in Seoul für ein Mode-Label, das traditionelle koreanische Kleider herstellt. Sie macht auch Porträts für Privatleute. Bei jedem Auftrag fahndet sie aufs Neue nach dem Augenblick, in dem die Person vor ihrer Linse eine vollkommene Harmonie mit der Umwelt um sie herum ausstrahlt. Allerdings geht es Kim Geum-hee nie darum, Menschen schöner zu machen, als sie sind. Im Gegenteil. Ihre Bilder sollen den Glanz der Wirklichkeit zeigen. Kim Geum-hee kann deshalb nicht sagen, dass sie viel mit der großen, einträglichen Welt der südkoreanischen Schönheitsindustrie zu tun habe. K-Beauty? "Der Begriff passt nicht richtig zu meinem Job", sagt sie.

Aber das heißt nicht, dass er sie kaltließe. Denn K-Beauty ist ja nicht nur der Markenbegriff, unter dem südkoreanische Firmen mit großem wirtschaftlichen Erfolg Menschenverschönerungen jeder Art anbieten. K-Beauty ist auch so etwas wie ein fortwährender öffentlicher Anspruch, dem sich praktisch jede junge Frau im Tigerstaat früher oder später ausgesetzt sieht. Models, Kundinnen, Freundinnen fragen bei Kim Geum-hee immer wieder um Rat, ob sie diese oder jene Schönheitsoperation vornehmen sollten. Und Kim Geum-hee selbst haben auch schon die Zweifel geplagt, weil sie sich nicht sicher war, ob ihr freundliches Charaktergesicht mit den wachen Mandelaugen in die Schablonen des südkoreanischen Schönheitsideals passen würde. Heute ist sie 35, hat ihren Stil gefunden, ihr Make-up, ihre Mode, und sie wirkt im Reinen mit sich. Aber klar, Schönheit und was daraus werden soll, ist für sie ein Thema. Als Fotografin. Vor allem aber als selbstbewusste südkoreanische Frau, die sich manchmal fragt, wo das wohl hinführen mag, wenn die Doktoren gewinnorientierter Klinikfirmen ins Aussehen der Nation hineinoperieren.

Der Dreiklang lautet: K-Pop. K-Drama. K-Beauty

Südkorea ist ein Wirtschaftswunderland. Aus bitterer Armut hat es sich nach dem Ende des Korea-Kriegs 1953 zu einer reichen Exportnation emporgearbeitet. Viele Rohstoffe standen dabei nicht zur Verfügung. Dafür eine Bevölkerung, die den Aufbau mit Fleiß, und Verstand betrieb. Heute gilt Südkorea als einer der wichtigsten Innovationsstandorte der Welt. Und dabei zeigt das Land nicht nur, dass seine Industrie Schiffe, Autos und Hightech-Produkte bauen kann. Es hat aus dem Überfluss neue Industrien wachsen lassen, die den nationalen Konsum ankurbeln und eine Art Neo-Kulturgut Made in Korea in die Welt tragen. K-Pop. K-Drama. K-Beauty. Das große K steht für einen Qualitätsmainstream, den man nirgends derart präzise und professionell herstellt wie hier, im quirligen Halbinselstaat am ostasiatischen Rand des Pazifiks.

Schönheitskliniken werben mit ihren Broschüren für das perfekte Gesicht - und so wächst der Druck auf die jungen Frauen.

(Foto: Thomas Hahn)

Andere Länder definieren ihr Image über Nationalgerichte, Landschaften oder historische Architektur. Im Warenkorb der Südkorea-PR finden sich zusätzlich ein paar modernere Spezialitäten, und zu diesen gehören neben Musikgruppen und Seifenopern eben auch Kosmetik und Schönheitsoperationen. Wobei vor allem die Kosmetik-Branche ein Stolz der koreanischen Wirtschaft ist. Das Ministerium für Lebensmittel- und Medikamenten-Sicherheit in Seoul meldete im vergangenen Juni, dass deren Handelsüberschuss im vorpandemischen Jahr 2019 um 12,4 Prozent gestiegen sei: auf den Rekordwert von 6,15 Billionen Won, das sind derzeit 4,59 Milliarden Euro. Fachleute sprechen voller Respekt von den Produkten aus Südkorea, die so raffiniert wie erschwinglich seien. Die Hersteller wirken erfinderisch und reagieren schnell auf Trends. Exotische Naturstoffe wie Schneckenschleim oder Schlangengift sind dabei schon wieder fast out. In sind: maskenbeständige Kosmetik für die Frau der Pandemie. Vegane Kosmetik, die ohne Tierversuche auskommt. Sowie das sich stets erneuernde Arsenal pflanzlicher Hautpflege-Cremes, -Salben oder -Seren.

Das ist die unumstrittene Seite der K-Beauty. Bei den Schönheitsoperationen ist die Geschichte etwas komplizierter.

Kim Geum-hee hat in einem eleganten Coffeeshop nicht weit vom Gyeongbokgung-Palast in Seoul-Jongno Platz genommen. Sie kommt von der Arbeit, aber sie sieht nicht müde aus. Eher nachdenklich. Schönheit ist ein großes Thema. Und K-Beauty kommt ihr dabei manchmal vor wie eine Ablenkung vom Wesentlichen.

"Manche denken, wenn sie nicht hübsch sind, kriegen sie keinen Job"

"Ich denke, jeder Mensch ist schön", sagt sie, "es äußert sich nur nicht bei jedem gleich." Nicht alle Frauen, die sie fotografieren soll, glauben ihr das. Bei vielen fängt Kim Geum-hee deshalb nicht gleich mit der Kamera an, sondern stellt erst mal Fragen. Lässt sich erzählen von Vorlieben, Gefühlen, Erlebnissen. Sie will so herausfinden, wann sich die Spannung in den Zügen der Frauen auflöst in eine natürliche Gelassenheit, die später dann auf dem Foto als das aufscheint, was Kim Geum-hee als Schönheit bezeichnen würde. "Manchmal ist das wirklich schwierig, weil manche Mädchen nie denken, dass sie schön sind." Aber wenn sie verstehen, dass Schönheit mehr ist als eine bestimmte Form oder eine bestimmte Farbe, dann kann es gelingen.

Die Frage ist nur, ob Südkoreas Gesellschaft und die K-Beauty-Industrie den jungen Frauen die Chance geben, das zu verstehen. Kim Geum-hee beobachtet ständig, dass Frauen ihr Aussehen an irgendwelche allgemeinen Sehgewohnheiten anpassen. Und zwar nicht nur Schauspielerinnen, Sängerinnen und Models, die ein makelloses Äußeres als Teil ihres Berufs sehen. Sondern auch normale Mädchen, die davon überzeugt sind, dass der Südkorea-Kosmos da draußen ein bestimmtes Gesicht von ihnen verlangt. "Manche denken, wenn sie nicht hübsch sind, kriegen sie keinen Job", sagt Kim Geum-hee.

Der Zusammenhang zwischen Erfolg und Aussehen ist so ungerecht wie weltbekannt. In den alten Individual-Gesellschaften des Westens wird es doch noch etwas eher anerkannt, sich auch mal nicht anzupassen. Südkoreas Wohlstandsgesellschaft hingegen ist noch jung, lebt in reger Rivalität zu seiner früheren Kolonialmacht Japan, von der sie sich dringend abgrenzen will, und verfolgt mit einträchtiger Konsequenz, was die Nation stark und stolz macht. Bei K-Beauty geht es deshalb nicht nur um Eitelkeit. Es geht um Identität und nationale Einheit, um eine eigene, irgendwie westlichere Version des asiatischen Äußeren.

Runde Augen, gerade Nase, schmales Gesicht, blasse Haut - das sind die Merkmale des südkoreanischen Schönheitsideals. Die jungen Frauen des Landes sehen es in den Medien bei der K-Pop-Prominenz. Ihre sorgenden Eltern halten es ihnen vor. Und die K-Beauty-Industrie selbst beeinflusst sie natürlich auch.

Eine Spezialisten-Armee fertigt Gesichter für den nationalen Schönheitsstandard

Kim Geum-hee erinnert sich gut, wie sie zum ersten Mal in einer Schönheitsklinik bei der Sprechstunde war. Sie war 22, noch etwas unsicher und wollte wissen, was sie tun konnte. Eine Beraterin hatte ein Foto ihres Gesichts an den Konferenz-Bildschirm geheftet und malte mit einem Leuchtstift darin herum. "Sie sagte: Du musst das reparieren, das würde dann soundsoviel kosten. Und das, das würde soundsoviel kosten. Und das ..." Kim Geum-hee lacht. Es kam ihr vor, als solle ihr ganzes Gesicht umgebaut werden. "So ein Unsinn", sagt sie, "die wollten nur mein Geld."

Kim Geum-he ist Fotografin, mit Schönheit kennt sie sich aus. Unters Messer gelegt hat sie sich aber noch nie. Sie sagt: "Ich will diese Art von Schönheit nicht."

(Foto: privat)

Andere greifen dankbar zu den Möglichkeiten der heimischen Hightech-Wirtschaft. Südkoreas findige Medizin-Industrie sah bald die Chancen der Kosmetik-Chirurgie im reicher werdenden Land, veredelte Methoden, schärfte Technologien, machte die Schönheitsoperation zur Volksbehandlung. Eine Armee aus Spezialisten fertigt heute Gesichter für den nationalen Schönheitsstandard. Allein in Seoul gibt es mehr als 500 Kliniken.

Augen weiten lassen? Ist so wie den Führerschein zu machen

Sich die Mandelaugen per doppelter Lidfalte weiten zu lassen, ist im Tigerstaat heute fast so normal, wie den Führerschein zu machen. Eltern schenken ihren Töchtern die Operation zum Schulabschluss. Sie gilt als erste Investition in die Zukunft einer guten Koreanerin. In der Pandemie ist der Zulauf sogar angewachsen, weil man durch die Masken-Routine Operationsnarben besser verbergen kann. Laut Gangnam Unni, Südkoreas größter Website für Schönheitschirurgie, ist der geschätzte Wert der Industrie 2020 um 9,2 Prozent auf 10,7 Milliarden US-Dollar angestiegen. Und Südkorea wäre nicht Südkorea, wenn es sich nicht längst auch als Pilgerstätte für Schönheitssuchende aus anderen Ländern vermarkten würde.

"Visit K-Style Hub" steht in geschwungenen Buchstaben über einer bemalten Wand im Zentrum von Seoul. Es ist nicht viel los am Informationszentrum der staatlichen Tourismus-Organisation KTO, was natürlich mit der Pandemie zu tun hat. Südkorea hat die Einreise stark eingeschränkt, deshalb hat auch der K-Beauty-Tourismus-Boom Pause. Trotzdem ist der sogenannte K-Style-Hub geöffnet. Nach Registrierung und Fiebermessen kann man die Treppe in den ersten Stock nehmen, wo unterbeschäftigtes Personal bereitwillig über Koreas vielfältige Attraktionen und Tour-Programme Auskunft gibt. In der Abteilung "Medizin-Tourismus" tut dies Mindy Kim für die englischsprechende Kundschaft. Und sie berät nicht nur. "Wir können Termine für Behandlungen in den verschiedenen medizinischen Institutionen vermitteln, die bei der KTO und beim Institut für Gesundheitsindustrie-Entwicklung in Korea registriert sind", sagt sie mit verbindlicher Freundlichkeit.

Südkoreas vorbildlich ausgebauter Gesundheitssektor bietet von der traditionellen Heilkunde bis zur Hightech-Therapie alles, was bei Schmerz, Stress und Krankheit Besserung verspricht. Aber natürlich könnte Mindy Kim auf Wunsch ebenso schnell eine Konsultation in einer der K-Beauty-Kliniken ausmachen, die offiziell Schönheitstouristen annehmen dürfen. Die Auslagen sind voll mit Flyern einschlägiger Häuser, die vor allem im Seouler In-Stadtteil Gangnam angesiedelt sind. "We Make Masterpiece", heißt es auf einem. Darauf abgebildet ist ein solches Meisterwerk-Frauengesicht unter einer beschrifteten Schablone mit den perfekten Nasenwinkeln und Augenabständen.

Mindy Kim gehört zu denen, die ihr Gesicht nicht haben verändern lassen. Wahrscheinlich hat sie auch eine Meinung zu solchen Operationen. Aber die behält sie als KTO-Angestellte natürlich für sich. "Jeder Mensch fällt seine eigene Entscheidung", sagt sie. Ausreichende Beratung durch medizinische Profis sei Pflicht. Die dann auch mal abraten vom Eingriff? "Es gibt Schönheitschirurgen, die sagen, 'Sie sollten keine Operation machen'", sagt Mindy Kim. "Ich kann nicht sagen, dass es viele sind. Aber es gibt sie."

Ärzte wollen nicht reden - das ist verdächtig

Mit den Schöpfern in Weiß selbst zu sprechen, gestaltet sich schwierig. Immerhin antwortet die Gangnamer Klinik Atop über den Instantnachrichtendienst Kakaotalk auf eine Interview-Anfrage. Dem Internetauftritt zufolge verfügt Atop über ein reichhaltiges Repertoire. Außerdem finde Atop "Ihre wahre Schönheit und kümmert sich auch um Ihren Geist". Eine der ersten Gegenfragen zur Bitte um einen Gesprächstermin lautet allerdings: "Was haben wir davon?" Die Klinik lässt sich Fragen via E-Mail zuschicken. Und sagt zwei Tage später ab. Warum? Ist das Reden über Schönheit zu schwierig, wenn man sie mit Skalpellen und Spritzen herstellt?

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500 Kliniken soll es allein in der Hauptstadt Seoul geben, und die werben - wie hier im Stadtteil Gangnam - mit "Vorher-Nachher"-Bildern für ihre Eingriffe.

(Foto: Jeon Heon-Kyun/picture alliance / dpa)

Im K-Beauty-Geschäft setzen sich die Chirurgen leicht dem Vorwurf aus, sie würden Manipulationen vornehmen, die bei einer jungen gesunden Frau im Grunde gar nicht notwendig sind. Aber das sehen die Frauen selbst oft ganz anders. Aus medizinischen Gründen gehen die wenigsten von ihnen zum Schönheitsarzt. Sondern weil sie einer Gesellschaft gefallen wollen, die angepasste Gesichtszüge schöner findet als naturbelassene. Und am Ende setzt sich immer die Kundin durch. "Eine Frau, die eine Schönheitsoperation will, findet immer einen Arzt, der es macht", sagt Kim Geum-hee.

Bei Männern geht es mehr ums Geld als ums Aussehen

Das kann Hwang Ji-min bestätigen. Sie ist 28, Geschäftsführerin eines Pizzaservice in Daegu und seit den ersten Jahren ihres Erwachsenenlebens operiert. Augen, Nase, Stirn. Man sieht es ihrem Gesicht nicht an, dass daran etwas unnatürlich sein könnte. Und sie bereut nichts, obwohl die Idee zu den Operationen nicht von ihr kam. "Meine Mutter hat mir das damals empfohlen, aus gesellschaftlichen Gründen", sagt Hwang Ji-min. "Ich war bei einigen Kliniken, um mich zu informieren", erzählt sie. Die Hälfte der Ärzte habe ihr abgeraten. "Die andere Hälfte sagte, wir machen das gleich." Also folgte sie dem Rat der Mutter, zumal diese bezahlte. Ob die Mutter auch ihrem Bruder eine Schönheitsoperation empfahl? "Nein", sagt Hwang Ji-min und lacht. "In Koreas Gesellschaft sind Männer cool, wenn sie viel Geld verdienen. Gesicht, Größe, Körper sind bei ihnen egal. Bei Frauen ist es nicht egal." Hwang Ji-min scheint das nicht zu stören. Koreanische Wirklichkeit. Sie lebt damit.

Kim Geum-hee auch, aber sie richtet sich nicht danach. Sie richtet sich grundsätzlich ungern nach anderen. Ihr Vater wollte früher, dass sie in sein Architektur-Büro einsteigt. Sie studierte Modedesign. Später machte sie ihre Eltern noch einmal wütend, als sie ihren ordentlich dotierten Job bei einer Modefirma kündigte, um Fotografin zu werden. Unkoreanisches Benehmen. Aber dafür macht sie heute, was sie wirklich gerne macht. "Mir geht es gut", sagt sie.

Und die Schönheit? Hat für sie etwas mit Selbstliebe und Freude am Leben zu tun. Drei Mal war sie insgesamt in der Schönheitsklinik zur Beratung. Immer ist sie weggegangen, ohne etwas richten zu lassen. "Ich will diese Art von Schönheit nicht." Kim Geum-hee beobachtet lieber aus der Distanz, wie sich mittlerweile schon Grundschülerinnen schminken. Wie manche Frauen felsenfest davon überzeugt sind, dass hübsch zu sein ein Ziel im Leben ist. Sie wundert sich. Sie wünschte den Frauen mehr Selbstbewusstsein. Aber Kim Geum-hee verurteilt auch niemanden. "Wenn mich eine Freundin fragt, ob sie sich operieren lassen soll, sage ich normalerweise, du siehst perfekt aus, aber wenn du glaubst, dass du es wirklich willst, tu es." Das ist die Freiheit der K-Beauty: Selbst zu entscheiden, so schön zu sein wie alle anderen auch.

© SZ/thf
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