SelbstständigeWenig Hoffnung auf Bürokratieabbau

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Etwa 70 Prozent der Befragten rechnen mit neuen Auflagen, insbesondere bei der Nachhaltigkeit.
Etwa 70 Prozent der Befragten rechnen mit neuen Auflagen, insbesondere bei der Nachhaltigkeit. (Foto: Ralf Hirschberger/dpa)

Noch nie gab es nach einer Wahl so wenig positive Erwartungen an eine neue Regierung, sagen Meinungsforscher. Bei Selbstständigen gilt das auch für den dringend erwünschten Bürokratieabbau: 70 Prozent erwarten neue Berichtspflichten.

Von Katrin Berkenkopf, Köln

Selbstständige ächzen immer mehr unter einer hohen Kostenbelastung und viel Bürokratie. Hoffnung, dass der Regierungswechsel Erleichterung bringt, haben aber nur wenige: Nur 18 Prozent von ihnen glauben, dass sich die wirtschaftliche Situation ihres Kleinunternehmens verbessern wird.

Das geht aus der neuen Auflage des Risikobarometers Selbstständige hervor. „Noch nie gab es nach einer Wahl so wenig positive Erwartungen“, sagte Karsten John, Geschäftsführer des Meinungsforschungsinstituts Infas Quo, bei der Vorstellung der Studie.

Mehrheit der Befragten glaubt nicht an den Bürokratieabbau

Die überwältigende Mehrheit der Selbstständigen geht davon aus, dass sich die politischen Rahmenbedingungen zunehmend zu ihren Ungunsten verändern werden. Etwa 70 Prozent rechnen mit neuen Auflagen und Berichtspflichten im Bereich Nachhaltigkeit. Noch ausgeprägter ist die Sorge in Bezug auf stärkere Regulierung und Bürokratie sowie Steuererhöhungen, die 76 Prozent der Befragten für wahrscheinlich halten. An der Spitze stehen jedoch die Erhöhungen der Sozialabgaben, die von 77 Prozent der Selbstständigen erwartet werden.

Ulrich Leitermann, Chef des Versicherers Signal Iduna, teilt den Pessimismus. Die Themen Bürokratieabbau und Steuersenkungen stünden aktuell nicht so im Fokus, wie sie sollten. „Das ist es aber, was die Unternehmer umtreibt.“ Allein in den vergangenen zwei Jahren seien aus 79 000 Verordnungen des Bundes 97 000 geworden. „Es ist nicht erkennbar, dass wirklich ein Bürokratieabbau stattfindet.“ Mit einem wöchentlichen Aufwand von 9 Stunden hat die zeitliche Investition in bürokratische Aufgaben für die Selbständigen gegenüber dem Vorjahr noch einmal um eine Stunde zugelegt.

Im Jahr 2024 haben mehr Selbstständige existenzielle Ängste

Mittlerweile schätzen 22 Prozent der Selbstständigen das Risiko einer existenziellen Gefahr als hoch oder sehr hoch ein. Das ist ein deutlicher Sprung nach oben im Vergleich mit Anfang 2024: Damals waren es 15 Prozent.

Für das Risikobarometer Selbständige hatte Infas Quo zum dritten Mal 610 Kleinunternehmer und Freiberufler im Auftrag der Fachpublikation Versicherungsmonitor befragt. Gut die Hälfte von ihnen waren Solo-Selbständige ohne Angestellte. Unterstützt wurde die Umfrage von dem Versicherer Signal Iduna.

Das größte Risiko sehen Selbständige in einem Ausfall ihrer Arbeitskraft durch Unfall oder Krankheit. 42 Prozent betrachten dieses Szenario als existenzgefährdend, mit 41 Prozent haben sich auch fast ebenso viele dagegen über eine Krankentagegeld- oder Krankengeldversicherung abgesichert.

„Selbständige führen ein Leben auf der Rasierklinge, aber mit viel Enthusiasmus“

Bei IT-Risiken ist das Verhältnis von wahrgenommener Gefahr und Gegenmaßnahmen anders: 30 Prozent der Befragten meinen der Ausfall von IT-Systemen könne auf jeden Fall die Existenz gefährden, weitere 39 Prozent halten dies für möglich. Eine Cyberversicherung haben aber nur 12 Prozent abgeschlossen. Gegen den Ausfall von Maschinen und Produktionsanlagen haben sich mit 18 Prozent zwar mehr abgesichert als im Vorjahr, aber immer noch nur ein geringer Anteil. Mit 59 Prozent plant hier noch immer die Mehrheit der Selbständigen, keine Sicherungsmaßnahmen zu ergreifen. „Das ist schon fast fahrlässig“, kommentiert John.

Gefahren für das eigene kleine Unternehmen durch eine Änderung der eigenen Lebensumstände wurde deutlich höher eingeschätzt. Mit 47 Prozent geht mittlerweile fast die Hälfte der Befragten davon aus, dass eine Familiengründung oder Scheidung ihre Existenz gefährden könnte. Das sind 9 Prozentpunkte mehr als im Jahr zuvor. Einen Grund dafür sieht der Meinungsforscher John in der relativ hohen Scheidungsrate unter den 40- bis 60-Jährigen.

Trotz alledem zeigen sich die Befragten zuversichtlich, was die weitere wirtschaftliche Entwicklung ihrer eigenen kleinen Firma anbelangt. Die Mehrheit geht von einer mindestens stabilen Situation aus, bei 40 Prozent stehen die Zeichen auf Expansion. „Selbständige führen ein Leben auf der Rasierklinge, aber mit viel Enthusiasmus“, so John. Satte 83 Prozent geben an, dass sie sich jederzeit wieder für die Selbständigkeit entscheiden würden.

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