Selbstbedienungskassen:Wisch und weg

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Selbstbedienungskassen machen manchen Kunden den Einkauf viel einfacher. Andere verzweifeln an ihnen. Für den Handel zählt: Sie müssen immer überwacht werden. (Foto: Henning Kaiser/PA/dpa)

In Deutschland gibt es immer mehr SB-Kassen. Dass sie trotzdem noch selten sind, liegt auch an der Liebe zum Bargeld. Das ist für die Kassierer gut. Denn wegen der neuen Kassen könnten sie ihre Jobs verlieren.

Von Sven Lüüs

Beim Thema Selbstbedienungskassen ist Deutschland noch Entwicklungsland. Wer nicht in einer Großstadt wie Berlin, Hamburg oder München lebt, kennt solche Kassen nur von Ikea. Das schwedische Möbelhaus hat sie in fast allen Filialen installiert. Doch der übrige Handel holt langsam auf: Nach Angaben des Kölner Einzelhandelsinstituts (EHI) hat sich die Zahl der Läden in Deutschland, die Selbstbedienungskassen einsetzen, von 2015 bis 2017 fast verdoppelt. Konkret heißt das: Im Jahr 2017 hatten 530 Läden solche SB-Kassen, insgesamt waren etwa 3000 Geräte in Betrieb. Und bis zum Jahr 2020, darauf deuten noch unveröffentlichte Ergebnisse einer EHI-Untersuchung hin, werden sich diese Zahlen noch mal verdoppeln, sagt Frank Horst, Forschungsleiter Inventurdifferenzen am EHI, der gerade an einer Studie über die Auswirkungen dieser Entwicklung arbeitet.

SB-Kassen haben durchaus Vorteile: Kunden sparen beim Einkauf viel Zeit, weil die Händler auch bei knappem Personal mehr Kassen geöffnet halten. Zudem können Kassierer, die nicht mehr kassieren müssen, dann den Kunden im Laden helfen - zum Beispiel erklären, wo die Buttermilch steht oder wo die Mango herkommt. Andererseits gibt es bei Beschäftigten und Gewerkschaften die Sorge, dass die Unternehmen die Automatisierung dazu nutzen, weiter Stellen zu streichen.

Nach Angaben des Londoner Retail Banking Research (RBR), eines privaten Marktforschungsinstituts, gab es im Jahr 2018 weltweit etwa 200 000 SB-Kassen. In vier Jahren werde sich diese Zahl verdoppelt haben, prognostiziert das RBR. Deutschland holt damit auch im internationalen Vergleich auf, schließlich verdoppelt sich hier die Zahl der Selbst-Scanner-Kassen schon alle drei Jahre. Doch der Abstand zu anderen Ländern ist noch groß: Vor vier Jahren gab es in Großbritannien laut RBR 42 000 SB-Kassen, in Deutschland nach Angaben des EHI nur 620.

In Problemvierteln gibt es normalerweise keine Selbstbedienungskassen

Ein Problem bei der Einrichtung der neuen Technik: Deutsche Kunden lieben Bargeld. Drei von vier Zahlungen im Einzelhandel werden nach Angaben der Bundesbank noch immer bar getätigt. SB-Kassen, die auch Bargeld akzeptieren, sind aber teuer. Ein System mit vier Kassen kostet ungefähr 120 000 Euro, das sind etwa 30 Prozent mehr, als Systeme mit Maschinen, die nur Karten akzeptieren. In Deutschland haben fast alle Supermärkte mit SB-Kassen solche Barzahlungs-Maschinen.

Ein weiterer Grund für die Zögerlichkeit des Handels ist, dass einige Unternehmen befürchten, dass Kunden, die ihre Ware selbst scannen, öfter klauen. Die Realität bestätigt dies bislang eher nicht. Gegenüber dem EHI gaben 95 Prozent der befragten Händler an, dass nicht viel mehr gestohlen werde, seit sie SB-Kassen eingeführt haben. Es wurde in Deutschland auch viel Geld für die Diebstahlsicherung ausgegeben, sagt EHI-Forscher Horst. Außerdem zeigen Studien, dass Menschen, die an SB-Kassen Einkäufe unterschlagen, in der Regel Gelegenheitsdiebe sind, die - im Gegensatz zu professionellen Banden - nicht gezielt teure Artikel stehlen. Damit hielten sich die Schäden für die bestohlenen Händler in Grenzen. In Problemvierteln, in denen viel gestohlen wird, würden Händler nur selten Selbst-Scanner-Kassen einführen, haben die Forschungen des EHI ergeben. Auch die Technik habe in Deutschland lange Zeit Probleme gemacht, sagt Horst. Die Kassensysteme hierzulande seien nicht mit den SB-Kassen kombinierbar gewesen. Dieses Problem sei aber inzwischen gelöst worden. Mit dem Effekt, dass Händler in Deutschland zwar erst spät damit angefangen haben, SB-Kassen einzurichten, jetzt aber verstärkt solche Geräte bestellen und die Technik zudem inzwischen auch ausgefeilter ist.

Manche Läden brauchen etwas weniger Kassierer - der Beruf wird aber nicht überflüssig

Ob es für einen Händler sinnvoll ist, SB-Kassen anzuschaffen, hängt vor allem davon ab, wann wie viele Kunden in den Laden kommen. Rewe und Real zum Beispiel bieten SB-Kassen zum Beispiel dort an, wo mittags viel los ist, wie die beiden Supermarktketten auf Anfrage der SZ mitteilten. Kunden, die mittags nur etwas Kleines zum Essen kaufen und danach noch genug Zeit für die Pause haben wollen, könnten so den Laden schneller wieder verlassen und müssten nicht in der Schlange der anderen Mittags-Einkäufer anstehen.

Braucht man dann in Zukunft noch Kassierer, wenn Kunden ihre Arbeit übernehmen? Die bisherige Praxis hat gezeigt, dass Märkte trotz der neuen Technik oft kein Personal abbauen, wie Befragungen im Handel ergaben. Ein Grund ist der schwankende Bedarf: Wenn ein größerer Supermarkt mittags acht Kassen geöffnet haben muss, weil so viele Kunden kommen, können SB-Kassen für Entlastung sorgen, ohne dass zusätzliches Personal eingesetzt werden muss. Wenn aber später, zum Beispiel nach 20 Uhr, weniger Kunden im Laden sind und nur alle drei Minuten einer zu den Kassen kommt, muss der Markt dennoch einen Mitarbeiter an die gewöhnliche und einen an die SB-Kasse stellen. Denn auch an SB-Kassen ist Personal nötig - zur Kontrolle und um Kunden bei Bedarf zu helfen.

Gleichwohl gibt es durch den Einsatz von SB-Kassen durchaus "frei werdende Kapazitäten", wie einige Händler zugeben - die Kassierer werden dann an anderen Stellen im Laden eingesetzt. Bei Ikea heißt es, dass Kassierer, die gerade nicht an den Kassen benötigt werden, Kunden beim Einkauf beraten oder ihnen bei der Suche der Artikel in der SB-Abteilung helfen.

Die Gewerkschaften zeigen sich vorsichtig. Wenn es immer mehr solcher Kassen gebe, könne es schon passieren, dass Kassierer entlassen werden, sagt eine Sprecherin der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. Die Gewerkschaft hält engen Kontakt zu Betriebsräten in Handelsbetrieben, die Selbstbedienungskassen einführen, man beobachte die Entwicklung mit "geschärftem Blick".

Überflüssig wird der Job als Kassierer wohl nicht. Denn viele Kunden haben Schwierigkeiten, ihren Einkauf bei der SB-Kasse über den Scanner zu ziehen und dann selbständig zu zahlen. Viele seien mit der Technik überfordert - dieser Aussage stimmten laut einer nicht repräsentativen Umfrage des EHI aus dem Jahr 2016 mehr als die Hälfte der befragten Kassierer zu. Und in einer Umfrage des britischen Rabattcouponanbieters Voucher Codes sagten mehr als zehn Prozent der befragten Einkäufer, dass sie schon einmal an einer SB-Kasse etwas gestohlen haben, weil sie es nicht schafften, dort zu bezahlen.

© SZ vom 04.07.2019 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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