bedeckt München
vgwortpixel

Seattle:Wo Reichtum entsteht, wächst Armut

Straßenszene in Seattle: Junge Angestellte holen sich einen Kaffe bei Starbucks, ein Mann spielt vor der Filiale für ein paar Dollar Gitarre.

(Foto: AP)

Seattle boomt, seit Konzerne wie Amazon und Starbucks sich in der Stadt niederließen. Hier zeigt sich, was ein plötzlicher Aufschwung mit Metropolen macht.

Gut, dass es Linda's Tavern noch gibt. Das Bier in der Kneipe auf dem Capitol Hill von Seattle kostet vier, ein Sattmacher-Sandwich mit Speck neun Dollar, und an der Holzwand, auf dem Weg zum Klo, steht die bestsortierte Grunge-Jukebox der Welt. An diesem Abend im Juni läuft erst "Memory Lane" von Elliott Smith, dann "Midlife Crisis" von Faith No More und schließlich "He's a Whore" von Big Black. Ist das nicht toll hier? An der Bar sitzen Leute in Arbeiterhosen, Flanellhemden und Parkas, es gibt einen antiken Videospielautomaten und eine noch antikere Holzbar im Außenbereich, und nirgends wird darauf hingewiesen, dass Kurt Cobain hier zum letzten Mal lebend gesehen worden ist. Man weiß es, oder eben nicht. Um es mit Cobain zu sagen: Whatever. Nevermind.

Wer in diesen Tagen draußen vor der Tür von Linda's Tavern steht und die Skyline der Stadt betrachtet, der bemerkt zuerst einen neontürkis beleuchteten Kran neben dem Highway I-5. Dann zwei weitere mit hellgrüner Beleuchtung, einen in Zartrosa und ganz im Norden einen in Knallblau, der so aussieht, als würde er auf die Space Needle deuten, das Wahrzeichen von Seattle. Die Kräne, es sind mehr als 20, sehen so aus, als hätte ein Architekt jeden einzelnen genau dorthin platziert, wo er steht, damit es ein stimmiges Gesamtbild ergibt. Die Kräne gehören zu dieser Stadt wie die beiden Amazon Towers oder der 104 Jahre alte Smith Tower, lange Zeit das höchste Gebäude westlich des Mississippi. Auf der Fahrt zur Kneipe erzählte der Taxifahrer, dass sich die Kranführer morgens absprechen müssen, damit sich die Katzausleger nicht in die Quere kommen.

Seattle Was vom Gummi übrig bleibt
"Gum Wall" in Seattle

Was vom Gummi übrig bleibt

In Seattle gibt es eine Wand aus Kaugummi. Was als Vandalismus begann, galt zuletzt als Touristenattraktion, als Kunst. Doch die kann nun weg.

Der Blick fällt von den leuchtenden Kränen und den prächtigen Hochhäusern hinüber zur Straßenecke neben Linda's Tavern, wo ein älterer Mann im grünen Bundeswehrparka einen Schlafsack ausgebreitet hat und gerade seinen Hund mit Fleisch aus der Dose füttert. Auf der anderen Straßenseite liegen zwei Leute in einem Zelt, die Füße ragen heraus auf den Gehsteig. Daneben: noch ein Zelt, gerade unbelegt. Und noch eines. Diese Zelte, sie gehören zu Seattle wie die Kräne.

Die Stadt im Nordwesten der Vereinigten Staaten gedeiht prächtig, sie gehört seit Jahren zu den amerikanischen Metropolen mit dem größten Wirtschaftswachstum und der größten Zuwanderung an hochqualifizierten Menschen. Andererseits leben hier immer mehr Menschen auf der Straße oder im Auto - bei der letzten Zählung der Vereinigung All Home im Januar waren es 12 112. Wie passt das zusammen? Oder hat es gar miteinander zu tun? In "Memory Lane" singt Elliott Smith, sinngemäß übersetzt: "An diesem Ort endest du, wenn du das Rennen verlierst."

Es war auch früher nicht alles gut hier

Vor 50 Jahren war Seattle eine Arbeiterstadt, die Leute haben am Hafen, in den Wäldern oder in den Fabriken des Flugzeugherstellers Boeing geschuftet. Arbeiterhosen, Flanellhemden und Parkas waren hier nicht, wie es die Musikindustrie später gern vermarktete, die Uniform der Rebellen, sondern es war die praktische Kleidung von Menschen in einer Stadt, in der elfeinhalb Monate lang Herbst ist und zwei Wochen lang Spätherbst.

"Seattle war ein Nirwana, eine Stadt mit hoher Lebensqualität und ohne die urbanen Probleme der Industrie-Metropolen im Mittleren Westen oder an der Ostküste", sagt der Städteplaner David Bley. Er ist vor 46 Jahren nach Seattle gekommen, hat Bürgermeister und Unternehmen beraten, mittlerweile leitet er die Pacific-Northwest-Initiative der Bill & Melinda Gates Foundation, die gegen Armut von Familien im US-Bundesstaat Washington kämpft. Natürlich war auch damals nicht alles gut hier, es gab Massenentlassungen bei Boeing, hohe Arbeitslosigkeit, und in den Bars und Kneipen wurde Grunge-Musik gespielt, jener raue Sound, der durch Bands wie Nirvana, Pearl Jam und Soundgarden bald weltweit bekannt wurde - und wohl immer mit Seattle verbunden bleiben wird.

Doch dann gründete Bill Gates den Computerkonzern Microsoft, der sich in Redmond, auf der anderen Seite des Lake Washington, niederließ, Jeff Bezos startete den Alles-Lieferanten Amazon und Howard Schultz die Kaffeehauskette Starbucks. Konzerne wie Nordstrom, Costco und T-Mobile USA verlegten ihre Firmensitze nach Seattle. Das blieb nicht ohne Folgen. Während im Jahr 1980 etwa 490 000 Menschen in Seattle lebten, sind es heute mehr als 720 000 - rechnet man die Vororte hinzu, sogar fast vier Millionen. Die Stadt gilt nun nicht mehr als altmodisch, dreckig und melancholisch, sondern als modern, erfolgreich und lebenswert.