Süddeutsche Zeitung

Science-Fiction-Roman "Ausgebrannt":Wenn die letzte Ölquelle versiegt

Die USA besetzen Saudi-Arabien, auf dem gesamten Erdball entstehen Unruhen: In seinem Roman "Ausgebrannt" beschreibt Science-Fiction-Autor Andreas Eschbach, wie sich die Welt verändert, wenn das Öl fehlt. Im Gespräch erklärt er, warum er beim Auftanken staunt.

Interview: Pia Ratzesberger

Er will das große Geld machen: Protagonist Markus Westermann steigt ins Ölgeschäft ein, entdeckt eine neue Fördermöglichkeit. Doch dann bricht eine globale Ölkrise aus. In seinem Science-Fiction-Roman "Ausgebrannt" beschreibt Autor Andreas Eschbach, wie die Welt aussehen könnte, wenn das Öl zuende geht - und weist gleich auf der ersten Seite darauf hin: Alle genannten Zahlen sind nicht erfunden, sondern offiziellen Veröffentlichungen entnommen. 2007 ist "Ausgebrannt" das erste Mal erschienen, Eschbach hat eigentlich Luft- und Raumfahrttechnik studiert, arbeitete lange Zeit als Softwareentwickler. Seit seinem Roman "Das Jesus Video" Ende der 90er Jahre gilt er als einer der erfolgreichsten deutschen Science-Fiction-Autoren.

Süddeutsche.de: Ihr Buch beginnt mit den Sätzen "Selbst mit dem letzten Tropfen Benzin kann man noch beschleunigen. Allerdings ahnte Markus Westermann nicht, dass er im Begriff war, genau das zu tun." Für wie realistisch halten Sie es, dass tatsächlich von einer Woche auf die andere das Öl ausgeht?

Andreas Eschbach: Da ändert sich mein Empfinden, muss ich gestehen. Als ich den Roman vor ungefähr sieben Jahren geschrieben habe, hatte ein im Investmentbereich tätiger Amerikaner namens Matthew Simmons gerade ein Buch über die Ölförderung in Saudi-Arabien veröffentlicht. Die Saudis lassen sich natürlich ungern in die Karten gucken. Aber Simmons hatte Hunderte geologische Berichte, die die staatliche Zensur bereits durchlaufen hatten, ausgewertet und untereinander abgeglichen, und nach seinen Schlussfolgerungen war die saudi-arabische Ölförderung damals akut in Gefahr. Die geologische Beschaffenheit der Ölfelder erlaubt es den Saudis nämlich, auf die sonst üblichen Pumpen zu verzichten und stattdessen Wasser direkt unter die Felder zu pumpen. Der Druck wird so erhöht, dass sie oben nur den Hahn aufdrehen müssen. Wenn die Saudis damals versucht hätten, ihre Ölproduktion auf das Maß zu steigern, das sie Präsident Bush eigentlich versprochen hatten, dann hätte es nach Simmons passieren können, dass das Wasser das Öl überholt - ihm also den Weg zu den Abflüssen abschneidet und so der Ölhahn in Saudi-Arabien plötzlich versiegt.

Daher die Idee für den Roman?

Genau. Mit meinem Buch habe ich mich nach der Veröffentlichung dieser Studie ziemlich beeilt, weil ich Sorge hatte, dass genau das in Saudi-Arabien tatsächlich geschehen könnte - noch bevor mein Buch erscheint. Der saudische König sagte damals immer, "wir können die Ölförderung noch massenhaft steigern". Während ich den Roman geschrieben habe, kam dann schon raus: Sie können die Förderung nicht mehr steigern. Ihre Begrenzung, die auch Simmons angemahnt hatte, scheint letztendlich aber die Katastrophe verhindert zu haben. Sie haben es wohl wieder im Griff.

Als Grund für die aktuell angebliche vorherrschende Stabilität werden oft die neueren Methoden der Ölföderung angeführt, etwa das Fracking. In Ihrem Buch stößt der Protagonist ebenfalls auf eine neue, vermeintlich ertragreiche Art der Förderung. Doch am Ende klappt das nicht wirklich. Eine Kritik an Fracking und Ölsanden?

Ja, die Fördermengen, die im Zusammenhang mit Fracking und Ölsanden genannt werden, sind meines Erachtens mit Vorsicht zu genießen. Es wird eine enorm hohe Umweltverschmutzung in Kauf genommen, aber gewonnen ist letztlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Beim Fracking sind die Folgen für die Umwelt noch nicht abschätzbar. Wir wissen nicht, inwieweit die Fördermethode das Grundwasser verschmutzt. Dabei brauchen wir Wasser doch noch dringender als Öl.

Wie sieht sie denn aus, die Welt ohne Öl?

Was man absolut sicher sagen kann ist, dass wir irgendwann ohne Öl leben werden. Die heute Jüngeren werden das sicher noch mitbekommen. Nicht unbedingt weil das Öl restlos aus sein wird, sondern man es nicht mehr rentabel wird fördern können. Die Menschen müssen dann etwas Neues finden und zwar so schnell wie möglich. Alles hängt davon ab, wie wir mit dieser Umstellung umgehen.

"Öl ist das Mittel, ohne das nichts geht"

Wie könnte es weitergehen?

Wenn man so weitermacht wie bisher und sagt "Jetzt kratzen wir eben noch die letzten Reste aus den Feldern, und wenn das auch alle ist, sehen wir, was wir machen", funktioniert es nicht. Dann stehen wir plötzlich da und haben nicht einmal mehr die Energie, die wir für die Erschließung neuer Energiequellen brauchen. Am schwierigsten wird es, das Transportsystem aufrechtzuerhalten. Bei Autos kann man Öl vielleicht noch ersetzen. Ein Auto kann auch mit Frittenfett fahren, wenn es sein muss, zur Not mit Batterien. Aber bei einem Flugzeug? Das funktioniert nicht, es würde schlicht nicht abheben. Auch heizen wird problematisch, kurz gesagt: Alles wird teurer. Die Kosten der Energie bestimmen alles andere, weil darauf alles aufbaut.

Sie beschreiben in dem Buch, wie die Ölknappheit die Weltordnung ins Wanken bringt. Wie die USA Saudi-Arabien besetzen. Mögliche Realität oder reines Gedankenspiel?

Um Öl sind immer Kriege geführt worden. Das wird auch so bleiben, bis das Öl letztendlich verbraucht ist, fürchte ich. Öl ist das Mittel, ohne das nichts geht. Unsere Energieversorgung ist komplett auf diesen Rohstoff ausgerichtet. Die gesamte Wirtschaft ist davon abhängig. Es nützt ja nichts, wenn man etwas produziert und es dann mangels Energie nicht dahin bringen kann, wo es gebraucht wird.

Sie verweben Statistiken mit einer fiktiven Geschichte. Hat man als Romanautor mehr Möglichkeiten, seinem Publikum Probleme näherzubringen, als Nichtregierungsorganisationen oder andere Akteure, die an die Fakten gebunden sind?

Das hoffe ich zumindest. Wie es so schön heißt: Ein Romanautor erzählt die Wahrheit mit einer Lüge. Ich erkläre die Fakten mit einer fiktiven Geschichte. Ich kann übertreiben, zuspitzen und die Knackpunkte herausarbeiten. Ich will beim Leser das Verständnis wecken, dass wir in einer technischen Zivilisation leben und nicht mehr ohne sie können - wir können nicht nackt und mit bloßen Händen rausgehen und trotzdem am Leben bleiben. Das geht nicht mehr, das hat schon begonnen mit dem ersten Feuer und dem ersten Faustkeil vor Millionen von Jahren. Die Grundlage unserer technischen Zivilisation ist die Energie. Doch momentan hängt alles am Öl, und das hat keine Zukunft. Wenn diese Botschaft beim Leser angekommen ist, habe ich schon viel gewonnen.

Hat sich nach dem Schreiben des Romans denn auch bei Ihnen etwas geändert?

Seit ich weiß, wie fragil das ganze System ist, staune ich, wie es am Laufen gehalten wird. Ich bin heute noch immer verblüfft, wenn ich an die Tankstelle fahre. Und es noch Benzin gibt.

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