Die Schweizer sind es gewohnt, sich zu behaupten. Gegen echte wie eingebildete Widersacher aus dem Ausland haben die Eidgenossen in der Vergangenheit immer Wege gefunden, die Situation für sich zum eigenen Vorteil zu drehen. Diese Mischung aus Pragmatismus und wohldosiertem Opportunismus gehört zum Selbstverständnis der Schweiz. Das merkt man auch in diesen Tagen wieder.
Nach Trumps Ankündigung von vergangener Woche, Importe aus der Schweiz in die USA mit Zöllen von 39 Prozent belegen zu wollen, schien zwischen Genf und St. Gallen kurz Schockstarre zu herrschen. Womöglich lag das aber auch am langen Wochenende mit dem Nationalfeiertag am Freitag. In dieser Woche gaben sich praktisch alle Vertreter von Politik und Wirtschaft öffentlich zumindest kämpferisch, teilweise sogar vorsichtig optimistisch. Man weiß ja, die Schweiz hat bisher immer einen Weg gefunden, warum auch nicht durch diese Krise?
Dabei sind die Zölle für die Exportnation ein ernstes Problem. 2024 exportierte die Schweiz Waren im Wert von gut 392 Milliarden Franken (CHF), was etwa 418 Milliarden Euro entspricht. Davon gingen Exporte für gut 65 Milliarden CHF in die USA. Die EU ist mit Importen im Wert von fast 160 Milliarden Franken zwar insgesamt der deutlich wichtigere Markt. Aber die Vereinigten Staaten sind, wenn man einzelne Länder betrachtet, der größte Handelspartner der Schweiz.
Es ist nur ein kleiner Trost, dass die Exporte in die USA zu großen Teilen aus Gold, das in der Schweiz umgeschmolzen wurde, und sogar fast zur Hälfte aus Pharmaprodukten bestehen, die beide von Zöllen bislang weitestgehend ausgenommen sind. Nur hat Trump auch bereits heftige Zölle auf Medikamente angedroht, wenn die Unternehmen ihre Preise in den USA nicht senken. Womöglich ist das sogar der eigentliche Grund für seine Härte gegenüber der Schweiz. Noch ist aber unklar, was genau auf die Pharmabranche zukommt, Trump hat den Unternehmen in einem Brief bis Ende September Zeit gegeben, ihre Preise anzupassen.
Deutsche Maschinenbauer haben jetzt einen Zollvorteil von mehr als 20 Prozentpunkten
Vorerst treffen die am Donnerstag in Kraft getretenen Zölle von 39 Prozent deshalb besonders die Schweizer Tech-Industrie. Uhren, Maschinen und Feinmechanik jeder Art sind nach Gold und Medikamenten die drittgrößte Gruppe an Exportgütern der Schweiz. Jean-Philippe Kohl, stellvertretender Direktor des Branchenverbands Swissmem, sagt am Telefon gleich ganz klar: „Das Horrorszenario, das sich angedeutet hat, ist tatsächlich eingetreten.“ Die Industrie sei ohnehin wegen der geopolitischen Unsicherheiten schon in einer schwierigen Lage. Global wird wenig investiert, das habe man schon vor Trump gespürt. „Der amerikanische Markt wird uns wegbrechen, und das ist ein stattliches Volumen, das da verloren geht“, sagt Kohl. 2024 war es eben ein gutes Sechstel der Warenwerte, die in die USA gingen. Selbst ohne Gold und Pharma sind das viele Milliarden Franken. „Das wird man in Asien, China und im Nahen Osten versuchen zu kompensieren.“
Zuletzt unterzeichnete die Schweiz Freihandelsabkommen mit Indien und Thailand, bald sollen Malaysia sowie die Mercosur-Staaten, also Argentinien, Bolivien, Brasilien, Paraguay und Uruguay, folgen. Mit Vietnam finden derzeit Verhandlungen statt. Diese Abkommen werden jetzt noch wichtiger. Denn viel wird vom US-Markt für die Schweizer Tech-Branche vermutlich nicht übrigbleiben. „Die 39 Prozent stehen in Kontrast zu den 15 Prozent der EU“, sagt Kohl. „Es gibt auch gute Maschinenbauer in Deutschland. Die haben jetzt einen Zollvorteil von über 20 Prozentpunkten. Das wird sich auswirken.“ Viele Maschinenhersteller sind noch zurückhaltend mit Einschätzungen der Lage. „Die Unternehmen werden ihre Kunden kontaktieren und versuchen, die Zolllast aufzuteilen“, sagt Kohl. Wenn ein Unternehmen diese Zölle allein trägt, dann sei das Geschäft einfach nicht mehr rentabel.
Swatch hat zuletzt besonders viele Uhren in die USA verschifft
Für handliche Massenprodukte wie Uhren von Swatch gibt es auch noch einen kleinen Puffer. Laut Hayek seien die Lager in den USA gut gefüllt, man habe in den vergangenen sechs Monaten viel mehr in die USA geschickt als sonst. Auf diese Waren fallen nun keine Zölle an, da sie sich bereits in den USA befinden. „Wir verfügen über einen Lagerbestand von mindestens drei bis sechs Monaten, abhängig von den Marken und Modellen“, so Hayek. Zunächst werde es deshalb „keine unmittelbaren Auswirkungen“ geben.
Den meisten anderen Firmen werden zumindest diese Maßnahmen aber nicht helfen. „Für ausgewählte Produkte wie Werkzeuge geht das“, sagt Kohl von Swissmem. „Große Maschinen, die kundenspezifisch angefertigt werden, kann man aber nicht auf Vorrat stapeln.“
Neben Verhandlungen zwischen den amerikanischen Kunden und den Herstellern in der Schweiz sowie neuen Freihandelsabkommen sieht er noch Produktionsverlagerungen als Option: „Mittelfristig könnte man gewisse Wertschöpfungsschritte aus der Schweiz in die EU verlagern. Dann wäre es ein EU-Produkt und würde tiefer bezollt“, so Kohl. „Die Konsequenz wäre aber, dass die Schweiz industrielle Wertschöpfung verliert.“ Einzelne Unternehmen haben entsprechende Schritte bereits angekündigt.
Durch Trumps rabiaten Umgang mit der Schweiz haben nun auch die gerade laufenden Verhandlungen über den Abschluss weiterer bilateraler Verträge mit der Europäischen Union eine neue Dynamik bekommen. Vor allem die rechtspopulistische und Trump zugeneigte SVP möchte am liebsten gar kein Abkommen mit der EU und versucht, den Abschluss der Verträge zu verhindern. Dabei würden die Verträge der Industrie genau die Sicherheit geben, die von amerikanischer Seite gerade fehlt. „Wie Trump mit der Schweiz umgeht, das ist Machtpolitik“, sagt Kohl. „Die EU ist dagegen ein rechtsstaatliches Gebilde. Da werden Verfahren definiert, nach denen dann Konflikte gelöst werden. Nicht mit dem Holzhammer.“
Am Donnerstag gab der Bundesrat, die Schweizer Regierung, eine Pressekonferenz zu den Zöllen und den bislang gescheiterten Verhandlungen. Man habe das bereits gemachte Angebot an die USA „optimiert“, es würden keine Gegenzölle erhoben, und auch an dem umstrittenen Kauf von F-35A-Jets aus den USA wolle man festhalten.
Bundespräsidentin Karin Keller-Sutter (FDP) und ihr Stellvertreter Guy Parmelin (SVP) zeigen sich kämpferisch und wenig selbstkritisch. Auch Kohl möchte seine Regierung nicht kritisieren: „Kritik an der Schweizer Regierung verkennt die aktuelle Lage. Auf der anderen Seite agiert Trump wie eine unguided missile, eine Rakete außer Kontrolle. Die Regierung hat gemacht, was möglich ist, und kam nicht weiter. Man wird aber weiter verhandeln. Trump ist erratisch, und morgen kann die Lage schon wieder anders sein.“
Was da schiefgelaufen ist zwischen Washington und Bern, kann außer den Beteiligten niemand mit Sicherheit sagen. Wahrscheinlich wissen sie es selbst nicht so genau. Vielleicht weiß es Trump. Auf die Frage bei der Pressekonferenz, was es nach Einschätzung der Bundespräsidentin brauche, damit ein mögliches Abkommen mit Trump hält, antwortete Keller-Sutter: „Ich bin weder Hellseherin noch Psychologin.“
