Schweiz Ein Dorf testet das Grundeinkommen

Rebecca Panian lebt in der Schweiz und in Berlin. Die Filmemacherin war mal Stewardess, hat dann Film studiert und die Dokumentation "Zu Ende leben" gedreht.

(Foto: Getty Images)
  • Rheinau ist als Dorf so durchschnittlich, dass es eine Art Mini-Schweiz ist.
  • Jeder Rheinauer, der älter als 25 Jahre ist, soll die Möglichkeit bekommen, den Grundbetrag zu erhalten.
  • Allerdings fehlt noch das dafür notwendige Geld.
Von Charlotte Theile, Zürich

Rebecca Panian, 39, Filmemacherin aus dem schweizerischen Kanton Aargau, hat in einer kleinen Gemeinde ein weitreichendes Experiment angestoßen. Das Dorf Rheinau wird von 2019 an das bedingungslose Grundeinkommen testen. Jeder der 1300 Einwohner kann teilnehmen. Das hat die Gemeindeversammlung jetzt bekannt gegeben. Wer deshalb noch schnell seinen Wohnsitz in das Zürcher Umland verlegen möchte, kommt allerdings zu spät. Stichtag für die Einwohnerschaft ist der 5. Juni 2018.

Panian hat, wie viele Schweizer, im Zuge der nationalen Volksabstimmung im Juni 2016 das erste Mal vom bedingungslosen Grundeinkommen erfahren. Auch wenn damals nur gerade jeder vierte Schweizer für ein garantiertes Einkommen gestimmt hatte, ist die Idee lebendig.

Crowdfunding soll helfen

Auch die westschweizerische Stadt Lausanne hat ein Experiment gestartet, zahlt einem Teil der Sozialhilfeempfänger den Betrag bedingungslos aus. Panian hat einige Monate nach einem passenden Dorf gesucht. Mit Rheinau hat sie nun aus hunderten Bewerbungen eine Art "Mini-Schweiz" ausgewählt, so durchschnittlich wie nur möglich. Gemeindepräsident Andreas Jenni hatte zwar 2016 gegen das Grundeinkommen gestimmt - jetzt aber ist er ziemlich stolz, dass ausgerechnet Rheinau zum Labor werden soll. "Die Rheinauer ticken anders", sagt Jenni stolz den Schweizer Medien. "Wir zeigen uns nicht nur fortschrittlich, wir sind fortschrittlich."

Jeder Rheinauer, der älter als 25 Jahre ist, soll die Möglichkeit bekommen, ein Jahr lang einen Grundbetrag von 2500 Franken (etwa 2200 Euro) im Monat zu erhalten. Je ärmer ein Teilnehmer ist, desto größer ist sein Gewinn: Wer mit seinem regulären Einkommen mehr als 2500 Franken im Monat verdient, hat also auch 2019 nicht mehr Geld als vorher. Einige müssten den Betrag dann eben wieder zurückzahlen. Trotzdem hofft Panian, dass sich möglichst viele unterschiedliche Rheinauer melden - nicht nur jene, die dringend Geld brauchen.

Das Experiment ist freiwillig. Ende August will die Filmemacherin alle Einwohner ausführlich informieren. Panian hofft, dass am Schluss mindestens die Hälfte des Dorfes teilnimmt. Sie selbst hat ein Leben gewählt, in dem sie mit sehr wenig Geld auskommt, ist bewusst aus einer Vollzeitstelle ausgestiegen. Die 39-Jährige ist, wie viele Befürworter des Grundeinkommens, der Überzeugung, dass die Freiheit, die durch ein garantiertes Einkommen entsteht, zu Kreativität und Motivationssteigerung beiträgt.

Wie so oft, wenn es um das bedingungslose Grundeinkommen geht, ist auch in Rheinau unklar, ob die Finanzierung das Experiment überhaupt zulässt. Im Moment wirbt Panian via Crowdfunding um Geldgeber, es werden je nach Zuspruch drei bis fünf Millionen Franken benötigt. Bisher ist geplant, das Grundeinkommen ein Jahr lang auszuzahlen. Sollte allerdings deutlich mehr Geld zusammen kommen, könnte das Experiment verlängert werden.

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