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Schweiz:Die Schweiz erlebt, was noch niedrigere Zinsen mit der Wirtschaft anstellen

Wie tief können die Zinsen noch ins Minus sinken? Da lohnt der Blick in die Schweiz. Dort ist man schon viel weiter - also niedriger.

Die Negativzinsen fressen sich in den Alltag der Deutschen. Vor wenigen Tagen kündigte die Postbank an, dass sie das Gratis-Girokonto für die meisten Kunden abschafft; sie begründete das mit den niedrigen Zinsen. Vor zwei Wochen wurde bekannt, dass mit der Raiffeisenbank Gmund die erste deutsche Filialbank den Strafzins an ihre Privatkunden weitergibt; wer mehr als 100 000 Euro bei ihr angelegt hat, bekommt davon im Jahr 0,4 Prozent abgezogen.

Viele Bundesbürger fragen sich, wohin das noch führt. Wird der Strafzins irgendwann auch auf ihr Erspartes fällig? Zahlen sie drauf, wenn sie Geld zur Bank bringen?

Bei der Antwort auf diese Fragen hilft möglicherweise ein Blick in die Schweiz. Dort sind die Zinsen schon länger und deutlich tiefer im Minus. Der Leitzins der Schweizer Nationalbank beträgt derzeit minus 0,75 Prozent, in der Eurozone sind es Null Prozent. Der Strafzins, den Banken zahlen müssen, wenn sie Geld kurzfristig bei der Nationalbank parken, liegt in der Schweiz bei minus 0,75 Prozent, in der Euro-Zone bei minus 0,4 Prozent.

Auf den ersten Blick hat das Schweizer Vorbild für Bundesbürger etwas Beruhigendes. Denn normale Sparer müssen dort bis heute bei ihrer Bank keinen Strafzins zahlen. Die Experten glauben auch nicht, dass es je so kommen wird. "Die Untergrenze liegt bei einem Anlagebetrag von 100 000 Franken (umgerechnet 92 000 Euro), darunter gelten Anleger als Kleinsparer", sagt Thomas Stucki, Anlagechef der St. Galler Kantonalbank, der früher für die Nationalbank arbeitete. Er kann sich nicht vorstellen, dass Banken je Kleinsparer mit Negativzinsen belasten. "Das Reputationsrisiko wäre zu groß", sagt er.

Postbank "Natürlich geht es uns auch um die Erträge"
Interview mit Postbank-Vorstand Susanne Klöß

"Natürlich geht es uns auch um die Erträge"

Die Postbank schafft das kostenlose Girokonto für die meisten ihrer Kunden ab. Vorstand Susanne Klöß begründet den Schritt mit den niedrigen Zinsen - und stellt einen Vergleich mit der Parkgebühr fürs Auto an.   Von Meike Schreiber

Die Menschen geben nicht mehr aus, sondern fürchten um ihre Altersvorsorge

Bisher gibt es in der Schweiz nur eine Bank, die auch bei kleineren Vermögen Strafzinsen berechnet: die Alternative Bank. Sie spielt aber nur eine marginale Rolle. Das heißt aber nicht, dass die Schweizer die Lage entspannt sehen. Im Gegenteil: Die kritischen Stimmen werden mit jedem Tag lauter. Sie warnen vor den fatalen Nebenwirkungen der Negativzinsen.

Janwillem Acket, Chefökonom der Schweizer Privatbank Julius Bär, wählt ein drastisches Bild. Während die meisten Fachleute die Negativzinsen mit einer "bitteren Pille" vergleichen, die der Patient eben schlucken müsse, um gesund zu werden, spricht Acket von einer "Chemotherapie". Zwar müsse die Schweiz nicht auf der Intensivstation gepflegt werden, doch das Prinzip dieser Behandlung, dass nicht nur die kranken, sondern auch viele gesunde Zellen getroffen würden, das treffe zu. "Die Nationalbank will ja weder die Pensionskassen noch die schweizerischen Anleger treffen, die Geld fürs Alter zurücklegen wollen," sagt Acket. Genau das passiere aber, seit die Nationalbank die Negativzinsen Anfang 2015 eingeführt habe. Eine Art Kollateralschaden also.

Das Beispiel Schweiz zeigt auch, dass es immer noch ein bisschen tiefer geht. "Ursprünglich dachte man, unter minus 0,5 Prozent könne der Zins nicht sinken", sagt Ex-Notenbanker Stucki. Das entspreche etwa den Kosten für Lagerung und Versicherung von Bargeld. Inzwischen aber glaube man, dass selbst minus 1,0 Prozent möglich sind.