Schwarze Siemens-Kassen:Mit dem Geldkoffer nach Österreich

Ein Mitarbeiter soll hohe Summen teilweise in Bar nach Salzburg gebracht haben, von dort wurden die Mittel verteilt. Insgesamt wird der Schaden bereits auf 200 Millionen Euro geschätzt.

Klaus Ott und Markus Balser

Die Siemens AG gerät in der Affäre um schwarze Kassen, aus denen heraus Schmiergeld gezahlt worden sein soll, immer stärker unter Druck. Die Münchner Staatsanwaltschaft teilte am Mittwoch mit, der bislang ermittelte Schaden betrage 200 Millionen Euro.

Schwarze Siemens-Kassen: Siemens-Affäre: Mit dem Geldkoffer von München nach Salzburg.

Siemens-Affäre: Mit dem Geldkoffer von München nach Salzburg.

(Foto: Foto: dpa)

Außerdem seien zwei weitere Siemens-Angestellte aus der Sparte Telekommunikation (Com) festgenommen worden. Insgesamt sitzen nunmehr sechs derzeitige oder frühere Beschäftigte des Konzerns in Untersuchungshaft, darunter der ehemalige Finanzvorstand von Siemens-Com.

Man gehe davon aus, dass sich die Beschuldigten "zu einer Bande zusammengeschlossen" hätten, um schwarze Kassen einzurichten. Untersucht werde dabei auch Untreue zu Lasten von Siemens. Der Konzern erklärte am Mittwoch, man wolle sich zu den laufenden Untersuchungen der Staatsanwaltschaft nicht äußern.

Möglicherweise noch höhere Schadenssumme

Nach bisherigen Erkenntnissen der Ermittler könnte die Gesamtsumme des in die schwarzen Kassen geleiteten Geldes die offiziell genannten 200 Millionen Euro noch deutlich übertreffen.

Allein über Konten in Salzburg, die bei einer Großrazzia vergangene Woche enttarnt worden waren, sollen nach bisherigen Aussagen von Beschuldigten weit über 100 Millionen Euro geflossen sein. Weitere 35 bis 40 Millionen Euro wurden über Konten in der Schweiz verschoben.

Rund 70 Millionen Euro sind nach Informationen der Süddeutschen Zeitung über drei Konten bei der Raiffeisenlandesbank Tirol AG in Innsbruck in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre geflossen und von dort in zahlreiche Länder weitergereicht worden.

Fast fünf Millionen Euro waren laut sichergestellten Kontoauszügen für hochrangige Persönlichkeiten in Nigeria bestimmt, unter anderem für den ehemaligen Telekommunikationsminister, der vormaligen Direktor der dortigen Telekommunikationsgesellschaft und einen Direktor von Freedom Radio Nigeria. Der afrikanische Staat gilt als eines der weltweit korruptesten Länder.

Fünf Millionen für Goldman Sachs

Eine kleinere Summe ging den Unterlagen zufolge nach Syrien. Eine der größten Einzelzahlungen aus Innsbruck in Höhe von fünf Millionen Euro war für die Investmentgesellschaft Goldman Sachs bestimmt.

Einen Teil des Geldes, das über Innsbruck geflossen ist, hat ein langjähriger Siemens-Angestellter laut eigener Aussage gegenüber den Ermittlern als Mittelsmann in bar von München über die Grenze gebracht und bei der Raiffeisenlandesbank eingezahlt. Der Geldbote sitzt seit vergangener Woche in München in Untersuchungshaft.

Wegen der Konten in Innsbruck ermittelt die Staatsanwaltschaft in Bozen in Norditalien schon seit mehreren Jahren. Sie verdächtigt Siemens, sich in den neunziger Jahren den Einstieg in den italienischen Telekommunikationsmarkt mit einer Schmiergeldzahlung in Höhe von fünf Millionen Euro an einen einflussreichen Manager aus dieser Branche erkauft zu haben. Das Geld war von Innsbruck aus über diverse Umwege nach Italien geleitet worden.

Prüfung des Olympia-Auftrags

Die Staatsanwaltschaft in Athen hat unterdessen Untersuchungen in Griechenland angeordnet. Das gab die Ermittlungsbehörde am Dienstag bekannt. Die Staatsanwaltschaft prüft den Verdacht von Unregelmäßigkeiten beim Auftrag für das Sicherheitssystem der Olympischen Sommerspiele 2004 in Athen, an dem Siemens beteiligt gewesen sein soll. Es geht dabei um ein Projekt in der Größenordnung von 250 Millionen Euro.

© SZ vom 23.11.2006
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