RechenzentrumElf Milliarden Euro für die „digitale Souveränität“

Lesezeit: 3 Min.

„Heute reden wir nicht über Zukunft, wir bauen sie“, sagte Digitalminister Karsten Wildberger im brandenburgischen Lübbenau.
„Heute reden wir nicht über Zukunft, wir bauen sie“, sagte Digitalminister Karsten Wildberger im brandenburgischen Lübbenau.
Frank Hammerschmidt/dpa
  • Die Schwarz-Gruppe investiert elf Milliarden Euro in ein neues Rechenzentrum in Lübbenau im Spreewald, das 2027 teilweise einsatzbereit sein soll.
  • Das Rechenzentrum soll bis zu 100 000 Hochleitungschips für KI-Training beherbergen und die digitale Souveränität Deutschlands stärken.
  • Deutschland verfügt trotz geplanter Kapazitätserweiterungen nur über ein Zehntel der Rechenleistung der USA und hinkt international hinterher.
Von der Redaktion überprüft

Diese Zusammenfassung wurde mit der Unterstützung einer generativen künstlichen Intelligenz erstellt. Lesen Sie mehr über unseren Umgang mit KI.

Fanden Sie diese Zusammenfassung hilfreich?
Mehr Feedback geben

Die Schwarz-Gruppe baut ein neues Rechenzentrum mitten in den Spreewald. Der Digitalminister jubelt. Doch der Weg zur digitalen Souveränität ist noch weit.

Von Vivien Timmler, Lübbenau

SZ bei Google bevorzugen

Der Weg zur Zukunft führt vorbei an Gurkenfeldern. Nichts steht so sehr für den Spreewald wie die Gewürzgurke, schon seit dem 17. Jahrhundert ist ihr Anbau der bedeutendste Wirtschaftsfaktor in der Region. Ihren Anfang nahm die Gurkenkultur in Lübbenau, hier gibt es ein Gurkenmuseum und eine Gurkenmeile, die Hotels tragen Namen wie „Gurkenscheune“ oder „Im Gurkenfass“.

Künftig soll Lübbenau aber noch für etwas anderes stehen. Für Rechen-Power, KI-Technologie und digitale Souveränität. Das Unternehmen Schwarz Digits – eine Tochter der Schwarz-Gruppe, die vor allem für ihre Handelsketten Lidl und Kaufland bekannt ist – hat am Montag mitten im Spreewald offiziell mit dem Bau seines neuen Rechenzentrums begonnen. Elf Milliarden Euro investiert es in den kommenden Jahren in den Standort. Zum Vergleich: In der vergangenen Woche hat Google angekündigt, 5,5 Milliarden Euro in Deutschland zu investieren. Es ist nach eigenen Angaben die größte Einzelinvestition, die die Schwarz-Gruppe jemals getätigt hat.

Rolf Schumann, einer der beiden Geschäftsführer von Schwarz Digits, will die als „Bekenntnis zum Standort Deutschland“ verstanden wissen. „Wir glauben an Europa und wir stehen zu Deutschland“, sagte er. Im Vergleich zum Gesamtkonzern mit seinen 595 000 Angestellten ist die Schwarz-Digitalsparte recht klein, hat gerade einmal 8000 Mitarbeiter. Doch in der Schwarz-Gruppe ist man überzeugt: Hier liegt die Zukunft. Längst ist das Unternehmen kein reiner Handelskonzern mehr, investiert seit Jahren in Cybersicherheit, KI-Projekte und Cloud-Lösungen.

Das geschieht einerseits aus Eigennutz. „Wir rechnen jede Nacht eine Milliarde KI-Entscheidungen allein in der Unternehmensgruppe“, sagte Schumann, vor allem um das eigene Geschäft zu optimieren. Jede Kaufentscheidung eines Lidl- oder Kaufland-Kunden generiert sensible Daten, und die Schwarz-Gruppe will die Hoheit darüber behalten. Er würde diese Daten „nie in die Hände Dritter geben“, sagte Schumann. „Hier schaffen wir die unabhängige und sichere Infrastruktur, die es Unternehmen und Bürgern ermöglicht, die Kontrolle über ihre Daten zu behalten und unsere digitale Zukunft selbstbestimmt zu gestalten.“

Schwarz Digits plant vorerst mit einer Anschlussleistung von 200 Megawatt, es soll aber möglich sein, die Anlage modular zu erweitern. Insgesamt können in Lübbenau bis zu 100 000 Hochleitungschips, sogenannte graphic processing units, kurz GPUs, installiert werden – vor allem, um KI-Modelle zu trainieren.

Die Kräne stehen schon, der Bau hat längst begonnen. Trotzdem fand am Montag ein feierlicher Spatenstich statt.
Die Kräne stehen schon, der Bau hat längst begonnen. Trotzdem fand am Montag ein feierlicher Spatenstich statt.
Frank Hammerschmidt/dpa

Doch die Schwarz-Gruppe wäre nicht die Schwarz-Gruppe, würden dahinter nicht deutlich größere Ambitionen stecken. Seine Cloud-Infrastruktur namens „Stackit“ bietet der Konzern längst auch anderen Unternehmen an, die ihre Daten ebenfalls lieber in der heimischen Cloud wissen als bei sogenannten Hyperscalern wie Amazon, Google oder Microsoft. Zu den Kunden von Schwarz Digits gehören Siemens, der Hamburger Hafen und der FC Bayern, aber auch Banken oder Behörden.

Hinzu kommt, dass die Schwarz-Gruppe unbedingt den Zuschlag für eine von insgesamt fünf Gigafactorys bekommen möchte, die die EU-Kommission an verschiedenen Standorten in Europa unterstützen will. Bis Ende des Jahres soll eine Entscheidung fallen, welche Projekte gefördert werden. „Diese Dimensionen in Lübbenau zeigen, dass auch in Deutschland exzellente Bedingungen und konkrete Beispiele für die seitens EU-Kommission ausgeschriebenen KI-Gigafactorys existieren“, heißt es seitens Schwarz Digits.

Es gehe darum, „die Wahl zu haben und die Kontrolle zu behalten“, sagt der Digitalminister

Und immer wieder fällt in Lübbenau auch der Begriff der „digitalen Souveränität“. Am Dienstag kommen in Berlin die Digitalminister Europas zusammen, um darüber zu diskutieren, wie sie die heimische Digitalwirtschaft stärken und Unternehmen, Behörden und Institutionen unabhängiger von den großen Tech-Konzernen machen können; auch Bundeskanzler Friedrich Merz und der französische Präsident Emmanuel Macron werden teilnehmen. Es ist kein Zufall, dass der offizielle Spatenstich für das neue Rechenzentrum ausgerechnet am Vortag des Gipfels stattfindet; in Wahrheit hat der Bau in Lübbenau nämlich längst begonnen.

Sieben Männer, die Sand schippen: Digitalminister Karsten Wildberger (Mitte) beim Spatenstich für das Schwarz-Digits-Rechenzentrum.
Sieben Männer, die Sand schippen: Digitalminister Karsten Wildberger (Mitte) beim Spatenstich für das Schwarz-Digits-Rechenzentrum.
Frank Hammerschmidt/dpa

„Sie investieren hier und heute in das Rückgrat der digitalen Souveränität Deutschlands“, sagte Bundesdigitalminister Karsten Wildberger (CDU), bevor er sich einen Helm aufsetzte und gemeinsam mit sechs anderen Männern ein bisschen Sand in Richtung der Kameras schippte. Es gehe darum, „die Wahl zu haben“, was mit den eigenen Daten passiert, und „die Kontrolle zu behalten“. Und letzten Endes gehe es auch um Wettbewerbsfähigkeit: Nur mit leistungsfähigen Rechenzentren könne Deutschland im großen Stil KI-Anwendungen einsetzen. „Deutschland braucht Rechen-Power, wenn wir in der ersten Liga bei künstlicher Intelligenz mitspielen wollen“, sagte Wildberger; sein Haus will noch in diesem Jahr eine Rechenzentrumsstrategie vorlegen.

Zur Wahrheit gehört jedoch, dass Europa bei Rechenkapazitäten weiterhin abgeschlagen ist. Das zeigt ein Bericht des Digitalverbands Bitkom. Demnach ist die Gesamtleistung aller Rechenzentren hierzulande in diesem Jahr zwar um neun Prozent auf 2980 Metawatt Anschlussleistung gestiegen; bis 2030 soll sie auf 5040 Metawatt anwachsen. Im internationalen Vergleich kann Deutschland damit aber nicht ansatzweise mithalten. Allein die USA verfügen Bitkom zufolge schon jetzt über das Zehnfache der Rechenkapazitäten, die Deutschland für 2030 plant.

Bis das Rechenzentrum in Lübbenau einsatzbereit ist, wird es noch ein wenig dauern. 2027 sollen drei von sechs geplanten Modulen fertig sein. Das Projekt wird auf einem alten Kraftwerksgelände errichtet; 140 000 Kubikmeter Boden wurden im Vorfeld aufbereitet, 20 000 Kubikmeter Beton und Steine recycelt, wie Schwarz Digits betont – auch, um dem Eindruck entgegenzuwirken, dass Rechenzentren vor allem eine ökologische Belastung sind. Sie benötigen extrem viel Energie, vor allem zum Kühlen. Von 2028 an soll die Server-Abwärme ins Fernwärmenetz eingespeist werden, bis zu 75 000 Haushalte lassen sich so versorgen. Damit am Ende auch der Rest des Spreewalds etwas davon hat.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Rechenzentren und KI-Infrastruktur
:Google will fünf Milliarden Euro in Deutschland investieren

Bis 2029 sollen neue Rechenzentren in Hessen und Büros in Berlin und München entstehen. Vizekanzler Klingbeil sieht darin ein „wichtiges Signal“. Doch eine Frage bleibt: Ist das jetzt digitale Souveränität?

SZ PlusVon Simon Berlin und Vivien Timmler

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: