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Schurken-Erkennungssoftware:Der flüstert doch am Telefon!

Former trader Jerome Kerviel leaves the courthouse in Paris
(Foto: Philippe Wojazer/Reuters)

Alles, was von der Norm abweicht, ist verdächtig: Ein Programm soll Bankhändler erkennen, die Kriminelles vorhaben.

Tom Cruise rennt durch Washington, auf der Flucht vor der Polizei, wegen eines Verbrechens, das er noch nicht begangen hat: Der Film "Minority Report" wurde vor bald 15 Jahren zum Welterfolg. Er zeigt die Zukunft im Jahr 2054, die Polizei kann Mord und Gewalt vorhersehen und verhindern, bevor etwas passiert. Die Verbrechensrate geht gegen Null. Was Steven Spielberg in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts spielen ließ, wird gerade schon Realität: an der Wall Street, in der Londoner City, vielleicht bald auch in Frankfurt. Das versprechen die junge britische Firma Behavox und ihr Gründer Erkin Adylow, 33, ein ehemaliger Goldman-Sachs-Analyst und Hedgefonds-Manager. Seine Software soll Händler entdecken, sobald sie sich verdächtig verhalten - und nicht erst, wenn sie kriminell werden. Man muss an dieser Stelle wieder ein paar Jahre zurückspringen, in die Zeit der Finanzkrise. Damals wurden die irrsten Fälle aus der Welt übergeschnappter Banker bekannt, deren Arbeitgeber nicht mehr recht wussten, was ihre Händler so trieben. Kaum einer ist so berühmt wie der Franzose Jérôme Kerviel: Im Januar 2008 brachte er der Pariser Bank Société Générale einen Verlust von unglaublichen 4,9 Milliarden Euro ein und ging dafür später ins Gefängnis. Es gab Hunderte solcher Fälle, auch vorher schon, viele davon wurden nie publik. Erkin Adylows Geheimnis ist eine Datenbank, die Merkmale ungezählter krimineller Händler aus 16 Jahren Finanzmarktkriminalität enthält. Mit Tausenden Verhaltensdaten, von der Stimmlage beim Telefonieren, der Frequenz von Kantinenbesuchen bis hin zur Zahl der Toilettengänge errechnet das Programm die Wahrscheinlichkeit, dass jemand der nächste Kerviel wird. Jede Abweichung von der Norm ist potenziell verdächtig, zu häufiges Flüstern, eine nervöse Stimme, nächtliche Logins am Arbeitscomputer.

Dabei haben die Banken schon viel getan, die Party ist vorbei, der Glanz alter Zeiten kaum noch zu spüren. Mehr als 200 Milliarden Dollar an Strafen haben Banken in den vergangenen acht Jahren für ihre Vergehen bezahlt, für Geldwäsche und Marktmanipulationen, für Betrug oder unverantwortliche Kreditvergabe wie jetzt die Deutsche Bank.

Und die Regulierer ließen sich ständig neue, schärfere Regeln einfallen. Seit März müssen in Großbritannien Vorgesetzte mit Gefängnisstrafen rechnen, wenn ihre Untergebenen gegen Gesetze verstoßen. Bis zu einem Fünftel des Umsatzes geht heute für Compliance drauf, für die Einhaltung der Regeln. Banken haben Geheimdienstmitarbeiter angeworben, Kriminologen und Ex-Händler eingestellt (und die teuersten Anwälte der Welt angeheuert), um die Kommunikation ihrer Mitarbeiter zu überwachen. Was sich dokumentieren lässt, wird gespeichert.

Das kommt Adylow zupass. Drei Unternehmen, darunter der Hedgefonds Marshall Wallace, setzen die Software ein, einige der größten Banken testen sie. Es gibt zwar ähnliche Programme, aber Behavox geht weiter: Jeder Kunde greift auf die gleiche Datenbank zu, und die entwickelt sich anhand der Kundendaten ständig weiter. "Wenn du nicht weißt, was Deine Mitarbeiter tun, bist du verwundbar", sagte Adylow der Nachrichtenagentur Bloomberg. Mit Behavox weiß man nicht mehr nur, was sie tun. Man weiß offenbar auch, was sie tun werden.