bedeckt München 13°
vgwortpixel

Schuldnerberatung:Sorglos in die Schuldenspirale

Konsum auf Pump kann schnell zur Überschuldung führen.

(Foto: mauritius images)

Immer mehr Menschen in Deutschland geraten in Zahlungsnöte. Doch oft warten sie zu lange, bis sie Hilfe suchen.

Bundesweit hat sich das Problem der Überschuldung erneut verschärft. Laut Schuldner-Atlas, den die Wirtschaftsauskunftei Creditreform einmal im Jahr erstellt, konnten 2016 mehr als 6,8 Millionen Menschen über 18 Jahre ihre Rechnungen nicht bezahlen. Ein Jahr zuvor waren es 130 000 Personen weniger. Diese Entwicklung überrascht, da die wirtschaftliche Lage in Deutschland derzeit besser denn je ist. Nie zuvor in den vergangenen 25 Jahren gab es weniger Arbeitslose. Wie kann es sein, dass in einem solchen Umfeld mehr Menschen in Zahlungsnöte geraten?

Michael Eham, Geschäftsführer der Schuldnerhilfe Köln, weiß aus mehr als 25-jähriger Tätigkeit, warum Menschen in finanzielle Not geraten. Sein Team umfasst 20 Mitarbeiter - Sozialpädagogen, Juristen, Kaufleute. Zum einen verweist er darauf, dass viele Menschen im Niedriglohnbereich arbeiten und es viele Langzeitarbeitslose gibt - beides Personengruppen, die wenig finanzielle Reserven haben und bei unerwarteten Ausgaben schnell in Schwierigkeiten geraten. Doch Eham ergänzt: "Das Problem der privaten Überschuldung hat inzwischen auch die Mittelschicht und viele kleine Selbständige erreicht." Zum anderen beobachtet Eham eine zunehmende Sorglosigkeit: "Auf Pump leben, ist normal geworden."

Am Anfang stehe häufig ein ständig überzogenes Girokonto. Das beunruhige zunächst kaum einen der Betroffenen. Sie trösteten sich damit, dass mit der nächsten Gehaltszahlung alles wieder im Lot sei. "Dann wird eine größere, unerwartete Ausgabe fällig, weil vielleicht die Waschmaschine oder das Auto kaputt ist und schon gerät das Budget erstmals aus den Fugen." Wenn dann plötzlich der Arbeitsplatz verloren gehe, ein Unfall passiere oder die Ehe geschieden werde, sei der Weg in die Überschuldung nicht weit. Laut Schuldner-Atlas gibt es immer mehr Fälle mit hohem Schadenvolumen, bei denen der Schuldner sein gesamtes Vermögen mit eidesstattlicher Versicherung offenlegen muss. "Oft müsste es gar nicht so weit kommen, wenn sich die Betroffenen früher helfen lassen würden", sagt Eham. Er zeigt eine Grafik mit einem Zeitstrahl, auf dem die Stationen eines typischen Überschuldungsprozesses illustriert sind. "Zwischen dem üblichen "worst case" (Arbeitslosigkeit, Krankheit, Scheidung) und dem Aufsuchen einer Schuldnerberatung, vergehen üblicherweise drei Jahre. In der Zwischenzeit hat es Mahnverfahren, Vertragskündigungen, Pfändungen und Zwangsvollstreckungen gegeben. Warum kommen die Schuldner erst, wenn fast nichts mehr geht? "Ignoranz, Scham und die Hoffnung, es doch noch irgendwie aus eigener Kraft zu schaffen", meint Eham.

Er versucht seit langem, möglichst früh mit Schuldnern in Kontakt zu kommen. Ein erster Schritt war vor zehn Jahren die Einrichtung der "Schuldenhelpline", der ersten bundesweiten Schuldnerberatungs-Hotline. Unter der Rufnummer 0180 - 456 4564 können sich Betroffene Rat holen, wenn etwa die Stadtwerke die Stromversorgung einstellen, eine fristlose Kündigung der Wohnung droht oder sich der Gerichtsvollzieher angesagt hat. Am Telefon, und falls gewünscht anonym, fällt es vielen Menschen leichter, über ihre Probleme zu sprechen.

Für die Mitarbeiter der Schuldnerhilfe Köln geht es dann zunächst darum, Transparenz in die Situation zu bringen: Wie viele Gläubiger gibt es? Wie hoch sind die Gesamtverbindlichkeiten? Welche Rate kann der Schuldner leisten? Dann machen sie sich daran, mit den Gläubigern Kontakt aufzunehmen und eine Lösung auszuhandeln. Ehams nächste Idee war, die Gläubiger mit ins Boot zu holen, um noch früher mit Schuldnern in Kontakt zu kommen. "Denn die Gläubiger wissen als Erste, wenn ihre Vertragspartner in finanzielle Probleme geraten." So hat die Schuldnerhilfe Köln Wohnungsunternehmen, Krankenversicherern, Energieversorgern und Geldinstituten eine Zusammenarbeit vorgeschlagen. Zunächst eher defensiv, so wie es der Datenschutz vorschreibt. Denn die Firmen dürfen keine persönlichen Daten weitergeben.

Seit zwei Jahren kooperiert die Düsseldorfer Immobiliengesellschaft LEG mit Eham und seinem Team. Jedem Schreiben an Mieter in Nordrhein-Westfalen, in dem die LEG eine fristlose Kündigung ausspricht, legt sie einen Flyer der Schuldnerhilfe Köln bei. Darin bieten die Experten eine kostenlose Telefonberatung an und versprechen: "Wir helfen Ihnen dabei, Ihre Wohnung zu behalten." Etwa jeder siebte Schuldner wählt die Nummer. Die Erfolge sprechen für sich: In 80 Prozent der Fälle hat die LEG die fristlose Kündigung zurückgezogen. Noch in der Startphase befinden sich die bundesweit angelegten Kooperationen mit dem Energieversorger Eon und einem großen privaten Krankenversicherer. Auch mit einigen Sparkassen im Rheinland ist Eham im Gespräch.

"Wir könnten noch effektiver arbeiten, wenn wir Schuldner von uns aus ansprechen könnten", meint der Geschäftsführer. Doch das verbietet das Datenschutzgesetz - noch. Mit der möglichen Überführung europäischer Bestimmungen in nationales Recht könnte sich das ändern.

Die Arbeit wird Schuldnerhelfern so rasch nicht ausgehen. Dafür sorgt auch die Altersüberschuldung, die immer mehr Menschen jenseits der 60 trifft. Experten erklären dies mit einer mangelhaften Altersvorsorge und körperlichen Gebrechen, die es irgendwann nicht mehr erlauben, etwas hinzuzuverdienen. So hat die Zahl überschuldeter 70-Jähriger zuletzt um 16 Prozent zugenommen. In der Altersgruppe der 60- bis 69-Jährigen registrierten die Wirtschaftsforscher ein Plus von sieben Prozent auf 504 000 Fälle. Am meisten überschuldete Personen gibt es in der Altersgruppe 30 bis 39 Jahre (1,88 Millionen), gefolgt von der Gruppe der bis 30-Jährigen (1,66 Millionen). Gründe sind hier oft Konsumschulden.

Und was rät Schuldnerberater Eham, um solche Situationen zu vermeiden? Es klingt banal: Nichts auf Pump kaufen und sich nicht schon mit 18 Jahren an einen ständig ausgereizten Dispo gewöhnen. Und: Wenn Land unter ist, frühzeitig professionelle Hilfe holen.

© SZ vom 08.04.2017
Zur SZ-Startseite