Schuldneratlas Wie die Deutschen in die Überschuldung rutschen

  • In Deutschland sind knapp sieben Millionen Menschen überschuldet.
  • Auslöser dafür ist immer seltener eine plötzliche Arbeitslosigkeit, sondern Erkrankungen, Sucht oder Unfälle.
  • Viele Betroffene fallen in eine regelrechte "Schockstarre". Andere überspielen die Krise, doch auch das kann gefährliche Folgen haben.

Deutschlands Wirtschaft läuft prächtig, aber dennoch nimmt die Zahl der überschuldeten Menschen in Deutschland zu. Viele Bürger leben über ihre Verhältnisse oder können aufgrund von Arbeitslosigkeit oder Krankheit ihre Kredite nicht mehr zurückzahlen. Das zeigt der sogenannte Schuldneratlas, den die Wirtschaftsauskunftei Creditreform jährlich präsentiert.

Auffällig ist: In Bayern haben sich in diesem Jahr mehr Bürger neu überschuldet als in jedem anderen Bundesland. Sie haben also so viele Schulden aufgehäuft, dass sie sie voraussichtlich auch langfristig nicht mehr abstottern können. Zwar hat der Freistaat nach wie vor die bundesweit geringste Überschuldungsquote, mit 22 000 neuen Fällen gibt es aber in keinem anderen Bundesland so viele Neuverschuldungen. Im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen etwa sind es 17 000 neue Überschuldungsfälle, in Baden-Württemberg 10 000.

Deutschlandweit hat die Zahl überschulderter Menschen ebenfalls zugenommen, und zwar um 65 000 Fälle. Damit haben derzeit insgesamt 6,9 Millionen Menschen Kredite von zusammengerechnet 209 Milliarden Euro aufgehäuft. Die mittlere Schuldenhöhe der Überschuldeten liegt bei etwa 30 200 Euro. Sie ist in den vergangenen Jahren gesunken, 2014 etwa lag sie noch bei 34 500 Euro.

Die meisten überschuldeten Personen leben übrigens in Bremerhaven - die Überschuldungsquote liegt dort bei 20,79 Prozent.

Überschuldung kann laut der Studie viele Ursachen haben: Dazu zählen Arbeitslosigkeit, Krankheit, Scheidung, Sucht oder Unfälle. Noch immer ist die Gefahr besonders groß, wenn Menschen ihre Arbeit verlieren: Rund ein Fünftel aller Überschuldungsfälle sind auf Arbeitslosigkeit zurückzuführen. Auf einen Zeitraum von zehn Jahren gesehen treten die sogenannten ökonomischen Auslöser wie eben Arbeitslosigkeit oder eine gescheiterte Selbstständigkeit jedoch seltener auf. Deutlich zugenommen hat hingegen das Risiko, durch Erkrankung, Sucht oder Unfall in die Überschuldung zu rutschen.

Immer häufiger sind es zudem ältere Menschen aus der Mittelschicht, die in eine Überschuldungsspirale geraten. Fast alle neuen Fälle stammten aus der Mitte der Gesellschaft, wie aus der Studie hervorgeht, vier von fünf neu überschuldeten Menschen sind außerdem älter als 50 Jahre. Die Zahl überschuldeter Personen unter 30 Jahren hingegen nahm im vergangenen Jahr ab.

Überschuldung führt häufig zu einer "Schockstarre"

Creditreform hat "die angegriffene Mitte" im diesjährigen Schuldneratlas zum Sonderthema gemacht. Eingehend beschreiben die Experten, was Überschuldung neben den reinen finanziellen Problemen für die Betroffenen für Konsequenzen hat. Vor allem greife sie die Identität als Mittelschichtsangehörige an. Sie werde als "massiver Einschnitt in das normale Leben" wahrgenommen und führe oft genug in eine "Schockstarre".

Bei einigen Betroffenen trifft im Fall einer Überschuldung aber auch das genaue Gegenteil einer Schockstarre ein: Sie versuchten trotz aller Einschränkungen, Strategien entwickeln, um ihre gesellschaftliche Position zu erhalten. Dies führe gleichzeitig auch dazu, dass Überschuldung in der Mittelschicht oft ein unsichtbares Phänomen bleibe. Die Menschen nähmen dafür jedoch große Anstrengungen auf sich, beispielsweise wenn sie trotz Berufstätigkeit Nebenjobs annehmen, um ihren Lebensstandard halten und ihre Zugehörigkeit zur Mittelschicht demonstrieren zu können. Das könne etwa der Besuch der Kinder auf einer Privatschule sein - oder auch nur der Kauf von Bioprodukten, um die eigene gesunde Lebensweise zu unterstreichen. Mitunter seien diese Anstrengungen sogar so groß, dass sie in Einzelfällen bis zum psychischen Zusammenbruch führten.

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