Schuldenkrise in Griechenland "Unternehmer geben nicht so leicht auf - sie kämpfen"

Sorgen beherrschen den Alltag der Griechen. Aufgeben wollen sie trotzdem nicht.

Von Michael Kuntz und Mike Szymanski, Chania/Athen

Eine Schranke trennt diese beiden Welten. Draußen ist das Athen, in dem die Griechen Schlange stehen vor den Geldautomaten. Jeder bekommt nur noch 60 Euro am Tag. Und hier drinnen, im Yachthafen, blendet der Reichtum die Augen. Schiff an Schiff, so viel weißer Lack, so viel Chrom. So wenig Sorgen, offenbar. "Bitte nicht fotografieren!" steht auf einem Schild und ein Sicherheitsdienst überwacht peinlich genau, dass auch wirklich jeder sich daran hält.

Unter den Sonnenschirmen eines Cafés wird gegessen, getrunken und gelacht. Es ist Tag 1 nachdem die Regierung beschlossen hat, die Banken vorerst nicht mehr zu öffnen und Kapitalkontrollen einzuführen. Die Wirtschaft kommt zum Erliegen. Krise, ja, aber nicht hier im Yachthafen.

Unternehmensberater John Anagnostopoulos in Athen

(Foto: Mike Szymanski)

"Unternehmer geben nicht so leicht auf - sie kämpfen"

Oder doch? John Anagnostopoulos, hochgekrempeltes Jeanshemd, Sonnenbrille sagt: "Nein, nicht hier drinnen." Damit jetzt kein falscher Eindruck einsteht: Er lebt zwar hier, "Marina Flisvos" heißt dieser Ort, er nennt ihn seinen Rückzugsraum, weil jeder mal entspannen sollte. Er besitzt kein Schiff. Und zu den Superreichen gehört er auch nicht. Dafür ist er sich sicher, dass er mehr Steuern als mancher Yachtbesitzer zahlt. Er hat Arbeit und auch nicht wenig davon. Er ist Unternehmensberater, 59 Jahre alt, und wenn Firmen in Not geraten, dann laufen seine Geschäfte in der Regel ganz gut. "Unternehmer geben nicht so leicht auf", sagt er. "Sie kämpfen."

Jetzt läuft der Überlebenskampf für ganz Griechenland.

Wenn man ihn fragt, wie es ihm an diesem Tag geht, dann sagt er: "Ich habe so etwas noch nicht erlebt. Wir wissen nicht, was kommt. Ist das erst der Anfang?" Geschlossene Banken, begrenztes Bargeld am Automaten. "Bis Freitag war das eine Option. Jetzt ist das die Realität."

Übertriebener Egoismus verschärft die Lage

Eine Realität, die Iannis, 24, zumindest vorübergehend akzeptieren kann. Er arbeitet in einem Luxushotel an der touristisch geprägten Nordküste von Kreta. An diesem Montag scheint die Sonne auf der Insel so wie immer - Schulden-Drama hin oder her. Iannis hat trotz der Krise nicht extra viel Bargeld gehortet. Er hat zwar sein Auskommen durch den Job, zählt aber keineswegs zu den Großverdienern.

Von 60 Euro lassen sich die normalen Ausgaben eines Tages durchaus bezahlen, sagt er. Und jetzt, wo sich die Finanzkrise des griechischen Staates dermaßen zugespitzt hat, findet er es ganz in Ordnung, dass die Regierung die Plünderung der Banken durch viele Bürger beendet hat. In den Tagen vor der Maßnahme waren jeweils mehrere hundert Millionen Euro in bar abgehoben worden. So konnte es nicht weitergehen, sagt Iannis. In dieser schwierigen Situation sollte jeder einen persönlichen Beitrag leisten und die Lage nicht durch übertriebenen Egoismus zusätzlich verschärfen.

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"Die Lieferanten wollen Cash"

Egoismus kann UnternehmensberaterAnagnostopoulos in seinem Verhalten nicht erkennen. Am Sonntag ist auch er spät am Abend noch aus dem Haus gegangen: Geld holen.

Fünf Automaten hat er abgeklappert, bis er endlich an Geld kam. 500 Euro, am Sonntag ging das noch. Das soll die nächsten Tage reichen. Das Auto wollte er noch auftanken. Die Schlange mit 20 bis 25 Wägen war ihm aber zu lang. Er hat ja auch noch anderes zu tun.

Seine Kunden rufen an, jetzt brauchen sie seinen Rat ganz dringend. "John, wie sollen wir unsere Lieferanten zahlen, wenn die Banken dicht sind?" Der Berater kümmert sich um viele kleine Firmen, oft mit nur zehn Angestellten. Wenn überhaupt. Wenn die was brauchen, müssten die in der Regel sofort zahlen. "Die Lieferanten wollen Cash."

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Zehn Jahre zum Aufholen

Anagnostopoulos ist Geschäftsmann. Er kann die Kreditgeber verstehen. "Sie wollen ihr Geld. Ich will als Unternehmer auch mein Geld." Aber ist die Europäische Union nicht mehr als eine Finanzbeziehung? Vergangene Woche war er mit seiner Frau auf dem Syntagma-Platz demonstrieren. Für den Verbleib im Euro, für Europa. Aber: Wo bleibt die Solidarität, fragt er sich. Zu verlangen, die Renten abermals zu kürzen, empfindet er als "nur noch grausam".

Er hat sich fast schon damit abgefunden, dass sich die Lage so schnell nicht bessern wird. Zehn Jahre, glaubt er, wird Griechenland brauchen, um nur das Niveau von vor der Krise wieder zu erreichen. Keine schöne Perspektive. Sie reden zuhause am Esstisch darüber. Seinem Sohn, der seit einem Jahr auf Jobsuche ist, empfiehlt er, wegzugehen aus Griechenland. "Suche im Ausland dein Glück", habe er ihm gesagt. Und dies: "Aber komm' wieder. Die Alten werden das Land nicht aufbauen können."