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Schuldenkrise:Europas Springteufel

Ein radikaler Schlussstrich kann Europas Schuldenkrise nicht lösen. Zwar ist Griechenland ohne teilweisen Schuldenerlass nicht zu retten. Noch ist es dafür aber zu früh - die Konsequenzen einer Staatspleite wären verheerend. Europa muss Zeit gewinnen und Panik vermeiden. Dafür braucht es eine straffe politische Führung. Doch genau die fehlt.

In diesen tumulthaften Wochen der Rettung - oder gar Vernichtung - des Euro steigt das Bedürfnis, das Problem mit einem Schlag aus der Welt zu schaffen. Die Advokaten dieser Schlussstrich-Politik bedienen einen populären Instinkt, sie werden von immer mehr Menschen (gerade in Deutschland) unterstützt, denen die Krise zu kompliziert wird und bei denen das Gefühl wächst, sie würden im europäischen Währungsgeschäft über den Tisch gezogen.

Protest-Masken auf dem Syntagma-Platz in Athen. Europa muss in der Schuldenkrise Panikreaktionen vermeiden

(Foto: AFP)

Wie Springteufelchen federn die Problemländer empor, obwohl man sie gerade erst in ihre Rettungskisten gezwängt hatte: Italien, Irland, Portugal, vielleicht wieder Spanien. Und über allem hängt der Oberteufel Griechenland, mit dem einen Pakt zu schließen unmöglich ist. Das Land hat so viele Schulden angesammelt, dass selbst ein ökonomisches Wunder und der demutsvolle Verzicht aller griechischen Beamten auf Zuschläge fürs Händewaschen nicht ausreichen würden, eine funktionierende Volkswirtschaft auf die Füße zu stellen.

Wer diese Wut schürt und eine Schlussstrich-Politik betreibt, der behauptet also, mit einem griechischen Staatsbankrott oder einer Teilentschuldung wäre man alle Sorgen los. Die besonders Radikalen meinen gar, man solle diese Länder aus der Euro-Zone werfen. Damit würden sich die Probleme schon lösen.

Das Gegenteil ist der Fall. Wer Griechenland jetzt in den Bankrott treibt, der löst eine nicht zu beherrschende Kettenreaktion aus. Ähnlich einer Kernschmelze lässt sich der Prozess dann nicht mehr aufhalten. Banken würden kollabieren, andere Länder in Europa von dem Bankrott-Bazillus angegriffen. Und wer jetzt ein Euro-Mitglied opfert, der gibt gleich die nächsten zum Abschuss preis. Am Ende dieser Verhängniskette steht die EU insgesamt zur Disposition.

Die bisher propagierte Alternative ist aber ebenso unrealistisch: Griechenland wird auf Dauer durchgefüttert, ein Rettungspaket löst das nächste ab, und der Schutzschirm wird nebenbei so weit ausgedehnt, dass etwa Italien mit seinem Schuldenberg darunter Platz findet. Von dieser Idee haben die Finanzminister am Montag Abschied genommen. Ein Schutzschild für Italien ist schlicht in der nötigen Größe nicht zu finanzieren. Und ein Dauerabonnement auf griechische Care-Pakete wird kein politisch Verantwortlicher in Europa durchsetzen können. Das zweite Unterstützungspaket für Griechenland mag noch mit Druck und Nötigung die Parlamente passieren. Danach aber greift, siehe oben, das zentrale Argument: Die griechische Volkswirtschaft wird ihre Schulden aus eigener Kraft nicht begleichen können.