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Schuhmarkt:Viele Füße stecken in Sneakers

(Foto: Getty Images)

Der Schuhmarkt hat sich stark verändert. Die klassischen Straßenschuhe geraten aus der Mode. Das hat auch Folgen für ein Unternehmen wie Collonil, das von der Schuhpflege lebt.

Hier putzt der Chef noch selbst. Frank Becker drückt aus einer Tube Paste auf ein Tuch und wischt damit über die weiße Seitensohle seiner Ledersneakers von Tod's. Viel kommt dabei nicht heraus: Das Tuch verfärbt sich kaum, ein Indiz dafür, dass die Schuhe sauber sind. Aber so gehört sich das ja auch für den Chef einer Firma, die seit mehr als 100 Jahren aufs Schuheputzen spezialisiert ist. Becker ist geschäftsführender Gesellschafter von Collonil, jener Marke, deren Pflegeprodukte häufig in Schuhgeschäften an der Kasse zu finden sind, neben Marken wie Bama, Kiwi, Erdal, Burgol oder Saphir.

Der klassische Herren-Schnürschuh ist nicht mehr in

Deutsche Männer lassen sich beim Thema Schuheputzen grob in drei Gruppen einteilen: Eine große Gruppe macht es gar nicht oder lässt machen, eine weitere große Gruppe sieht es als lästige Pflicht und macht es widerwillig, eine kleinere Gruppe aber entwickelt große Freude an dem Tun und seinen Folgen: tippitoppi gepflegte Schuhe. Frank Becker gehört zur dritten Gruppe, und das nicht nur wegen seines Jobs. "Ich habe meine Schuhe immer selbst geputzt, das hat mir schon meine Mutter beigebracht", sagt er. Noch heute putzt er die Schuhe für die gesamte Familie, und die ist nicht klein: er, Frau, drei Töchter und ein Sohn. Das hat auch professionelle Gründe: Becker muss eigene Produkte und solche von der Konkurrenz ausprobieren.

Klar, dass dann nicht viel dabei herauskommt, wenn er über seine Seitensohle wischt. Aber das soll ohnehin eher Demonstrationszwecken dienen: Becker führt damit ein neueres Produkt aus seiner Kollektion vor, das weiße Sohlen reinigt. Es ist ein Beispiel dafür, wie sich der Schuhmarkt verändert und wie sich seine Firma darauf einstellt.

Es gibt nämlich immer mehr solcher weißer Sohlen. Auf der Straße hat man manchmal sogar den Eindruck, dass es bald keine anderen Sohlen mehr gibt als die von Sneakers, jenen leichten Sportstraßenschuhen, die in den vergangenen Jahren einen unvergleichlichen Siegeszug in der westlichen Welt angetreten haben. "Der Schuhmarkt hat sich stark verändert, wir haben eine Sneakerisierung der Gesellschaft", sagt Becker. Der Trend hat sich von Japan aus über die USA ausgebreitet und inzwischen auch den letzten Winkel Europas erfasst.

Es ist die größte Revolution, die es auf dem Schuhmarkt je gegeben hat. "Der Umsatz mit Schuhen liegt in Deutschland seit Jahren konstant bei etwa sieben Milliarden Euro", sagt Becker. Doch er verlagert sich und fließt nun verstärkt Sneaker-Herstellern wie Adidas, New Balance oder Nike zu, auch edleren Marken wie Tod's, Hogan oder Santoni. Und er fließt weg vom klassischen Herren-Schnürschuh mit Ledersohle. Marken wie Lloyd's, Rieker oder Ara haben es nicht einfach.

Die Sneakers-Welle verändert auch die Art, Schuhe zu kaufen

Collonil-Chef Becker muss sich darauf einstellen. "Von Lederschuhen allein kann mein Unternehmen nicht mehr leben, wir müssen in den Sneaker-Markt gehen", sagt er. Seine Antwort ist zum Beispiel eine Tube, die dafür sorgt, dass die weißen Sohlen von Sneakers auch weiß bleiben. Oder eine Allround-Produktlinie, die sich zum Reinigen, Pflegen und Schützen von klassischen Sneaker-Oberflächen eignet: Textil und Velours. Oder eine Innenreinigung für Sneakers. Oder eine vegane Pflegeserie, die Bambusextrakt und Olivenöl enthält.

Die Sneakers-Welle verändert auch die Art, Schuhe zu kaufen. Da sie weich und anschmiegsam sind, muss man sie nicht mehr unbedingt im Laden probieren wie Lederschnürer. "Es ist ein einfaches Produkt, es passt fast immer", sagt Becker. Und so kann man sie sich einfach zuschicken lassen, probieren und gegebenenfalls wieder zurückschicken - eine Tatsache, die den enormen Erfolg von Online-Versendern wie Zalando fördert.

Eine Folge davon ist das, was Becker "die fortgesetzte Entlaubung des Einzelhandels" nennt: Der Umsatz in den Schuhgeschäften geht zurück, immer mehr Läden kämpfen ums Überleben. Damit wird es auch für eine Traditionsmarke wie Collonil schwieriger. "Unsere Produkte werden nur selten für sich gekauft, sondern zusammen mit dem Schuh", sagt Becker. Fast niemand gehe gezielt in ein Geschäft oder suche im Internet nach einer Schuhcreme. Und der Vertrieb allein für die Schuhpflege lohnt sich kaum, dazu sind die Versandkosten zu hoch. Wenn Kunden aber immer weniger in die Läden kommen, sehen sie auch die Produkte von Collonil seltener.

Becker behilft sich, indem er stärker mit Online-Plattformen wie Zalando, Amazon oder Shoepassion zusammenarbeitet: Wer bei dem Online-Händler Schuhe bestellt, kann dazu auch Pflegeprodukte von Collonil kaufen. "Ein nicht unerheblicher Umsatzträger im Online-Geschäft ist auch die Aufbereitung zurückgeschickter Schuhe von Online-Händlern", sagt er. Diese kommen manchmal mit Gebrauchsspuren zurück - verkratzt, verschmutzt oder abgenutzt. Und da die Rücknahmegarantie ein Grundprinzip der Online-Versender ist, werden die Schuhe wieder wie neu gemacht. In der Branche, so heißt es, kursieren inzwischen auch schwarze Listen: Wer es mit dem Vielbestellen übertreibt, kann sich nur noch höchstens ein Paar zuschicken lassen.

Becker will den Online-Trend künftig noch stärker für sich nutzen. Dazu baut er gerade eine eigene Abteilung mit neun jungen Leuten auf, die in den sozialen Medien zu Hause sind. "Wir brauchen viel digitales Wissen, es nur nebenher zu machen, reicht nicht mehr", sagt er. Im nächsten Jahr feiert der Schuhputz-Chef 20 Jahre Betriebszugehörigkeit: Er kam 1998 zu Collonil. Das Berliner Unternehmen, 1909 gegründet und unter anderem mit ledernen Halteriemen für Zeppeline groß geworden, steckte damals in der Krise, vor allem weil die Berlin-Förderung ausgelaufen war. "Der Begriff Effizienz ist in Berlin nicht immer und überall stark besetzt", merkt er spitz an. Da war er gefragt, ein Sanierungsexperte, der vorher schon eine portugiesische Gerberei saniert hatte. Becker halbierte die Zahl der Mitarbeiter auf 120. Heute steht Collonil wieder gut da. Der Umsatz wächst, zuletzt waren es etwa 40 Millionen Euro im Jahr, zwei Drittel davon im Ausland, Eigenkapital- und Umsatzrendite nennt Becker "erfreulich".

"In der digitalen Welt muss man wahnsinnig aufpassen, man kann schnell den Anschluss verlieren", sagt er. Damit das nicht passiert, segelt der gebürtige Bremerhavener immer stark am Wind: Er ist eine Partnerschaft mit dem Sneakers-Guru Hikmet Sugoer eingegangen, der die Edelmarke Sonra gründete. Zuletzt erfüllte er sich einen Jungenwunsch: eine Partnerschaft mit Werder Bremen, seinem Fußballverein des Herzens. Fußballschuhe müssen schließlich auch geputzt werden.