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Schürfgewinne:Der Traum vom neuen Gold

Illustration: Stefan Dimitrov

Als der Bitcoin fiel, schichteten viele Fans ihre Spekulationsgewinne in das Edelmetall um - kein Zufall, denn die Kryptowährung und das Metall haben einiges gemein.

Es ist noch nicht lange her, da lachte die halbe Welt über die Brüder Cameron und Tyler Winklevoss. Aus gutem Grund: Die Zwillinge haben sich von Mark Zuckerberg übers Ohr hauen lassen. Der Facebook-Gründer soll ihnen die Idee für das soziale Netzwerk geklaut haben. Zumindest behaupten sie das. 2004 einigte man sich außergerichtlich. Zuckerberg zahlte den Brüdern als Entschädigung 65 Millionen Dollar - gemessen am heutigen Börsenwert von Facebook ein katastrophaler Deal.

Aber die Winklevoss-Brüder hatten plötzlich viel Geld übrig, das sie relativ früh in Bitcoin steckten. 2012, als die Kryptowährung noch so gut wie niemand kannte, investierten sie einen zweistelligen Millionenbetrag. Eine Entscheidung, die sich Jahre später auszahlte. Die Brüder gelten heute als die ersten Krypto-Milliardäre. Trotzdem lachen gerade wieder viele Menschen über Cameron und Tyler Winklevoss. Die Brüder denken nämlich nicht daran, ihr Bitcoin-Vermögen zu verkaufen.

"Wir glauben, dass es die beste Investition der Welt ist", sagte Tyler Winklevoss kurz vor Weihnachten. Da zeichnete sich bereits ab, dass es mit der Kursrally der Bitcoins erst Mal vorbei sein würde. Kurz darauf stürzte die Kryptowährung tatsächlich ab. Doch aus Sicht der Brüder ist das halb so wild, sie machen eine andere Rechnung auf: Verglichen mit Gold, sei der Bitcoin noch immer radikal unterbewertet. Momentan komme er nur auf eine Marktkapitalisierung von 160 Milliarden Dollar. Aus Sicht der Winkelvoss-Zwillinge müsste es schon bald viel mehr sein, rund 7000 Milliarden Dollar nämlich, so viel wie alles verfügbare Gold der Welt im Moment wert ist.

Ein Algorithmus legt genau fest, dass es nur 21 Millionen Münzen gibt.

Hartgesottene Kryptofans sehen das genauso. Sie sprechen inzwischen nur noch vom digitalen Gold, obwohl sie eigentlich Bitcoin meinen. Der Grund: Ähnlich wie bei einem seltenen Edelmetall ist die Anzahl der digitalen Bitcoin-Münzen beschränkt und lässt sich auch nicht beliebig vermehren. Im Gegenteil, ein Algorithmus legt genau fest, dass es nur 21 Millionen Bitcoin-Münzen gibt. Der Algorithmus gilt als kompliziert und ziemlich sicher, bisher hat es niemand geschafft, ihn zu knacken. Aus Sicht der Befürworter Grund genug, dem neuen Geld aus dem Internet Vertrauen zu schenken.

"Noch sind viele Menschen in Gold verliebt. Die Liebe wird aber weniger, weil man sich nun auch in Bitcoins verliebt", erklärte Rohstofflegende Jim Rogers schon Anfang des Jahres in einer Marktkolumne. Ein Alarmsignal, denn Rogers wird ähnlich wie Warren Buffett zur Börse immer dann gern zu Edelmetallen gefragt, wenn es eng wird. Noch halte er Gold, aber er kaufe nicht mehr zu, sagt Rogers. Bringt der Bitcoin also nun nach zehn Jahren das Ende der Goldhausse?

Guckt man auf die Kurse, muss diese Entscheidung zwar erst mal vertagt werden. Denn die Bitcoin-Blase platzte, der Kurs der Kryptowährung stürzte ab und hat sich bisher nur wenig erholt. Der Goldpreis dagegen hält sich nur wenig unterhalb eines Mehrjahres-Hochs von Sommer 2016. Dafür war und ist ein ganz neues Phänomen zu beobachten: Nicht wenige Bitcoin-Spekulanten suchten den Weg heraus aus den Kryptowährungen - ausgerechnet zurück zum traditionellem Edelmetall. "Ein neuer Trend ist der Tausch von Bitcoins in Gold", heißt es in einem Marktbrief des Goldhändlers Pro Aurum Ende Januar. Auch beim Marktführer Degussa beobachtete man in den vergangenen Wochen: "Einige Anleger haben ihre Bitcoin-Gewinne offenbar rechtzeitig realisiert, und nicht wenige tauschten ihr Cash dann in Gold um", sagt Wolfgang Wrzesniok-Roßbach, Geschäftsführer bei Degussa Goldhandel in Frankfurt. Dies ist nicht immer direkt möglich, aber es wird gemacht, über New York, London, in Asien - das Bitcoin-Kapital lässt sich kaum von regionaler Regulierung lenken.

Zudem gibt es seit einiger Zeit Überlegungen, eine goldgedeckte Kryptowährung zu etablieren, die doppelte Sicherung sozusagen, vor dem vielen zu unsicher gewordenen Staatsmonopol auf Papiergeld. "Das ist der Versuch, sozusagen durch die Hintertür über eine neue Privatwährung den Goldstandard wieder einzuführen", erklärt Wrzesniok-Roßbach. Ob es jemals dazu kommen wird? Unklar. Seriöse Prognosen wagt kaum jemand. Denn eigentlich sorgt in der Kryptowelt schon der Computer für die Verknappung digitaler Münzen.

Manche denken sogar über eine goldgedeckte Kryptowährung nach

Zwei Eigenschaften haben Gold und Bitcoin dennoch gemein. Beide sind - anders als Papiergeld - in der Menge nicht beliebig vermehrbar. Gold wird im Bergbau gewonnen, Bitcoins werden über aufwendige Rechnerkapazitäten vermehrt, "geschürft", wie es so schon in Analogie zur arbeitsintensiven Goldindustrie genannt wird. Und: Beides ist eben privates Geld, es wird also nicht von einer Instanz wie den Notenbanken gesteuert. Den Preis für Bitcoin wie für Gold regelt der Markt. Die Sehnsucht hiernach kam besonders in den Folgejahren der Banken- und Finanzkrise auf, als die großen Zentralbanken per überdimensionierter Geldvermehrung alles daran setzten, einen Kollaps des Weltwährungssystems zu verhindern. Den Preis dafür bekommen Anleger in Europa heute noch zu spüren: Praktisch null Zins auf sichere Geldanlagen.

In Amerika, wo wesentlich mehr mit Kryptowährungen gezockt wurde als hierzulande, hat sich die Zinssituation seit einigen Monaten erholt, zehnjährige Staatsanleihen rentieren sich immerhin nun wieder mit 2,8 Prozent. Prompt verkauften vor allem viele US-Bürger zuletzt vermehrt ihre Goldfonds, und auch in Bitcoins blieben deutlich weniger Menschen investiert. "Es ist interessant zu sehen, wie eine moderne Digitalwährung zurück in die älteste Währung der Welt getauscht wird. Jetzt bin ich gespannt, ab welchem Niveau die Anleger den umgekehrten Weg gehen und Gold wieder verkaufen, um in Bitcoin umzuschichten. Derzeit zeichnet sich das aber nicht ab", beobachtet Robert Hartmann, Gründer des Edelmetallhändlers Pro Aurum.

Das letzte Wort ist also längst nicht gesprochen im Zweikampf Gold versus Bitcoin. Tyler Winklevoss und sein Zwillingsbruder bleiben bei der Prognose, dass Bitcoins im Vergleich zum Edelmetall deutlich unterbewertet seien. Sie glauben auch nach dem Kurssturz unbeirrt daran, dass die Kryptowährung und Gold in zehn bis zwanzig Jahren auf demselben Niveau liegen - weit oberhalb der heutigen Kurse natürlich. Nur bei einer Sache ist sich Tyler Winklevoss inzwischen nicht mehr sicher: ob er dann sein Bitcoin-Vermögen verkauft.

© SZ vom 20.03.2018
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