bedeckt München

Schrempps Rücktritt:Der Leitwolf schleicht davon

Er durchschlug Knoten, hakte ab, steckte weg, zog Schlussstriche, aber radikal. Ganz nach seinem Leitmotto: "Nie grau - immer schwarz oder weiß." Er zerlegte den "integrierten Technologiekonzern" seines Vorgängers Edzard Reuter wieder in seine Bestandteile, verkaufte alles, was ihm nicht ins Kerngeschäft Auto passte - Fokker, Dornier, AEG zum Beispiel.

Es war die Zeit, da sein Aufsichtsratsvorsitzender Kopper ihn als "Leitwolf" und "maximo lider" pries. Entsprechend benahm sich Jürgen Schrempp auch. In dieses Jahr 1995 fiel auch jene Episode auf der Spanischen Treppe in Rom, die vom reichhaltigen Schrempp-Schmonzetten-Repertoire wohl am Nachhaltigsten in Erinnerung bleibt:

Da hatte der Daimler-Benz-Chef mit seiner Mitarbeiterin und heutigen zweiten Ehefrau Lydia Deininger sowie einem weiteren Vertrauten unter Zuhilfenahme von Rotwein deren Geburtstag gefeiert. Spätabends wurden sie von römischen Polizisten auf eben dieser Treppe in eine kleine Auseinandersetzung verwickelt. Die Eskalation lieferte seinerzeit eindrucksvolle Schlagzeilen.

Schrempps Vorliebe für Rotwein und Cohibas wurde dann öffentlich nur noch selten zelebriert, nachdem er seinen größten Coup gelandet hatte: Die Fusion mit dem amerikanischen Autobauer Chrysler, 1998 enthusiastisch als "Hochzeit im Himmel" gefeiert.

Dass die familienliebenden Midwestener in Auburn Hills ein Jahr später allerdings in den Zeitungen lesen mussten, dass Schrempps Ehe mit seiner Frau Renate nach 35 Jahren in die Brüche ging, weil ihm angeblich die Firma wichtiger war, fanden die neuen Konzernangehörigen ziemlich gewöhnungsbedürftig. Heute lebt Schrempp mit seiner zweiten Ehefrau und den beiden gemeinsamen kleinen Kindern in München, wenn er nicht gerade am Konzernsitz Stuttgart dringend gebraucht wird.

Ein Deutscher aus Detroit

Von jener Hochzeit im Himmel an ging es jedenfalls bergab. Natürlich nicht wegen Schrempps Scheidung, sondern weil sich Chrysler kurz darauf als Milliardengrab entpuppte. Der US-Autobauer schrieb Verluste und musste erst einmal tiefgreifend saniert werden. Was auch immer der Konzernchef in den Folgejahren in seiner Entscheidungsfreude anpackte, es geriet ihm zum Fiasko.

2000 musste das defizitäre Nutzfahrzeuggeschäft auf Vordermann gebracht werden, 2004 trennte sich Schrempp schweren Herzens vom maroden asiatischen Partner Mitsubishi. Vor Monaten erst wurde der Kleinwagen Smart zum Sanierungsfall. Schließlich brach auch noch bei Mercedes die Krise aus. Ausgerechnet der glänzende Stern, die Seele des Autokonzerns, ist durch Qualitätsprobleme ramponiert worden.

Und ausgerechnet Schrempp, der mit dem Schlachtruf "Profit, Profit, Profit" den Vorstandsvorsitz erklommen und sich dem damals in Deutschland unbekannten Shareholder-Value verschrieben hatte, trieb zum Schluss die Aktionäre auf die Palme. Stets neue Brandherde im Konzern sorgten dafür, dass sich das Geld der Aktionäre eben gerade nicht mehrte, sondern verringerte. Seit der Fusion mit Chrysler anno 1998 sank der Unternehmenswert um mehr als 50Milliarden Euro.

Düstere Wolken zogen sich über Schrempps Kopf zusammen, was bei den beiden letzten Hauptversammlungen im April 2004 und 2005 deutlich zu beobachten war. Erstmals hatten sich dort auch Vertreter der sonst notorisch diskreten Fondsgesellschaften offen zu Wort gemeldet und Schrempp in vielen Variationen die Botschaft übermittelt: Die Geduld der Aktionäre ist zu Ende.

Zur SZ-Startseite